Antonia Bruha (1915 - 2006)

17. Jänner 2007, 14:49
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Die Widerstandskämpferin und Mitarbeiterin der ersten Stunde des DÖW ist am 27. Dezember verstorben

"Das war nicht mehr mein Wien – das war ein Trümmerhaufen", erinnerte sich die Frau, die nur mehr 20 Kilo wiegt, als sie nach Jahren im KZ Ravensbrück und einmonatigem Fußmarsch endlich ihre Heimat wieder sieht. "Ich hatte nur mehr einen Haarflaum, war mit einem Ausschlag übersät und an mir hingen nur mehr Fetzen von Kleidung. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass von dem Haus, in dem ich mit meinem Mann und mit meinem Kind gewohnt hatte, das Dach fehlte."

Die frühere Friseurin Antonia Bruha wurde 1915 in Wien geboren. Sie war im Arbeiterturnverein der Wiener Tschechen und Tschechinnen aktiv, als die Repressionen der Nazis gegen Minderheiten immer deutlicher wurden. So engagierte sich Bruha in einer tschechischen Widerstandsgruppe, schmuggelte Flugblätter und Zeitungen über die Grenze nach Österreich. Später beteiligte sie sich an Sabotageaktionen gegen Wehrmachtseinrichtungen. Als ihre Gruppe aufflog, wurde Bruha kurz nach der Geburt ihrer Tochter von der Gestapo abgeholt und bei Verhören misshandelt. Mit dem Vermerk "RU" (Rückkehr unerwünscht) wurde sie im KZ Ravensbrück interniert, wo sie unter Lebensgefahr Medikamente aus dem Krankenrevier schmuggelte und so manches Leben retten konnte. Bruha konnte kurz vor der Befreiung des Lagers bei einem der Todesmärsche fliehen.

Dann das Wiedersehen mit der vierjährigen Tochter; drei Monate war sie, als die Gestapo sie von der Mutter trennte. "Als ich ihr erklären wollte, dass ich ihre Mutter sei, lief sie entsetzt zur Pflegemama: 'Tante, diese hässliche alte Frau sagt, dass sie meine Mutti ist. Meine Mutti ist auf dem Foto aber eine schöne blonde Frau! Schick sie weg, das ist nicht meine Mutti!'. Zwei Jahre haben wir gebraucht, bis sie das erste Mal 'Mutti, ich hab Dich lieb', sagte."

Bruha engagierte sich besonders in der 1947 gegründeten Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, seit dessen Anfängen sie auch ehrenamtliche Mitarbeiterin war. Unter anderem betreute sie die Sammlung Frauen-KZ Ravensbrück. Solange es ihre Gesundheit erlaubte, ging Antonia Bruha als unermüdliche Zeitzeugin in die Schulen. Ihre nach der Befreiung aufgeschriebenen Erinnerungen an die Haft in Wien und Ravensbrück veröffentlichte sie 1984 unter dem Titel "Ich war keine Heldin (Neuauflage 1995)."

Antonia Bruha verstarb am 27. Dezember 2006 kurz vor Vollendung ihres 92. Lebensjahres. (red)

  • Antonia Bruha war Mitarbeiterin der ersten Stunde beim Aufbau des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW).
    foto: petra spiola
    Antonia Bruha war Mitarbeiterin der ersten Stunde beim Aufbau des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW).
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