Ich bin ein Berliner

12. Februar 2007, 23:59
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Leserreise: Österreich - anders gesehen. Sascha Meisenberger macht sich in Berlin Gedanken über Inseln, Schönheit und Größenverhältnisse

Man soll Sätze nicht mit ich beginnen ... was soll´s: Schließlich habe das nicht nur ich gesagt, sondern auch John F. Kennedy. Ich dachte immer, ich sei Österreicher. Ich bin im tiefsten Österreich geboren worden. Um uns herum gab es nichts, nur Österreich. Keine Ausländer, keine anderen Sitten, nichts. Nur Österreich.

 

Es gibt nur Österreich. Es gibt auf der ganzen Welt kein anderes Land. So dachte ich. In der Schule lernten wir: "Austria est in omnis universum"*. Abgekürzt bedeutet das: AEIOU. Das sind ja zufällig alle Selbstlaute des Alphabets! Und noch dazu in alphabetischer Reihenfolge! Es kann auf der Welt nur ein Land geben. Und das heißt Österreich.

Habsburg hat Österreich regiert. In Österreich ging die Sonne nie unter. Das war zu der Zeit als Teile von Südamerika - die genauen sind mir entfallen - österreichisches Hoheitsgebiet waren. Und man denke nur an das Franz Josephs Land bei Russland!

Dann kam Amerika.

Dieser Typ während der Sommerfestspiele vor dem Wiener Rathaus sagte doch tatsächlich zu seiner weiblichen Begleitung: "Well, you know, you can fly over the German speaking world in about one hour!"**

Sag mal hat der Typ einen Knall? Bitte der ist ja krass! Österreich regiert die ganze Welt! Wovon spricht der eigentlich? Typisch Amerikaner. Total überheblich und größenwahnsinnig! So dachte ich.

Dann kam ich nach Berlin.

Berlin ist etwas anders. Ich dachte immer, Wien ist anders. Das war, oder ist ja doch der Spruch von Wien, oder? Ja, für mich war Wien anders. Die große Stadt eben. Eine Großstadt. In der ganzen Welt bekannt. Touristen aus China kamen hierher, nur um sich einen unserer Landsleute anzuhören - Mozart. Um sich unsere Häuser anzusehen, unsere Gärten, Schlösser, ja eigentlich uns!

Wir sind die größten, bekanntesten, begehrtesten - zumindest für Touristen und zumindest sind wir weltbekannt.

Dann aber kam Berlin.

Berlin ist ein bisschen anders. Ich meine wirklich anders. Berlin ist tatsächlich noch ein Stückchen mehr anders, als es Wien eh schon ist.

Berlin hat mir etwas gegeben. Berlin hat meine Sicht der Welt ein bisschen verändert. Es hat meine Sicht über Österreich ein bisschen verändert. Damals kam mir der Gedanke, dass Österreich vielleicht doch nicht die ganze Welt regiert. Vielleicht nicht einmal einen Teil davon.

Damals kam mir der Gedanke, dass Österreich eigentlich froh sein kann, dass es sich selbständig regieren darf und sich andere Länder nicht einmischen. Ich meine zum Beispiel Deutschland. Deutschland ist ein Land. Ein Staat.

Berlin ist auch ein Staat. Aber was ist dann Wien?

Wien ist ein Dorf. So gesehen. So gesehen, ist Wien ein Dorf und Österreich ein Stadtteil von Berlin. Aber was ist dann Deutschland?

Berlin hatte während der Zeit meines Aufenthaltes - und ich war sehr lange ein Berliner - drei Komma fünf Millionen Einwohner. Der größte Vorort von Berlin heißt Potsdam und hat noch mal ungefähr zwei hundert tausend Einwohner. Also die Größe von Linz.

Aber was ist schon Größe? Was bedeuten diese Zahlenspiele? Das ist doch nur Statistik. Was zählt ist der Mensch.

Und der ist in Berlin nicht anders als in Wien, oder?

Aber ich kam aus Österreich. Alleine die Stadt Berlin hat die Hälfte der Einwohner von ganz Österreich. Das sind doch ganz schön viele Menschen. Und erst die Ausdehnung von Berlin! Berlin ist fünfundsechzig Kilometer breit!

Also Berlin ist wirklich groß. Berlin hat drei Flughäfen innerhalb des Stadtgebietes. Dabei muss ich aber mal eine Lanze für Wien brechen. Der Wiener Flughafen ist einfach momentan der schönste - im ganzen Universum. Außer vielleicht der Flughafen von München, den kenn ich noch nicht.

