Opern-Schnitzelesser aus Kalkül: Peter Gelb

11. Jänner 2007, 19:26
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Den lange anhaltenden Schrecken nach 9/11 versucht der Generalmanager der New Yorker Metropolitan Opera, mit Umtriebigkeit und einem beispiellosen Starangebot zu verscheuchen

"Die Zeit des Eurotrashs ist vorbei" erklärt der Generalmanager der New Yorker Metropolitan Opera quasi als Einleitung: "Heute heißt das viel höflicher 'Regiekonzept'." Peter Gelb beschwichtigt damit die Befürchtungen vieler Met-Besucher, er würde die in vielen Häusern in Europa üblichen ultramodernen Produktionen auch an die Metropolitan bringen.

Die Ernennung des schillernden und ideenreichen ehemaligen Platzanweisers an der Met, der sich im Künstlermanagement (u. a. für Columbia Artists) einen Namen gemacht hat, sei praktisch eine "Spekulation" des Vorstandsdirektoriums gewesen: "Das Durchschnittsalter unserer Abonnenten ist 65 Jahre. Ich bin angeheuert worden, um die jüngere Generation zu vertreten und in jeder Hinsicht radikale Änderungen zu machen", erzählt der 52-Jährige: "Die Formel für den Erfolg musste geändert werden."

Denn nach dem empfindlichen Besucherrückgang nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 habe sich die Met im Unterschied zu anderen Institutionen nicht mehr erholen können: "9/11 war eine Camouflage für das wirkliche Problem, nämlich, dass unsere eigenen amerikanischen Besucher ausblieben, selbst nachdem die Touristen aus Europa und anderswo wieder zu uns zurückkehrten."

Und mit radikalen Änderungen konnte Peter Gelb dienen: Entgegen jeder Tradition konzentrierte er sich nicht nur auf die Planung von Saisonen in einigen Jahren, sondern mischte sich ("wie eine Invasion") auch in jene ein, die bereits von seinem Vorgänger Joe Volpe vorbereitet waren; so ersetzte er etwa die geplante Eröffnungsvorstellung im September 2006 mit der viel gerühmten, stark publizierten und aufregenden Madama Butterfly-Inszenierung des Filmregisseurs Anthony Minghella, verteilte Freikarten für die öffentliche Generalprobe (was er bei allen Neuproduktionen einführen will) und ließ die Premiere live auf den Platz vor der Met übertragen.

Gelb änderte die Sitzpreise der Met und verringerte etwa den Preis der Eintrittskarten für billigere Sitze von 25 auf 15 Dollar. Dann überredete er einen Mäzen, 100-Dollar-Parkettkarten im Wert von zwei Millionen Dollar für drei bis vier Vorstellungen pro Woche zu kaufen, die die Met dann um 20 Dollar an der Abendkassa weiterverkaufen kann - die Schlangen reichen oft rund um die Met. Im Vergleich zum Vorjahr ist nun der Kartenverkauf immerhin schon um elf Prozent gestiegen.

Übertragungspläne

Des Weiteren kündigte er ein ausgedehntes Medienprogramm an: Bereits in dieser Saison werden sechs Opern live in High Definition in Kinos in ganz Amerika, Kanada und Europa (allerdings noch nicht in Österreich) übertragen werden. Auf dem Radiosatelliten-Netzwerk Sirius kann man nun nicht nur Live-Übertragungen, sondern auch rund um die Uhr klassische Opernaufführungen aus dem Archiv der Met hören. Und direkt von der Website der Met ist einmal pro Woche eine Opernaufführung, ebenfalls live, über das Internet zu hören. All dies konnte der geschickte Verhandler anbieten, da er sich zuvor die Zustimmung der einschlägigen Gewerkschaften geholt hatte. "Ich will die Met wieder mit der Mainstream-Kultur verbinden", sagt Gelb. Außerdem wird ab nächster Saison das gesamte Repertoire mehrsprachig untertitelt.

Eines seiner wichtigsten Anliegen sei es, "großes klassisches Theater" aufzuführen und berühmte Regisseure, von denen viele noch nie eine Oper inszeniert haben, an die Met zu bringen. "Es soll so erscheinen, als wären die Opern heute geschrieben worden." Die Anzahl von Premieren will Gelb von vier auf sieben pro Jahr erhöhen - und vor allem die wichtigsten Musiker für noch mehr Aufführungen an der Met verpflichten. In den ersten Saisonen, die er allein planen kann (2009/10 und 2010/11), wird Karita Mattila ihre erste Tosca an der Met singen; es wird einen neuen Hoffmann unter der Regie von Luc Bondy geben, mit Rolando Villazon als Hoffmann und René Pape als die vier Bösewichte - und mit Anna Netrebko: "Um Netrebko zu überreden, alle drei Frauenrollen zu singen, flog ich nach Wien und überredete sie bei Wiener Schnitzel im Imperial. Manchmal ist das Leben eines Generalmanagers gar nicht so schlecht!" Angela Gheorghiu wird erstmals die Carmen singen. Die Skala der Regisseure reicht von Patrice Chéreau (Aus einem Totenhaus, eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen) und Peter Stein (Boris Godunow mit René Pape) bis zu Willy Decker (der die Salzburger Traviata neu einstudieren wird).

Mutis Met-Debüt

Außer dem künstlerischen Leiter der Met, James Levine, wird Riccardo Muti mit Verdis Attila an der Met debütieren (Gelb: "Der Verlust der Scala ist unser Gewinn"), Seiji Ozawa wird Pique Dame dirigieren und sich zu illustren Dirigenten wie Christoph Thielemann, Esa-Pekka Salonen und dem "ersten Gastdirigenten" der Met, Valery Gergiev, gesellen.

Die US-Medien berichteten überschwänglich über die Pläne von Superstar Gelb für die Met. Aber manche konnten es nicht lassen, die geplante Popularisierung der Met aufs Korn zu nehmen: "Reich mir das Popcorn" (Washington Post) und "Wird auch Popcorn serviert?" (New York Times).

Was sich Peter Gelbs Vorgänger Joseph Volpe wohl denkt? Die beiden sollen zur Zeit, als Gelb noch als Außenseiter mit der Met verhandelte, erbitterte Feinde gewesen sein - angeblich soll ihm Volpe einmal angedroht haben, er würde ihn quer über die Lincoln Center Plaza werfen. Heute kommen die beiden grundverschiedenen Manager, so Gelb, gut miteinander aus. (Susi Schneider aus New York / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.1.2007)

  • Ein ehemaliger Platzanweiser verwaltet die Met-Oper wie einen Konzern: Peter Gelb.
    foto: krulwich / new york times

    Ein ehemaliger Platzanweiser verwaltet die Met-Oper wie einen Konzern: Peter Gelb.

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