Marokkos Lichtgestalten

8. Jänner 2007, 17:00
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Marokkos Hennalampen sind unpraktisch im Karawanenzelt. Den Weg zu den stillsten Orten einer Sahara-Nacht findet man aber auch im Mondlicht

Ein Schritt vor den anderen, vor den anderen, vor den anderen. Der Boden unter den Wandersandalen ändert sich ständig, ist weich und rieselnd, schottrig und steinig, dann wieder hartgebacken von Hitze und Wind - und der Horizont bleibt stundenlang derselbe. Man wandert durch die Wüste, jenseits des hohen Atlas, rundum nur Dünen, einige Weggefährten und die milchige Sonne, vom schwebenden Sand diffus verschleiert. Das Leben ist in diesen Stunden ein kleiner Rucksack mit Wasserflasche, der Blick auf ferne Gebirge und Wolken, leise pfeifender Wind, der eigene Atem und Gedanken.

Zwei Tage davor war man noch Tourist in Marrakesch, hat sich durch die Schlupfwege der Altstadt geschlängelt, hat gestaunt über die Pracht der Innenhöfe und hat sich im harems-schummrigen Herbergszimmer mit Wänden aus rotem, poliertem Kalk gefühlt wie in Tausendundeiner Nacht. Und dann erst die Souks mit einer Warenpracht, die selbst hartgesottene Asketen in Kaufrausch verfallen lassen. Aber was macht man schon mit einer Hennalampe im Handgepäck?

Karawane los!

Ja, und dann kommt der Morgen der Abfahrt in die Wüste. Im erwachenden Marrakesch steigt man in hochbeladene Jeeps und fährt dem Abenteuer entgegen, über den hohen Atlas mit Zwischenstopp in Tademt, einer Ortschaft vor der Passhöhe Tizi-n-Tichka, wo Brot, Gemüse, Obst und ein wenig Fleisch aufgeladen werden, unsere Verpflegung für die nächsten Tage. Die rumplige Fahrt lässt einen mit den noch fremden Wandergesellen schnell freundschaftlich schwanken, und als man abends beim letzten Brunnen am Wüstenrand angekommen ist, wo das Nutzwasser aufgefüllt wird, hilft schon jeder jedem, zum Beispiel beim Schlingen und Winden der berberblauen Turbantücher.

Finster ist's, sehr schnell sehr finster. Besonders für Campingneulinge, die ein Zelt nur aus dem Zirkus kennen. Aber offenbar haben sich schon viele Leute sehr viel beim Herstellen von Zelten überlegt, und so ein Igluzelt steht dann wirklich in fünf Minuten (mit ein bisschen Hilfe der neuen Wanderfreunde und des Freundeführers: Fremdenführer ist bei diesem netten und klugen Mann, der englische Literatur studiert hat und fünf Sprachen meisterhaft und ein paar rudimentär beherrscht, wirklich der falsche Ausdruck).

Und dann sitzt man im vorsorglich aufgestellten Gemeinschaftszelt auf den Schlafmatten, die rings um den Teppich, der als Tisch dient, gruppiert sind, speist die erste Wüstenmahlzeit, Couscous, wunderschön auf Platten angerichtet, und schämt sich insgeheim ein wenig bei dem Gedanken, dass man selbst das nur mit viel Getue in der wohlausgestatteten Küche bewerkstelligen kann, während hier ein Berber auf einer einzigen Gasflamme für 15 Leute kocht. Dafür gibt es übrigens ein eigenes Kochzelt, in dem alles vorbereitet und abgewaschen und verstaut wird.

Alles in den Höcker

Verstaut wird auch jeglicher Mist. Essensabfälle "verstauen" die Kamele (eigentlich Dromedare, aber Kamele klingt einfach romantischer), die sogar Bananenschalen mit großer Begeisterung mümmeln, der Rest wird verbrannt, alles Nichtbrennbare mitgenommen und bei der Rückkehr entsorgt. Ist alles aufgeladen auf die mit Recht brummelnden Höckertiere - jedes muss über 200 Kilogramm Last schleppen - sollte der Lagerplatz nicht mehr als solcher erkennbar sein.

Apropos. Vorsorglich aufgestellt wird auch ein Klozelt, eine wunderbare Erfindung, denn dort hängt ein Mistsack, in den das Papier geworfen werden kann, eine zuschüttbare Grube lässt den Rest verschwinden, und man muss sich weiter keine Gedanken machen. Ganz im Gegensatz zum Verrichten derartiger Bedürfnisse im freien Gelände: Die Schwierigkeiten kann nur ermessen, wer einmal versucht hat, nasses Papier im Windkanal zu verbrennen. Wer noch ein zusätzliches Handicap braucht, hängt sich einen Flatterschal um.

Am stillsten Ort

Die erste Nacht unter flirrendem Sternenhimmel. Man wacht irgendwann auf und wundert sich, wo die Scheinwerfer herkommen, die das Zelt anstrahlen - sie entpuppen sich als der Mond, der jetzt alles überstrahlt und ausgerechnet den Weg zum Klozelt so mystisch beleuchtet. Mit der absoluten Ruhe zu leben, ist allerdings eine ganz andere, gewöhnungsbedürftige Sache - ein stiller Ort zur Potenz.

Das erste Frühstück in der Wüste. Auf einer Düne serviert, mit allem Luxus, Tee oder Kaffee, Honig, Marmeladen, Brot und sogar kleinen Palatschinken, die mit Blick auf Sandmeer und Wüstenschiffe (die schon wieder grummeln und blubbern) noch wunderbarer schmecken. Und dann geht's los. Vier Stunden ordentlich ausgeholt. Irgendwo entdeckt man später in der Ferne irgendetwas, das sich als Tamariskenstauden mit einem Kamel darunter entpuppt (die Kamele gehen mit ihren sechs bis sieben Kilometern pro Stunde vor zum nächsten Nachtlagerplatz, eines bleibt manchmal bei der Gruppe). Es wartet bereits der unverzichtbare Tee, ein perfekt gekochtes Reisgericht, dekorativ serviert, und frische Früchte, echter Luxus halt.

Nach einem wohltuenden Dünen-Nickerchen geht's weiter, bis man das Lager erreicht. Am besten mit Stöcken, die ich immer so lächerlich gefunden habe, seit der Wüstenwanderung liebe ich sie. Man hat immer noch "einen Gang mehr", wird langsamer müde und kann das Gehen stärker den Armen überlassen.

Was noch kommt? Tee trinken, Zelt aufschlagen, abendessen, plaudern, in den Schlafsack krabbeln, Klozelt besuchen, viel ändert sich nicht. Doch man wird täglich aufmerksamer. Sorgfältiger. Man entdeckt Dinge wie Luft ohne Geruch. Tierspuren. Käferchen. Muscheln. Wunderbare Fossilien. Man begreift den Wert von Wasser. Und wie wenig man braucht zum Leben. Es tut mir beim Erzählen leid, dass es bereits Erinnerung ist. (Elisabeth Hewson/Der Standard/Printausgabe/5./6./7.1.2006)

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    foto: pixelquelle.de
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