"Kopftuch hindert nicht am Denken"

5. Jänner 2007, 16:11
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Strenggläubige Musliminnen mit guter Ausbildung stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen: Sie wollen arbeiten. Und sie möchten dabei ihr Kopftuch tragen

Zwei Monate lang schickte die Handelsakademie-Absolventin Asuman Yilmaz etliche Bewerbungsunterlagen - mit einem Foto, auf dem sie ein Kopftuch trägt. Sie erhielt nur Absagen. Dann griff sie zu einem Trick und wählte ein Foto ohne Kopftuch. Nun wurde sie fünfmal pro Woche zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Vier Monate lang. Job bekam sie keinen. Denn zu den Gesprächen kam Yilmaz mit Kopftuch. "Einige machten ein verblüfftes Gesicht, als sie mich sahen", sagt Yilmaz. "Bei anderen war die Ablehnung spürbar, doch man hat mich nicht auf das Kopftuch angesprochen." Nur bei der Erste Bank sagte man ihr direkt, dass ein Kopftuch im Kundenkontakt nicht möglich sei. Erst nach einem halben Jahr intensiver Suche hatte Yilmaz Glück - sie ist nun Teamassistentin in der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik.

"Anderes akzeptieren"

Fatma Adsalmis studiert Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Nebenbei jobbt sie, vor allem in Callcentern. "Da wird man leicht genommen, die Kunden sehen mich ja nicht." Ein charmantes Telefongespräch führen und dabei Zeitschriftenabos verkaufen kann sie.

Seit Kurzem macht Adsalmis für Gallup Meinungsbefragungen. Ob sie damit Geld verdienen kann, ist ihr eigenes Risiko, denn sie wird pro Interview bezahlt. Für ein Praktikum bewarb sie sich bei einer Bank, wurde abgelehnt - und vermutete zuerst, sie sei wegen des Kopftuchs zurückgewiesen worden. Dieselbe Bank ermöglichte jedoch ihrer Kopftuch-tragenden Kusine ein Praktikum.

Junge Frauen wie Asuman Yilmaz und Fatma Adsalmis stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Sie kommen als Kinder nach Österreich oder werden hier geboren. Sie sprechen ein österreichisches Deutsch und sind in die Gesellschaft integriert. Sie absolvieren die Schule oder die Uni und streben eine Position an, die ihrer Ausbildung entspricht. Und sie sind Musliminnen, die den Koran streng auslegen und deswegen ihre Haare bedecken und keine Haut an Armen und Beinen zeigen.

Yilmaz und Adsalmis sind nicht mit Migrantinnen vergleichbar, die oft mangelhaft Deutsch sprechen und eine ungenügende oder formal nicht anerkannte Ausbildung haben. "Diese Frauen haben viele Nachteile am Arbeitsmarkt und können aus vielen Gründen ausgegrenzt werden. Wenn sie dann noch ein Kopftuch tragen, ist das nur ein verstärkendes Element", sagt Ursula Morokutti, die bei abz austria Beratung und Qualifizierungsmaßnahmen für Migrantinnen durchführt. Migrantinnen haben zudem oft nicht das Selbstbewusstsein, gegen Diskriminierung anzukämpfen. Yilmaz und Adsalmis dagegen haben in Österreich die Werte der Demokratie aufgesogen und zeigen nun die erlebten Widersprüche und Defizite auf. Yilmaz: "Integration bedeutet für mich, das Andere zu kennen und zu akzeptieren, ohne das Eigene aufgeben zu müssen. Ich sehe anders als andere Frauen aus, aber auch eine Frau mit Piercing, Tattoos oder bunten Haaren sieht anders aus."

Während der langen Jobsuche dachte Yilmaz manchmal, dass sie ihre Prinzipien verletzen müsse, um eine Arbeit zu finden. Von solchen Überlegungen weiß auch Ursula Axmann, Leiterin des Zentrums für Berufsplanung an der Wirtschaftsuniversität Wien. "Absolventinnen stellen sich bei ihren Bewerbungen auf den Dresscode der Branche ein, in der sie arbeiten wollen." Nur wenige WU-Absolventinnen würden in der Bewerbungsphase auf dem Kopftuch bestehen. Asuman Yilmaz tat es: "Mein Kopftuch hindert mich doch nicht am Denken und Arbeiten!" (Margarete Endl, Der Standard, Printausgabe 5./6./7.1.2007)

  • Schwierigkeiten bei der Jobsuche: Gläubige Musliminnen sehen sich nicht selten vor der Entscheidung, das Kopftuch für den Job abzulegen.
    foto: christian fischer

    Schwierigkeiten bei der Jobsuche: Gläubige Musliminnen sehen sich nicht selten vor der Entscheidung, das Kopftuch für den Job abzulegen.

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