kinovi[sie]on zeigt "Mädchen in Uniform"

10. Jänner 2007, 09:03
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Leontine Sagans weibliche Sicht wird mit dem männlichen Blick des ungarischen Regisseurs Géza von Radványi konfrontiert

kinovi[sie]on stellt im Jänner zwei sehr unterschiedliche Verfilmungen derselben Vorlage einander gegenüber: die (weibliche) Sicht auf Mädchen in Uniform von Leontine Sagan (1931) wird mit dem (männlichen) Blick des ungarischen Regisseurs Géza von Radványi aus dem Jahr 1958 konfrontiert.

(Lesbische) Filmgeschichte

Am Montag, 8.1. um 19.20 Uhr wurde im Leokino 2 Sagans Verfilmung gezeigt.

Zum Inhalt:
Die vierzehnjährige Offizierstochter Manuela von Meinhardis wird nach dem Tod beider Eltern auf ein Stift für verarmte höhere Töchter nach Potsdam geschickt. Wie schon der Titel suggeriert, kommt das Internatsleben einer Internierung gleich: "Zucht und Ordnung" lautet die Devise; Uniformierung und Militarisierung sind die erklärten Unterrichtsziele für Soldatentöchter, die unter preußischem Drill zu künftigen Soldatenmüttern herangebildet werden sollen. Manuela kann sich den herrschenden Regeln nur schwer anpassen. Die einzige Person, die dem sensiblen, fantasievoll veranlagten Mädchen Verständnis und Wärme entgegenbringt, ist Fräulein von Bernburg, in die sich Manuela mit jugendlicher Leidenschaft verlieben wird. Die berührende und tragische Entwicklung dieser verbotenen Liebe ist (lesbische) Filmgeschichte.

Leontine Sagans Verfilmung basiert auf dem Bühnenstück "Gestern und Heute" von Christa Winsloe und war nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, den USA, Japan und Mexiko sehr erfolgreich, was ein japanisches und sogar ein mexikanisches Remake erklärt: Onna no sono (Der Garten der Frauen) 1954 von Keisuke Kinoshita und Muchachas de Uniforme 1951 von Alfredo B. Crevenna. In der Weimarer Republik mit Jugendverbot belegt, wurde Sagans Mädchen in Uniform 1934 von den Nazis innerhalb des Dritten Reiches verboten. 1958 nimmt der Regisseur Géza von Radványi Winsloes Vorlage in seiner gleichnamigen Neuverfilmung mit Starbesetzung wieder auf: Ein Vergleich macht nicht nur Veränderungen im Frauenbild sichtbar, sondern verdeutlicht auch die in den 50er-Jahren vorherrschende Rückkehr zur Prüderie.

Sagans Mädchen in Uniform stellt aufgrund der ausschließlich weiblichen Schauspielbesetzung und der Zusammenarbeit von zwei Frauen in den Schlüsselfunktionen Regie und Drehbuch eine (historische) Besonderheit dar. "Ein guter deutscher Film" titelt der Filmwissenschaftler und Journalist Siegfried Kracauer 1931 und lobt in seiner Filmrezension Sagans handwerklich sichere Regieleistung, ihr genaues Wissen um Ausdrucksformen und ihr feines Stilempfinden.

Sagan erhielt für ihren Film zwei internationale Auszeichnungen: Filmfestival Venedig - Publikumspreis für den technisch besten Film (1932), Kinema Junpo Award (Tokio) für den besten fremdsprachigen Film (1934).

Stark abgeschwächt

Am Samstag, 14.1. um 18.35 Uhr, ebenfalls im Leokino 2, wird Géza von Radványis Version zu sehen sein. Sein Remake mit Starbesetzung - Romy Schneider (Manuela), Lilly Palmer (Fräulein von Bernburg) - basiert ebenfalls auf Winsloes Vorlage, allerdings werden sowohl die lesbischen Inhalte als auch die politische Positionierung stark abgeschwächt. Unterschiedliche Ansätze sozialer Kritik bleiben vage. (red)

Links

kinovi[sie]on, Otto Preminger-Institut (Leokino/Cinematograph), Innrain 37a, 6020 Innsbruck

Leokino, Museumstraße 31, 6020 Innsbruck
  • Ein Vergleich zwischen der Filmversion aus den 30ern (Bild) und dem Remake macht nicht nur Veränderungen im Frauenbild sichtbar, sondern verdeutlicht auch die in den 50er-Jahren vorherrschende Rückkehr zur Prüderie.
    foto: filmstill/standard
    Ein Vergleich zwischen der Filmversion aus den 30ern (Bild) und dem Remake macht nicht nur Veränderungen im Frauenbild sichtbar, sondern verdeutlicht auch die in den 50er-Jahren vorherrschende Rückkehr zur Prüderie.
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