Palast in einem Labyrinth: Jules Barbey d'Aurevilly (1808–1889)

11. Jänner 2007, 20:36
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Ob "Gegen Goethe" oder für die Eleganz des Dandytums: Einer der brillantesten Autoren Frankreichs ergriff mit eleganter Feder Partei

Bei Matthes & Seitz erscheinen nun nach und nach seine Werke.


Wien – August 1870, Paris: Napoleon III. hat eben Preußen den Krieg erklärt. Ein französischer Herr, den Schnurrbart à la Flaubert, tritt der Nationalgarde bei, Stadt und Land vor den deutschen Truppen zu schützen. In den Pausen liest er – Goethe. Sämtliche Werke.

Nein, besagter Herr war keiner jener Germanophilen, die seit Erscheinen von Madame de Staëls "De l'Allemagne" im Jahr 1810 deutschen Geist und deutsche Tugend, vor allem aber den deutschen Geheimrat, bewunderten. Mitnichten:

"Dieser große Goethe langweilte mich ... Er bombardierte mich mit Langeweile! Von allen deutschen Geschossen, die über meinem Stadtteil niedergingen, waren die 'Sämtlichen Werke' für mich das schwerste", resümiert Jules Barbey d'Aurevilly, so heißt der Goethe-Leser, drei Jahre später seine Lektüre.

Und rächt sich gründlich: In einer Folge von Essays beleuchtet er den hessischen Olymp. Faust: von Marlow gestohlen, Mephisto zudem ein schäbiger "Kammerdiener der Hölle". "Fragen Sie mal die Kenner in Sachen Teufel!". Die Frauenfiguren: alles Gretchen. Die Gedichte: "er hat nur eben Quak! gemacht". Barbey fehlt dezidiert das Leben "in diesem menschlichen Gips" aus Weimar.

Lustvoll verdreht er Zitate in ihr Gegenteil. Die Selbstgefälligkeit des Schicksalsverwöhnten, den "sein durch lebenslanges, unverhältnismäßiges Glück geblendeter Stolz in die kleinsten Krümel seiner Produktion verliebt gemacht hat, als seien es Hostien", "dieser trockene Egoist, der seine Seele aufzieht wie ein Uhrmacher seine Uhr" kann ihm nur missfallen. Ihm, dem zeitlebens das Los des Verlierers beschieden war. Ein Los, dem er mit Stil und Eleganz Würde und Anmut zu verleihen verstand.

"Einen der größten französischen Schriftsteller" nannte ihn André Maurois 1959. "Er war zum Ruhm geboren; er war seiner würdig, und er wusste es." Allein, der Ruhm, er blieb für Barbey auf einen sehr engen Kreis französischer Intellektueller beschränkt, die den brillanten Geist des 1808 in Saint-Sauveur-le-Vicomte in der Normandie Geborenen zu schätzen wussten. – Und denen es gelang, sich nicht mit ihm zu überwerfen.

Denn Barbeys Hohn, den er in Kolumnen für wechselnde Zeitungen – kaum ein Blatt, das er nicht grollend ob inhaltlicher Zumutungen hinter sich gelassen hätte – ausgoss, Barbeys Hohn kannte keine Nachsicht.

Unmoralische Romane

Neben treuen Freunden, vielleicht mehr noch als diese, fehlte ihm, dem funkelnden Katholiken und Monarchisten, der 17-jährig einer Frau wegen, einer verheirateten Cousine, die Normandie und das väterliche Erbe hinter sich gelassen hatte, auch das Geld. Der Autor hoch gelobter, aufgrund ihrer Unmoral kritisierter Romane wie "Eine alte Geliebte", "Die Gebannte", "Die Teuflischen" lebte in einem Zimmer in einer ärmlichen Pariser Straße, "in einer Behausung, die an einen Kuhstall erinnert", wie Edmond de Goncourt, einst Opfer von Barbeys Attacken, 1875 mit zarter Genugtuung in seinem Tagebuch vermerkt. Nicht ohne hinzuzufügen, "man muss zugeben, dass er die Höflichkeit eines Edelmannes und die Anmut eines Herrn aus gutem Hause besitzt, trotz dieses Drecklochs". "Barbey d'Aurevilly, wieder in einem seltsamen Gewand und mit dem auffällig gefärbten Bart- und Haupthaar, das ihn wie eine Wachsfigur aus Curtius' Kabinett aussehen lässt", notiert er zehn Jahre später.

Zunehmend verletzt – und verletzbar – zog sich Jules Barbey d'Aurevilly hinter einen etwas bizarren Dandyismus zurück, jene Haltung, deren Gesetzen er 1844 bereits einen seiner brillantesten Essays gewidmet hatte: "Über das Dandytum". Er hüllte sich in samtgefütterte Schäfermäntel eigener Kreation. "Für eine teure Freundin ließ er seine Bücher in weißes Maroquin binden", berichtet Maurois, "und schickte sie ihr mit der Widmung zu: Man zieht den besten Anzug an, wenn man zur Königin geht."

Nicht in Ziegenleder, wohl aber geschmackvollst ausgestattet und ergänzt um einen reichen Anmerkungsapparat, erscheinen Jules Barbeys d'Aurevillys Werke nun bei Matthes & Seitz. Nach "Gegen Goethe" im Vorjahr nun "Über das Dandytum". Weitere sollen folgen. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6./7.1.2007)

Jules Barbey d'Aurevilly: "Gegen Goethe". 144 S./ 19,80 Euro. Matthes & Seitz, 2005. Ders.: "Über das Dandytum". 176 S./19,80 Euro.
  • Jules Barbey d'Aurevilly, um 1865.
    foto: nadar/matthes & seitz

    Jules Barbey d'Aurevilly, um 1865.

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