Berlin-Tegel ist der nördliche Flughafen. Er war früher ein reiner Militärflughafen und ist heute der wichtigste Flughafen von Berlin. Er liegt, wie gesagt im Norden, und daher im ehemaligen West-Berlin.

Berlin hat eigentlich kein Zentrum. Wenn man sich die Stadt als einen Kreis vorstellt, und das kann man mit viel Phantasie, dann liegt im Zentrum der Flughafen Tempelhof. Der ist einigen bekannt. Es war jener Flughafen, über den in Zeiten des Kalten Krieges zwischen West und Ost, die Lebensmittelversorgung per Flugzeug für die Westberliner sichergestellt worden ist. Heute erinnert eine riesige Pranke an diese Zeit. Das Pendant dazu steht in Frankfurt. Wahrscheinlich sind die Flugzeuge mit der lebensnotwendigen Fracht aus Frankfurt weggeflogen.

Tempelhof ist aber nicht mehr attraktiv. Der Flughafen liegt mitten in der Stadt und stört daher die Wohnenden. Na ja, wen wundert´s? Die Rollbahn ist sehr kurz, sodass große Flieger dort sowieso nicht landen können. Also soll er verkauft werden. In der aufstrebenden Stadt Berlin, der neuen Hauptstadt der Deutschen, würden so auf einen Schlag mehrere Quadratkilometer wertvollen Baulandes mitten im Stadtgebiet für Büros, Wohnungen und vieles mehr frei werden. Ein Leckerbissen für jeden Immobilienmakler! Oder Fußball-Fan! Wer weiß?

Der dritte Flughafen heißt Schönefeld und liegt im Stadtteil Schönefeld, welch Zufall! Er liegt im Osten Berlins, eigentlich schon im Süden, so weit am Stadtrand, dass er schon mit Schwechat im Vergleich zu Wien gesehen werden kann. Mit einem Unterschied: Schönefeld liegt immer noch in Berlin. Schwechat ist dagegen nicht mehr Wien. Alles klar?

Berlin ist wirklich groß.

Berlin-Schönefeld soll der neue zentrale Großflughafen von Berlin werden und wird dann BBI, Berlin Brandenburg International heißen.

Soviel zu den Flughäfen.

Wien ist aber schöner. Wien hat zwar keinen Flughafen mitten am Stephansplatz, aber Wien hat den Stephansdom und der ist ja viel schöner als jedes Rollfeld. Und das ist das Zentrum von Wien.

Berlin hat kein Zentrum. Das kommt aus den Zeiten der Mauer. Der Ostteil hatte ein Zentrum und das hieß Alexanderplatz, oder wie die Berliner sagen: der Alex.

Der Westteil hatte eine Hauptmeile, den Kurfürstendamm. Eine Ecke weiter steht die Gedächtniskirche. Aber bitte, das ist kein Vergleich mit Wien! Berlin soll den Vergleich gar nicht versuchen, das wäre für Wien peinlich. Wien hat ein Zentrum. Berlin hat keines.

Wenn man dann für Berlin tätig wird, so hat man plötzlich die Verantwortung, das Interesse von drei Komma fünf Millionen Personen unter einen Hut zu bekommen und diese nach außen zu vertreten. Also für halb Österreich. Und das ist nur eine einzige Stadt! Viele Entscheidungen betreffen auch das Umland und wenn man ein bisschen länger bleibt und der Verantwortungsbereich größer wird, dann hat man plötzlich vierunddreißig Millionen Menschen aus drei Länder unter einen Hut zu bringen. Da spielt dann Österreich keine Rolle mehr. Denn auf die sieben Millionen kommt es nicht mehr an. Das ist krass, oder? So dachte ich. So veränderte sich meine Sicht über Österreich.

Da kam mir der Gedanke, ob es den Österreichern eigentlich nicht peinlich ist, wenn sie sich ÖsterREICH nennen. Bitte, das ist kein Reich, das ist ja nur eine größere Stadt! In welchen Zeiten leben die eigentlich ... Stopp!

So dachte ich. Damals war ich noch Österreicher, aber mit der Zeit wurde ich ein Berliner und dachte immer mehr in der Größenordung eines Berliners. Das ist ja irre, oder?

Aus dieser Sicht ist Österreich ein liebes, kleines, unschuldiges Land, das mit niemandem einen Streit haben will, weil es sich selbst genügt. Die Insel der Seligen halt. Aber irgendwie doch eine doofe Insel.

