Sorgenkind Wildesel

2. Jänner 2007, 19:06
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Die Wüste Gobi bietet ihm Schutz, dennoch sieht die Zukunft des Asiatischen Wildesels alles andere als rosig aus

Die Wüste Gobi bietet ihm Schutz. Dennoch sieht die Zukunft des Asiatischen Wildesels alles andere als rosig aus. Der Wildtierexperte Chris Walzer erforscht die Lebensbedingungen des Wüstenbewohners und will so zu seinem Überleben beitragen. Die Wüste Gobi in der Mongolei gehört zu den klimatisch extremsten Lebensräumen der Erde: Trockenheit und Temperaturschwankungen von +40 °C im Sommer bis zu - 40 °C im Winter bei einem Jahresmittel von - 0,5 Grad stellen auch für die meisten Tiere und Pflanzen eine Herausforderung dar.

Für den Asiatischen Wildesel (Equus hemionus) oder Khulan, wie ihn die Mongolen nennen, bieten diese unwirtlichen Bedingungen jedoch genau das, was er zum Leben braucht. Die Frage ist allerdings, wie lange noch, denn die Mongolei durchläuft demografische und wirtschaftliche Veränderungen, die sich auch auf ihre Wildtiere auswirken.

Noch vor hundert Jahren war der Khulan so häufig, dass sich niemand speziell für ihn interessierte. Wilderei und die Zerstückelung seiner Lebensräume haben ihn jedoch zu einer gefährdeten Art werden lassen, weshalb er in der Mongolei seit 1953 unter strengem Schutz steht. Tatsächlich gibt es jedoch kaum Möglichkeiten, diesen auch durchzusetzen. Die Mongolei ist ein armes Land, und die Mittel für Wildhüter und/oder wissenschaftliche Untersuchungen sind begrenzt.

Im Schutz der Gobi

Bereits 1975 wurde das Great Gobi A und B Schutzgebiet eingerichtet, das rund 53.000 Quadratkilometer Steppe und Wüste umfasst. Hier findet man neben Kropfgazellen und rund 90 wieder eingebürgerten Przewalski-Pferden geschätzte 2000 Asiatische Wildesel, deren Bestand in der Mongolei mit etwa 20.000 beziffert wird und die hier ihr letztes großes Rückzugsgebiet in Asien haben. Was die Wildesel in der Praxis schützt, ist die Unwirtlichkeit der Wüste Gobi selbst. Zwar weiden einige Viehhirten hier ihre Herden, doch die extremen Temperaturen und vor allem der Mangel an Wasserstellen halten die Zahl der Nutztiere bis jetzt in einem Rahmen. Und das wiederum erlaubt die Koexistenz der Khulan mit Ziegen, Schafen, Kamelen und Hauspferden durchaus.

Das könnte sich jedoch bald ändern: Die Bevölkerung der Mongolei ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, und die Regierung ist naturgemäß bestrebt, die Einkommenssituation ihrer Bürger zu verbessern. Zu diesem Zweck sollen unter anderem in der Gobi alte Brunnen wieder hergestellt oder neue geschaffen werden. Unterstützt wird dieses Vorhaben von der Weltbank, die jedoch gleichzeitig Forschung zur Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit der jeweiligen Maßnahmen fördert.

Dazu gehören auch Untersuchungen zu den Auswirkungen der wirtschaftsfördernden Projekte auf die heimischen Huftiere, die bei den mongolischen Hirten große Verehrung genießen: So wurden alle zehn Transporte von wieder anzusiedelnden Przewalski-Pferden von der lokalen Bevölkerung bejubelt und gefeiert. Auch der Khulan genießt prinzipiell hohes Ansehen, wird aber gleichzeitig als Bedrohung der eigenen Lebensgrundlage betrachtet, wenn er in Herden auftritt. Da diese sehr groß sein können, entsteht oft lokal der Eindruck, die Bestände seien im Zunehmen, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Uni Wien ist Mitglied einer internationalen Wissenschaftergruppe, die Bestand, Lebensweise und Habitatansprüche des Khulan erforschen, um Empfehlungen für seinen wirkungsvollen Schutz in den kommenden Jahren abgeben zu können. In einem vom FWF unterstützten Projekt gelang es Walzer und seinen Kollegen, 14 Wildesel mit Telemetrie-Halsbändern auszustatten, um ihre Wanderungen und Raumbedürfnisse zu verfolgen. Wie sich herausstellte, wandern die Tiere riesige Strecken, um an Wasser und Nahrung zu gelangen: Das Streifgebiet jedes der markierten Tiere innerhalb von fünf Monaten betrug mehr als 45.000 km².

