"Wir brauchen mehr Lisas"

2. Jänner 2007, 19:54
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Über die Frage, wie viel Hightech Österreich brauche, um Wachstum und Beschäftigung zu generieren, darüber ist eine heftige Diskussion entbrannt

Über die Frage, wie viel Hightech Österreich brauche, um Wachstum und Beschäftigung zu generieren, darüber ist eine heftige Diskussion entbrannt. Ökonomen des Joanneum Research halten eine Konzentration auf mehr Hightech für gefährlich, denn schließlich fehle es in allen Branchen an Unternehmensnachwuchs.

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Viel mehr oder überhaupt nur mehr Hightech fördern - darüber scheiden sich die (Experten-)Geister in Österreich. Während Ökonomen des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo in ihrem Weißbuch dringend eine Fokussierung der Innovation im Hightech-Segment empfehlen, um den Sprung von der Liga der Imitatoren in jene der Spitzenreiter zu schaffen, wünscht man sich im Joanneum Research eine etwas weniger radikale, dafür aber differenziertere Kurskorrektur bei Forschung und Entwicklung (F&E).

"Bestehende Förderprogramme schließen Hightech ja nicht aus", stellt Andreas Schibany, Technologieexperte im Joanneum Research, klar und spricht sich explizit gegen eine Konzentration der Forschungsförderung auf das Hightech-Segment aus. "Das wäre eine Katastrophe, da brechen zwei Drittel der Unternehmen weg." Innovative Holzbetriebe, laut klassischer Industrieklassifikation absolutes Lowtech, bekämen dann nämlich ebenso wenig Innovationsförderungen wie ein Stahlerzeuger, der mit modernster Technik Spezialstähle produziert.

Um einen derartigen Bruch zu vermeiden, aber doch die notwendigen und wichtigen Strukturveränderungen herbeizuführen, empfiehlt Schibany, der zusammen mit seinen Kollegen Gerhard Streicher und Helmut Gassler den Status Österreichs nach den Kriterien des Lissabon- und Barcelonaprozesses erhoben hat, zum Beispiel eine Ausweitung der Strukturprogramme, am besten nach dem Vorbild von Lisa.

Life Science Austria ist, wie mehrfach berichtet, ein Preseed- und Seed-Financing umfassendes Förderungsprogramm der staatlichen Förderbank Austria Wirtschaftsservice (AWS), das Gründungsprozesse im Hightech-Segmenten forcieren soll. Das Besondere daran: Lisa ist zwar eindeutig auf Biotech beschränkt, bedient sich im Seedfinancing aber des grundsätzlich thematisch offen konzipierten Preseed- und Seedfinancings.

"Förderung allein genügt nicht"

Dass sich die Kombination aus funktionalen und thematischen Programmansätzen in der Vorgründungs- und Gründungsphase von Unternehmen bewährt, beweist laut Schibany die Ausweitung von Lisa-Preseed auf Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Physical Science (alles rund um Optik, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik).

Aber: "Förderung allein genügt nicht, die Barrieren für Gründer müssen weg", sagt Schibany - diesmal ganz auf Linie mit dem Wifo. Eine Volkswirtschaft dürfe sich auch nicht auf die etablierten Technologiekonzerne verlassen, sondern müsse innovativen Nachwuchs produzieren. Ob dieser aus der Holzbranche komme, aus IKT oder Biotech, müsse egal sein, denn im Vordergrund dürften nicht Branchen stehen, sondern Unternehmen mit ihren Produkten und Prozessen. "Wir brauchen mehr Lisas", sagt Schibany, der zusätzliche Programme für Werkstoff-, Nano- und Info-Tech einrichten würde.

Dass damit durch die Hintertür die viel kritisierte Förder-Gießkanne zurückkehre, glaubt Schibany nicht. Denn erstens müssten die Förderungskriterien sehr, sehr streng sein ("so hart wie im Seed-Programm"), und zweitens könne eine breit angelegte Gründungsmobilisierung im Segment der New-Technology-based Firms auch über eine Verdoppelung der Forschungsprämie von acht auf 16 Prozent erfolgen. Die sei, im Gegensatz zum Forschungsfreibetrag, auch für Unternehmen, die Verluste schreiben, nutzbar.

Mit mehr "Kindergeld" für den Unternehmensnachwuchs werden sich freilich nicht alle - trotz Aufholjagd nach wie vor bestehenden - Innovationsdefizite Österreichs beseitigen lassen. Relativ schwach performed hat Österreich im European Innovation Scorebord (EIS) nämlich nach wie bei den Innovationstreibern (siehe Grafik). Die Ursachen sind bekannt: Zu wenige Akademiker (insbesondere in Naturwissenschaften, Technik) und Breitband-Anschlüsse, schlechte Noten für höhere Schul- und tertiäre Bildung sowie zu wenig lebenslanges Lernen. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 3. Jänner 2007)

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