Saure-Gurken-Zeit

7. Jänner 2007, 17:00
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Essiggurkerl im Test: Monika Sperber hat probiert, ob sauer wirklich lustig macht, und führt den Begriff Saure-Gurken-Zeit ad absurdum

Selbst Experten sind sich über die Herkunft der Gurke nicht einig. Die ältesten Samen der zur Kürbisfamilie gehörenden Pflanze stammen aus dem Neolithikum und sollen an der thailändisch-burmesischen Grenze in Höhlenwänden gefunden worden sein. Ihr Alter wird auf mehr als 9000 Jahre geschätzt. Andere Wissenschafter misstrauen hingegen diesen Funden und sehen die Heimat der Gurke auf dem afrikanischen Kontinent, von wo sie dann weiter nach Europa gelangte. Tempelfresken aus dem alten Ägypten vor über 4000 Jahren dienen ihnen als Beweis. Mit Sicherheit jedoch wussten die Römer und Griechen die grünen Früchte zu schätzen: Die in zahlreichen Rezepten überlieferten Gurkenleckereien des römischen Feinschmeckers Apicius lassen keinerlei Zweifel daran aufkommen.

Auch altertumskundliche Funde verkohlter Gurkensamen in London belegen die frühe Existenz der stangenförmigen Früchte. Andere, weniger appetitliche archäologische Beweise stammen aus Latrinenfunden im Spätmittelalter. Um 1600 fand die zu 97 Prozent aus Wasser bestehende Pflanze schließlich ihren Weg zu den slawischen Völkern, die angeblich als Erste die Milchsäuregärung durchführten, die Gurken einlegten und damit sozusagen als Erfinder des Essiggurkerls in die Geschichte eingingen.

Seither genießen die Menschen die säuerlich-aromatische Beigabe - und zwar gleichermaßen das ganze Jahr über. Von saisonalen Schwankungen oder einer zeitlich begrenzten Saure-Gurken-Zeit, von der die Medien in den Sommermonaten gerne heimgesucht werden, kann also keine Rede sein. Saure-Gurken-Zeit ist nämlich das ganze Jahr über.

Die Kriterien

Gewürzgurken oder Essiggurken sind junge, unreife Gurken, die mit einem kochenden, gewürzten Essig-Kräuter-Sud übergossen und dadurch pasteurisiert wurden. Eine Komposition aus Dille, weißen Senfkörnern, Zucker und Salz sowie verschiedene Aromen verleihen den Gurken ihren individuellen Geschmack. Je kleiner die Gurken, desto aromatischer sind sie. Deshalb beschränkte sich der Standard-Test auf eine Gurkerlgröße von etwa drei bis sechs Zentimetern, die unter die Bezeichnung "süß-sauer" oder "Gewürzgurke" im Handel geführt werden. Die Inhaltsstoffe der beiden unterscheiden sich nur wenig, das Würzgemüse war vielfach auch in der Kategorie "süß-sauer" zu finden.

Das siebenköpfige Testteam bewertete sowohl den puren Geschmack des Gurkerls als auch seine Tauglichkeit als Beigabe in der Extrawurstsemmel, dem Klassiker der Zwischendurchmahlzeit, der ohne die grüne Einlage nur halb so gut schmeckt. Weitere Kriterien waren Aussehen, Appetitlichkeit, Ästhetik der "Verpackung" und die Inhaltsstoffe. Was zudem nicht fehlen durfte, war die zentrale Frage "Wie knackig ist das Gurkerl?", die vielfach enttäuschende Antworten brachte.

Die Ergebnisse

Machland Cornichons

330 g um 0,79 Euro (Merkur)

Angenehme Süße, betonte Säure, milder Würzcharakter ohne Eskapaden: Der unangefochtener Testsieger ist rund und ausgewogen im Geschmack - bei diesem Urteil herrschte traute Einigkeit im Testteam. Natürlich wirkt nicht nur das Design des Glases, auch die unterschiedlich großen Gurkerln zeigen sich grün, frisch, appetitlich und natürlich. Glasklar wie bei kaum einer anderen Marke ist hier auch das "Essig-Gewürz-Bad". Abgesehen von einem "Ausreißer" spielt Machland auch in Sachen Knackigkeit in der obersten Liga mit. In der Extrawurstsemmel machten die grünen Aromaspender ebenfalls eine gute Figur; nur ein kritischer Tester fand sie zu süß. Bemerkenswert: Machland verwendet keinen Zucker, sondern Saccharin als Süßstoff. 7,8 Punkte

Knax (Hengstenberg) Gewürzgurken

330 g um 1,19 Euro (Spar)

"Knackig und würzig" verspricht das Etikett - und genau das sind auch die Eigenschaften der unterschiedlich großen Gurken. Sie schmecken intensiv nach Gewürzen mit einem Überhang zu Dille (die sich auch auf dem Etikett in den Vordergrund drängt) und Senfkörnern und laufen im Hinblick auf die Knackigkeit sogar dem Testsieger den Rang ab. Das fällt bereits beim Aufspießen der grünen Früchte auf, und selbst in der Wurstsemmel lässt die Knackigkeit nicht nach. Beim "Dreier" (Gurkerln/Extra/Semmerl) kommt ein intensiver Säuregeschmack hervor, der nicht jedermanns Sache ist. Die hellgrüne Gurkerlfarbe steht im Kontrast zum leicht trüben Essig-Kräuter-Sud mit vielen Gewürzen am Boden. 7,4 Punkte

