Lichtgestalt der inneren Emigration

11. Jänner 2007, 20:36
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Theodor Sappers während der Naziherrschaft entstandener Roman "Kettenreaktion Kontra" wurde endlich publiziert

Da geht einer mit dem spirituell verheißungsvollen Namen Pfingster im Jahr 1942 durchs Steirische und registriert die Entgegenkommenden: "Ihm zeigen alle den gleichen Ausdruck. Der ist ungefähr vorschriftsmäßig: so, wie man halt heute aussieht. (...) Rauflustig dreinschauen soll der Mann, und fanatische Besessenheit soll die Frau an den Typ der Walküre angleichen." Für den, der gegen den Strom schwimmt, wird auch sichtbar, was nicht da ist: "Man sieht ihnen nicht bloß die Brutalität an – man kann sich auch gut die Opfer vorstellen, gegen die sie ausgeübt wird. Diese Opfer begegnen einem auf der Straße nicht – aber doch ist es so, als müßten ihre Gesichter irgendwo in der Nähe sein, Duldergesichter, in die sogleich eingeschlagen werden wird von ihren Feinden."

Die Wahrnehmung der Opfer, die keiner damals gesehen hat und von denen später keiner reden wollte, das ist der Fluch des allzu fantasiebegabten Helden und zugleich das Verdienst des Autors Theodor Sapper (1905– 1982). Sein in alle Richtungen explodierender Zeitroman Kettenreaktion Kontra, zu einem guten Teil während der Naziherrschaft entstanden und "Den Opfern der Rassenverfolgung 1933–1945" gewidmet, wurde nun, seltsam genug, zum ersten Mal publiziert, nicht in einem der heimischen Literaturverlage, sondern in einem auf Architekturbücher spezialisierten Salzburger Haus. "Ich bin überzeugt davon", schrieb Elias Canetti dem Autor 1952, "daß das Land, in dem dieses Werk entstanden ist, noch darauf stolz sein wird, und es ist mein tiefster Wunsch, daß man es BALD begreift." Bevor man auf etwas stolz sein kann, muss man es freilich kennen, und so ist, von einem literaturpatriotischen Standpunkt, Friedrich Kurrent zu danken, der als unermüdlicher Verbinder zwischen Architektur und Dichtung die Kettenreaktion beim Verlag Anton Pustet initiierte.

Hat man Sappers Assoziationsgewebe eines Verfolgten aus den Terrorjahren 1938–1945, wie es im Untertitel heißt, gelesen, dann wird man es den großen Abrechnungen mit dem braunen Ungeist zur Seite stellen, den Romanen Hans Leberts und Albert Drachs. Formal mutet das Buch wie ein Amalgam aus Albert Ehrenstein und Dostojewski, Abraham a Santa Clara und Karl Kraus an, expressionistisch-visionär, barock ausufernd und messerscharf analytisch zugleich.

Dass Theodor Sapper zu einer Lichtgestalt der Inneren Emigration werden sollte, war ihm, wie der Herausgeber Hartmut Zelinsky in seinem überaus informativen Nachwort ausführt, nicht in die Wiege gelegt: Aufgewachsen im immer brauner werdenden Graz, als Sohn eines deutschnationalen evangelischen Theologen, wurde Sapper Expressionist mit Leib und Seele, 1938 erhielt er Schreibverbot, seine besten Freunde gehörten dem kommunistischen Widerstand in Graz an und wurden 1942 hingerichtet. Wie erstaunlich, dass er es unter diesen Umständen gewagt hat, ein solches Buch zu beginnen. Wenig erstaunlich allerdings, dass er, der fernöstliche Dulder, nach 1945 nicht reüssierte.

"Einem Leser, der sein übliches Heu gewöhnt ist, kann der Zugang zu diesem persönlichen und einzigartigen Werk nicht leicht fallen", räumte Canetti ein. Wenn man jedoch nicht krampfhaft nach dem großen Bogen sucht, wird man an Sappers Buch Gefallen finden, ja sogar Vergnügen. Es bildet in einer "symphonischen Dichtung" nach, was Krieg und Terror, Propaganda und Hetze in einem empfindsamen Bewusstsein anzurichten vermögen: eine Kettenreaktion aus Worten und Bildern, die sich zu einem einzigen "Kontra", zum leidenschaftlichen Protest gegen die Diktatur ballt. Der Wiener Schriftsteller Hans Pfingster ist einer, der um dieses Kontra ringt, weil er Angst hat, und er trägt, krankheitshalber vom Wehrdienst befreit, den Krieg in sich selbst aus. Dabei findet er zu starken Worten, metaphorisch kraftmeiernd wie Lebert, hemmungslos sprachspielerisch wie Jelinek.

Viele Bücher sind in dieses "Wort-Requiem für die unglücklichen Opfer der Verfolgung geschmähter Rassen" (Sapper) verwoben, manche Autoren werden der Barbarei angeklagt, andere erscheinen als moralische Stützen. Hitler figuriert als der "Menschenfresserstier", ein Minotaurus, der auch die europäische Kultur verschlingt. Deshalb ist Pfingsters Weltbild heillos verdüstert: "Ich kann den Himmel nicht sehen vor lauter Blut."

Theodor Sappers innerer Landschaftsroman nimmt Leberts dämonisch willfährige Natur ebenso vorweg wie Jelineks rächende Schlammlawinen. Pfingster wandert durch die Alpen und wird doch den Druck der Diktatur nicht los: "Scheinbar exerzieren sogar die Bäume", zugleich Rohstoff für die Lügenpresse, denn "diese Natur bildet eine Einheit mit dem Bedrückertypus!" Die Massenhysterie erscheint Pfingster wie eine künstliche Lawine, die herrschende Ideologie der Scholle stellt die Humanität infrage: "Ist überhaupt noch irgend etwas im Menschen, außer der Erde? Ist der Mensch mehr als Erde, die einmal rutschen und dann wieder rasend sich drehen soll? (...) Der Mensch muß doch mehr als nur der Abbauvorgang der Hysterie sein!" Es ist die verzweifelte Hoffnung, die diesem Buch Sprengkraft gibt. (Daniela Strigl / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 5./6./7.1.2007)

  • Theodor Sapper: "Kettenreaktion Kontra. [Assoziationsgewebe eines Verfolgten aus den Terrorjahren 1938–1945]" Hrsg. von Hartmut Zelinsky. € 34,–/592 Seiten. Anton Pustet, Salzburg 2006.
    buchcover: pustet

    Theodor Sapper:
    "Kettenreaktion Kontra. [Assoziationsgewebe eines Verfolgten aus den Terrorjahren 1938–1945]" Hrsg. von Hartmut Zelinsky. € 34,–/592 Seiten. Anton Pustet, Salzburg 2006.

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