Dabei können die Tiere allein oder in bis zu 1000 Tieren großen Herden unterwegs sein. Offenbar hängt ihr Auftreten nicht von speziellen Habitateigenschaften ab, sondern lediglich vom Nahrungsangebot. Da dieses von lokalen Regenfällen abhängt, finden sich die Khulan je nach Jahreszeit an verschiedensten Stellen der Gobi. Nur dank ihrer langen Wanderungen sind sie imstande, in dieser kargen Landschaft das ganze Jahr über genug zu fressen zu finden. Die Fragmentierung ihres Streifgebietes durch die Errichtung von Zäunen, etwa entlang von Straßen oder Bahnlinien, kann unter diesen Umständen für viele Tiere den Tod bedeuten.

Was die Wasserversorgung betrifft, lassen sich die Esel durch die Nähe menschlicher Behausungen nicht davon abschrecken, Wasserstellen zu nutzen, und fliehen nur vor Menschen und Fahrzeugen. Prinzipiell trinken sie auch gemeinsam mit unbeaufsichtigten Nutztieren, werden aber von Pferden und Kamelen oft vertrieben. Wenn die Wasserstelle solcherart blockiert ist, warten die Khulan oft in der Nähe, bis sie wieder frei ist. Bei häufigen bzw. länger dauernden Störungen kann dieses Warten die Zeit, die den Eseln zum Weiden bleibt, empfindlich reduzieren. Von Brunnen profitieren die Khulan nicht, da das Wasser darin von Menschen in die Höhe gepumpt werden muss, doch in trockenen Flussbetten graben sie sich oft selbst Wasserlöcher.

Risiko Wasserloch

Wasserlöcher sind allerdings nicht nur eine begrenzte Ressource, sondern auch eine gefährliche: An den meisten fanden die Forscher Zeichen von Wilderei. Bei fünf Touren durch die Schutzgebiete fanden Walzer und seine Kollegen insgesamt 140 Kadaver, von denen die meisten offensichtlich Wilderern zum Opfer gefallen waren. Dabei lässt sich ein neuer Trend feststellen: Handelte es sich bei den illegalen Jägern bislang meist um lokale Hirten, die die Khulan als Nahrungsquelle nutzen, scheint sich nun ein Markt für Khulan-Fleisch zu entwickeln, für den die Jagd der von der Hauptstadt UlanBator aus organisiert wird. Mit dem für die nächsten Jahre geplanten Bau von Straßen zur Erschließung von Bodenschätzen in der Gobi dürfte sich die Situation noch weiter verschlimmern.

Ohne effizienten Schutz sieht die Zukunft für den Asiatischen Wildesel nicht rosig aus. Die bisherigen Forschungen waren Schritte zur Klärung, welche Maßnahmen dazu vordringlich sein dürften. Doch nach wie vor gibt es durch die Größe des Untersuchungsgebietes keine zuverlässigen Bestandszahlen.

In einem neuen FWF-Projekt will Christian Walzer gemeinsam mit seinen Kollegen diesem Übel mittels weiterer Telemetrie-Daten, Fernerkundung, direkten Beobachtungen und genetischen Analysen Abhilfe schaffen. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollen zur Entwicklung eines langfristigen Managementplanes dienen, der sowohl den Schutz der Wildesel als auch eine nachhaltige Regionalentwicklung sicherstellt. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 3. Jänner 2007)

  • Junger Khulan- Hengst mit GPS-Sender, der seine Position nach Österreich übermittelt. Am Halsband erkennbar: jener Mechanismus, der Halsband samt Sender vom Tier absprengt, wenn die Batterien leer sind.
    foto: der standard/walzer

    Junger Khulan- Hengst mit GPS-Sender, der seine Position nach Österreich übermittelt. Am Halsband erkennbar: jener Mechanismus, der Halsband samt Sender vom Tier absprengt, wenn die Batterien leer sind.

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