Natascha Kampusch in ORF-Doku

3. Jänner 2007, 21:00
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Priklopil "hätte Dreijährigem alle Ehre gemacht" - Psychiater warnt vor Starkult

Natascha Kampusch sprach am Mittwochabend in der ORF-Dokumentation "Thema Spezial" über ihr Leben in Gefangenschaft und ihren Entführer Wolfgang Priklopil. "Er hatte einen sehr starken Geiz, was Nahrung betrifft, und er war fast wie ein Magersüchtiger, der es auf andere Leute übertragen hat." Die 18-Jährige verglich ihren Peiniger im Interview mit einem Kind. Zu manchen Zeiten hätte er einem Dreijährigen "alle Ehre gemacht", sagte Kampusch, fügte aber hinzu, "natürlich ist es ein Unterschied, ob ein dreijähriges Kind auf jemanden eintritt, einbrüllt und zornig ist und alles kaputt macht, oder ob das ein 1,72 Meter großer starker Mann ist."

Beleuchtet wurde auch der Kriminalfall Kampusch bis zur Flucht der heute 18-Jährigen am 23. August 2006. "Ich hatte zwar wenig gegessen an diesem Tag, aber ich hatte nicht mehr so viele Blutergüsse und Verletzungen, so dass ich mich stark genug fühlte, um wegzulaufen, (...)", erzählte sie.

"Wollte mich nicht lächerlich machen"

Auch an den Tag der Entführung im März 1998 erinnert sich die 18-Jährige: "Ich habe ihn schon von weitem gesehen und dachte mir, was hat dieser Mensch hier verloren? Irgendwie hatte ich ein Bauchgefühl und wusste, dass hier etwas nicht stimmt, beziehungsweise, dass er mir unheimlich ist." Aus Angst, vor einem Auto überfahren zu werden, wechselte die damals Zehnjährige nicht die Straßenseite. "(..) ich wollte mich nicht vor mir selbst lächerlich machen und bin weiter gegangen", berichtete die junge Frau.

"Ich habe schon meinen inneren Frieden geschlossen. Ich habe mir gedacht, jetzt gibt es dich bald nicht mehr", erzählte Natascha Kampusch über die Fahrt nach der Entführung in Priklopils weißem Kastenwagen. In ihrem Verlies blieb sie tagelang wach, um zu verhindern, dass ihr im Schlaf etwas zustößt. "Man sieht nichts, man hört nur. Man hört das eigene Blut rauschen, man spürt die Enge, die Kälte, man denkt viel nach." Selbst Suchhunde hätten das Gefängnis wahrscheinlich nicht gefunden, meinte Nikolaus Koch, Landespolizeikommandant im Burgenland und Leiter der Sonderkommission.

Gerichtspsychiater Reinhard Haller versuchte, die Persönlichkeit Wolfgang Priklopils näher zu beleuchten. "(..) er hat den liebsten Menschen verloren, seinen Lebensinhalt, (...)", meinte Haller zum Selbstmord des Entführers nach Natascha Kampuschs Flucht. Der Psychiater glaubt an eine bewusste Auswahl von Natascha Kampusch als Entführungsopfer. "(...) es war auf jeden Fall so, dass dieses Mädchen nicht zufällig in seinen Erlebnisbereich gekommen ist, sondern er hat sie schon lange Zeit beobachtet, er wusste sehr viel über sie, (...)", so der Experte.

Priklopil beobachtete Kampuschs Familie

Priklopil dürfte auch die Familie seines Opfers während der acht Jahre beobachtet haben. Natascha wusste über das neue Auto Bescheid und dass ihre Schwester raucht, erzählte Mutter Brigitta Sirny.

Thematisiert wurde in der 50-minütigen Dokumentation auch das jetzige Leben der junge Frau und ihre Rolle in den Medien. Man solle Natascha Kampusch die Möglichkeit einer Kompensation für das erlittene Leid geben, riet Jugendpsychiater Max Friedrich. Ein Star zu sein, könne der 18-Jährigen allerdings keinen derartigen Ausgleich bieten. Auf diesem Weg würde sie nur zum Starlet werden und von den Medien fallen gelassen, sagte Friedrich.

Quotengarantin Kampusch

Natascha Kampuschs Leidensgeschichte bannt die Österreicher noch immer, wie die Quoten der TV-Sendung zeigen: Durchschnittlich 1,345 Millionen Menschen saßen Mittwochabend vor dem Fernseher. Der Marktanteil lag bei 46 Prozent. Zwischendurch schalteten sogar bis zu 1,5 Millionen Österreicher ein. In Deutschland sahen 3,5 Millionen Zuseher die auf RTL ausgestrahlte Dokumentation.

Der frisch gebackene ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gab sich vor allem mit der Qualität des Gezeigten höchst zufrieden. In einer Aussendung zitierte er das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", der das erste ORF-Interview mit Natascha Kampusch vom September in seinem Jahresrückblick als "Hochamt seriöser Berichterstattung" bezeichnete. Das "großartige Lob" des "Spiegel" gelte "uneingeschränkt auch für die gestrige Dokumentation. Das Haus ORF kann stolz auf solche Sendungsmacher und solche Produkte sein", so Wrabetz. (APA)

  • Natascha Kampusch erzählte in der ORF-Sendung "Thema Spezial" über ihre Zeit der Gefangenschaft nach ihrer Entführung
    foto: orf

    Natascha Kampusch erzählte in der ORF-Sendung "Thema Spezial" über ihre Zeit der Gefangenschaft nach ihrer Entführung

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