Staud Wiener Gewürzgurke

314 ml um 1,99 Euro (Merkur)

Der Geschmack der Gewürzgurken kann leider nicht mit dem bestechend eleganten, achteckigen Glas mithalten. Stattdessen verdient Staud das Prädikat "süßestes Gurkerl": Die Palette der Bewertungen reicht von "süß-zimtig" über "süßlich mild" bis zu "penetrant süß". Die zierlichen, formschönen "Designer-Gurkerln" waren etwas blass und mäßig knackig. In der Wurstsemmel kam ebenfalls die dominante Süße zur Geltung, was mancher als "anregend interessante Geschmacksvariante" empfand, die echten Wurstsemmel-Spezialisten, die saure Geschmackskontraste einforderten, allerdings störte. 6,1 Punkte

Felix kleine, feine Gurken, süß-sauer

580 ml um 1,49 Euro (Merkur)

Ein unaufgeregtes, wenn nicht sogar langweiliges süß-saures Gurkerl, das allein genossen niemanden überzeugen kann, dafür aber in der Wurstsemmel umso mehr Zuspruch erntet. Die milde Extrawurst und das saure Gurkerl ergänzen einander optimal und lassen die Herzen von Wurstsemmel-Aficionados höher schlagen. Die Säure ist neben der relativ hohen Knackigkeit die geheime Stärke dieses sonst durchschnittlichen Gurkerls. Unterschiedliche Größen und Formen, ein leicht gräuliches Grün und herumschwimmende Gurkenteile animieren ebenso wenig zu optischen Bestnoten wie die langweilige "Verpackung". 5,5 Punkte

Giggles Premium Cornichons

680 g um 1,19 Euro (Zielpunkt)

Diese Exemplare weisen auffallend viel Säure auf und hinterlassen eine unnatürliche Geschmacksnote beim Abgang, manchmal sogar "ein pelziges Gefühl auf der Zunge". Der lapidare Verweis "Aroma" bei den Inhaltsstoffen ist ebenfalls wenig vertrauenserweckend. So kräftig die knackigen, kleinen, aber blassen Gurkerln mit reichlich Würzgemüse solo genossen schmecken, so sehr verlieren sie sich in der Wurstsemmel und werden unauffällig, beinahe geschmacklos. Den preisgünstigen Cornichons im modernen Design-Glas mit schwarzem Deckel fehlt - im Gegensatz zu allen anderen getesteten Gurkerln - jede zusätzliche Kategorisierung des Herstellers. 5,3 Punkte

efko Delikatessgurke süß-sauer

370 ml um 1,29 Euro (Merkur)

Die appetitlich aussehenden, gleichmäßigen Gurkerln schmecken leicht süß - für manche Tester zu süß - bei gleichzeitig sehr dominanter Säure. Auch efko verwendet zur Süßung keinen Zucker, sondern Saccharin. In Sachen Knackigkeit bleiben diese Exemplare aber hinter allen anderen Kandidaten zurück, die Wertung reicht von "durchschnittlich" bis zu "letschert". Trotz des intensiven Geschmacks vermag sich dieses Gurkerl gegen die Wurstsemmel nicht durchzusetzen und überzeugt in der Kombination ebenso wenig wie die gläserne "Verpackung". Nicht mehr und nicht weniger als ein Durchschnittsgurkerl. 5,2 Punkte

Gurkenprinz piccolo, süß-sauer

370 ml um 1,69 Euro (Merkur)

Eine Spur zu würzig zeigt sich das Gurkerl - vielfach mit Stängel - aus dem Burgenland. Der intensive, süß-saure Geschmack nach Essig und Senfkörnern wirkt irritierend und wird beim Genuss mehrerer Exemplare penetrant. Selbst in der Wurstsemmel verliert sich die intensive Eigennote nicht. Nur durchschnittlich ist auch die Knackigkeit: Obwohl im Ansatz fest, sind die Gurkerln in der Mitte weich. Viel Sympathie ernten hingegen das Würzgemüse und der rote Paprika im Glas, das grafisch verspielt zwischen kleinem Prinzen und Froschkönig angesiedelt ist. Die Süße setzt sich bei diesen Exemplaren sowohl aus Zucker als auch Saccharin-Natrium zusammen. 5 Punkte (Der Standard, Printausgabe 5./6./7.1.2007)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.
  • Da gibt's Sauers: Unreife Früchtchen mischen seit Jahrhunderten die Geschmacksnerven von Feinschmeckern auf.
    foto: christian fischer

    Da gibt's Sauers: Unreife Früchtchen mischen seit Jahrhunderten die Geschmacksnerven von Feinschmeckern auf.

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