Augenauswischende Geldver­schwendung?

3. Jänner 2007, 07:00
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Die Welt steht Kopf, wenn Hinweisschilder ihr Geschlecht wechseln. Aber muss es immer Gendermainstreaming sein? - ein Kommentar

Nichts regt mehr auf als die Bedeutungslosigkeit - die Bedeutungslosigkeit von politischen Vorschlägen nämlich, die einfach "gar nichts bewirken", die "übermäßig viel kosten" und eigentlich gar nicht gedacht geschweige denn gemacht werden dürften, weil "es doch viel wichtigeres zu tun gibt". So in etwa lassen sich die Reaktionen auf die Ankündigung der Stadt Wien Ende vergangenen Jahres zusammenfassen, einzelne Hinweisschilder in den Gebäuden der Wiener Stadtverwaltung auch mit weiblichen Symbolfiguren zu versehen.

In Zukunft wird es so sein, dass Eltern nicht mehr einer wickelnden Mama folgen, um den Weg zum Wickelzimmer zu finden, sondern auch einmal dem kompetenten Papa. In den Verkehrsmitteln der Wiener Linien werden auch Männer mit Kind auf dem Schoß den geschützten Sitzplatzbereich kennzeichnen.

Frauenstadträtin Sonja Wehsely verfolgt mit der Aktion und der dazugehörigen Werbekampagne das Ziel, Bewusstsein für Gendermainstreaming zu schärfen. Ziel des Ansatzes ist es, in sämtlichen politischen Bereichen die Geschlechter und deren unterschiedliche Lebenssituationen zu berücksichtigen.

Kritik und Häme

Die Kritik an den Vorschlägen der Stadt Wien ließ nicht auf sich warten. Einzig die Grünen begrüßten als Partei die Maßnahme "grundsätzlich", forderten zugleich aber auch strukturelle Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Frauen ein. Von Leserbriefen und Meinungsforen gar nicht zu sprechen: Allein 1111 Postings (Stichtag 2.1.2007) versammelte der Artikel auf dieStandard.at (siehe "Hälfte der Wiener Hinweisschilder wird weiblich"). Ähnliche Aufregung und Häme erweckt ansonsten nur die Einforderung von geschlechtergerechter Sprache. Auch hier geht es um eine Einflussnahme, die auf symbolischer Ebene angesiedelt ist und von KritikerInnen immer wieder aufs neue verdächtig wortgewaltig in die behauptete "Bedeutungslosigkeit" verbannt werden muss.

Muss es immer Gendermainstreaming sein?

Abseits der Kritik an der Kritik stellt sich jedoch die Frage, warum die Aktion überhaupt als "Gendermainstreaming"-Maßnahme bezeichnet werden musste. Schließlich ist es doch auch eine klassische Forderung der Gleichstellungspolitik, Frauen sichtbar zu machen und das selbstredend auch auf Hinweisschildern. Den Fluchtweg aus einem brennenden Haus zu finden, hat per se einmal nichts mit der unterschiedlichen Lebenssituation von Frauen und Männern zu tun. Es ist aber wichtig, dass dem Neutrum der Deckmantel der Geschlechtsneutralität entrissen wird und auch Frauenkörper die Norm repräsentieren dürfen. Das allein würde die Aktion bereits rechtfertigen.

Einfluss auf Ökonomie

Gendermainstreaming wurde ursprünglich als Werkzeug von Frauen in den Entwicklungsländern erfunden, um nicht in eine nachholende wirtschaftliche Entwicklung integriert zu werden, sondern diese Entwicklung selbst zu gestalten. Von dieser Radikalität ist heute kaum mehr etwas zu spüren, obwohl Gendermainstreaming als Ansatz in den wichtigsten Verträgen der EU verankert ist.

Noch dazu birgt Gendermainstreaming die große Gefahr, traditionelle Geschlechterrollen zu zementieren, wenn konsequent mit "unterschiedlichen Lebenssituationen" von Frauen und Männern argumentiert und gleichzeitig die herkömmliche Gleichstellungspolitik verdrängt wird. Es ist doch so: Keine emanzipierte Frau will ewig auf die kinderwagenschiebende Mutter reduziert werden, für die – Gendermainstreaming sei Dank – breitere Gehsteige angelegt werden. Ginge es nicht viel eher an, die breiten Gehsteige auch den Männern zum Ausleben ihrer Vaterschaft zu widmen? Eben. (freu)

3.1.2007
  • Artikelbild
    foto: agentur chrigel ott
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