Als Deutscher muss man Farbe bekennen. Wir sind Teil der Nato. Wenn Amerika einen Krieg führt, sind wir ein Teil davon. Wenn Amerika angegriffen wird, werden unsere Freunde angegriffen. Das gibt einem ein Gefühl der Verantwortung. Österreich hat keine Verantwortung. Österreich spielt nicht einmal eine Rolle. Was sollen die sieben Millionen Menschen entscheiden? Man kann in Österreich schön Urlaub machen - ja, Wien! Was für eine Stadt!

Aber lasst uns über die ernsten Dinge des Lebens sinnieren, da kommt Österreich nicht vor. Ich habe jedenfalls nichts aus Österreich gehört. Nicht einmal von Jörg Haider hab ich was gehört. Der ist anscheinend nur in seinem eigenen Land bekannt. In Deutschland kennt ihn keine Sau. Sorry.

Was der Jörgi tut, das interessiert auf der Bühne Deutschland niemanden. Das wird nicht einmal registriert. Ob er das weiß? Zumindest habe ich nichts von ihm gehört, als ich in Deutschland war und der Jörgi ist doch so deutsch?

Jeder Türke, der ein paar Jahre in Deutschland lebt, fühlt sich nach kurzer Zeit deutscher als es der Jörgi je sein kann. Und ich selber fühlte mich auch als Ausländer, manchmal, im großen Berlin, in der fremden Stadt. Und dann als Deutscher.

Das hat meine Sicht über Ausländer auch anständig verändert. Und über Österreich. Und den Gedanken der Nationalität, der doch auch ein bisschen relativ ist, oder?

Als ich in Berlin war, war Condoleezza Rice auf Kurzbesuch. Einfach mal kurz da. Und schon wieder weg. Scheinen sich gut zu verstehen, die Deutschen und die Amerikaner. Auch George Bush war mal kurz da. Scheint eine wichtige Stadt zu sein - Berlin.

Da sagt der Typ doch tatsächlich: "You can fly over the German speaking world in about one hour!"

Sie erinnern sich! Das war dieser Amerikaner vor dem schönen gotischen Rathaus von Wien! Aber er hatte recht. Die USA sind noch größer. Aber aus deutscher Sicht nicht einmal so viel! Die USA haben ungefähr zweihundertzehn Millionen Einwohner. Das ist dreimal soviel wie Deutschland.

Drei mal soviel! Bitte, das ist ja gar nichts! Deutschland ist ja praktisch so groß wie die USA. Aber die USA sind flächenmäßig größer. Doch um einiges.

Aber das hat meine Sicht über mein Österreich doch ein wenig verändert. Österreich - Deutschland - USA.

Oder anders ausgedrückt: AEIOU - Austria, eine Insel ohne Unterschied. Und wenn wir nur wollten, würden wir die ganze Welt regieren - aber wir wollen ja gar nicht!

Und wenn ich meine deutschen Freunde auch in Berlin gelassen habe, so hat sich doch alles verändert. Österreich. Mein Österreich. Und nicht zuletzt auch mein Nationalgefühl. Das ist jetzt doch auch ein bisschen relativiert und ich freu mich schon auf das nächste Land!

Vielleicht Australien? Ein ganzer Kontinent!? Werde ich dann kein Europäer mehr sein? So zählt letzten Endes doch nur eins: der Mensch. Respekt. Und Toleranz. Egal wo. Denn Österreich ist überall. In diesem Sinne. (Mag. Sascha Meisenberger)

* lateinisch für "Österreich ist im ganzen Universum", oder "Die ganze Welt ist österreichisch."
** englisch für "Weißt du, man kann in einer Stunde mit dem Flugzeug über die gesamte deutschsprachige Welt fliegen!"

Mag. Sascha Meisenberger studierte Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft und lebte und arbeitete in Berlin für die Industrie- und Handelskammer sowie für das Generalsekretariat der Kammerunion Elbe/Oder für Deutschland, Tschechien und Polen. Kurz nach seiner Rückkehr schrieb er obigen Artikel und lebt und arbeitet heute für einen Steuerberater in Wien.

Bei dem Text handelt es sich um einen Gastkommentar von unserem Leser Mag. Sascha Meisenberger. Für den Inhalt ist ausschließlich der Verfasser verantwortlich.

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    foto: pixelquelle.de

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