Kreativer Kern für Exzellenz

2. Jänner 2007, 18:47
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Der Physiker und ETH-Vizepräsident Olaf Kübler im STANDARD-Interview über Chancen und Gefahren beim Projekt Elite-Uni

Der Physiker und ETH-Vizepräsident Olaf Kübler sitzt im Aufsichtsrat des Gugginger Institute for Science and Technology Austria (ISTA). Mit Michael Freund sprach er über Chancen, Vorbilder und Gefahren der Selbstüberschätzung beim Projekt Elite-Uni.

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STANDARD: Herr Kübler, Sie sitzen als Forscher der ETH Zürich im Aufsichtsrat für das Institute for Science and Technology Austria (ISTA). Mit welcher Haltung zur Idee von europäischen Elite-Instituten gehen Sie dort an die Arbeit?

Kübler: Ich vertrete die These, dass die EU auf diesem Gebiet mehr Ausdifferenzierung als bisher nötig hat - so wie es in Großbritannien der Fall ist. Zu sagen, wir wollen alle sein wie Harvard, das geht nicht gut. Aber ein oder zwei Unis wie Oxford und Cambridge können sich in dieser Liga bewegen. Oder nehmen Sie das Beispiel Kalifornien mit seinem sehr guten tertiären Bildungssystem.

Da gibt es das öffentliche UC-System, mit einer Zugangsgarantie für das oberste Leistungsachtel, und dazu die Hierarchie aller anderen Unis: Die besten betreiben auch Forschung, die restlichen sind für die Lehre da. Im Europa der Zukunft sehe ich eine kleine zweistellige Zahl von ebenbürtigen Forschungsunis, der Rest wird für Lehre und regionale Bedürfnisse zuständig sein.

STANDARD: Es geht dabei auch um viel Geld.

Kübler: Allerdings, und auch um die Kultur der Universitäten. Robert Birgeneau, Chancellor der UC Berkeley, spricht davon, dass seine Uni, die als die beste öffentliche der Welt gilt, das Ziel von Attacken von Privatunis geworden ist; sie wollen die Besten abwerben und haben dazu in den letzten Jahren ihr Fundraising sehr gut reformiert. Berkeley müsse sich nun selber diesbezüglich besser organisieren. In Deutschland hat die Exzellenzinitiative gezeigt, dass es einen neuen Geist gibt. Ich spüre da keine Häme, vielmehr die Haltung: Wollen wir mal versuchen, mit den vorhandenen und mit neuen Mitteln die Dinge zusammen zu bringen.

STANDARD: Geht das angesichts der europäischen Dimension? Gibt es noch Platz für nationale Initiativen?

Kübler: Das ist zurzeit noch schwer abzusehen. Wenn ich es für mein Gebiet sagen darf: Die ETH Zürich, das Imperial College London, die TU Delft, die RWTH Aachen und Paris Tech haben sich zur IDEA League zusammengeschlossen, und wir wollten so etwas wie eine europäische Elite-TU sein. Dann kam Barroso und hat das European Institute of Technology EIT als eigenes Ding vorgeschlagen.

STANDARD: Und Österreich?

Kübler: Ich sehe das ISTA als eine Art Nukleus, als kreativen Kern für eine Exzellenz-Institution, sicher nicht als österreichisches M.I.T. Doch es gibt ein paar Beispiele, an die man sich halten kann, etwa das European Molecular Biology Laboratory EMBL in Heidelberg oder das Institut für molekulare Pathologie IMP in Wien. Die können auch nicht das ganze Spektrum abdecken, aber sie können einiges katalysieren.

Das ISTA soll eng mit den Hochschulen zusammenarbeiten. Vorläufig hat es noch die Beweglichkeit, um schneller als die existierenden österreichischen Universitäten zu einer Elitestruktur mit Doktoranden zu finden. Da entsteht ein Modell, das von den Unis gerne übernommen wird, wenn man zeigen kann, dass es funktioniert. Auf EU-Ebene jedenfalls braucht man zusätzlich die schon erwähnte Hierarchisierung und Funktionsteilung.

STANDARD: Zur Uni-Nähe gehört, so sagt man immer wieder, auch die räumliche Nähe. Ist die in Gugging wirklich gegeben?

Kübler: Zu dem Standortentscheid äußern wir (vom Aufsichtsrat) uns nicht. Wir nehmen die Fakten, wie sie sind.

STANDARD: No comment?

Kübler: Den Dreiervorschlag und den Entscheid hatten wir nicht zu verantworten. Ich weiß aber, dass solche Entscheidungen immer große Debatten auslösen.

STANDARD: Wo, neben der Großforschung, sehen Sie noch Chancen für neue Initiativen à la ISTA?

Kübler: Wir suchen gerade einen Präsidenten für das ISTA, und ideal wäre jemand aus den Emerging Fields, zum Beispiel Systembiologie - aber das steht wirklich nur als Beispiel. Vor 15 Jahren waren es die Neurosciences. Ich denke, unser Science Committee ist so stark, dass es sagen wird können, wie man fündig wird; mit vielen Facetten, sodass es viele offene Valenzen gibt, damit man gut zusammenarbeiten kann.

STANDARD: Wie lange soll das dauern?

Kübler: Das kann man nicht sagen. Ich habe an der ETH über 200 Berufungen gemacht. Man muss hartnäckig sein und Geduld haben, bis man eine optimale Lösung findet.

STANDARD: Haben Sie Erfahrungen mit den Chancen von Emerging Fields an der ETH?

Kübler: Ich sehe eine gewisse Parallelität zwischen dem ISTA und dem Systembiologie-Labor, das wir in Basel aufgebaut haben. Auch dort ging es darum, Leute zu finden, die sagen: Hier ist eine Chance, etwas Neues zu starten. Und wenn das stark genug ist, dann wird es ein sich selbst verstärkender Prozess.

STANDARD: Die Frage der Skeptiker angesichts ISTA bleibt immer noch: Wozu das Ganze?

Kübler: An der ETH Zürich war das vor Jahren eine ähnliche Frage, als es um die Informatik ging. Da haben manche Kräfte auch zunächst gesagt, das können wir doch in einem vorhandenen Institut integrieren. Nein, wenn es auf Wachstum angelegt ist, dann muss man eine neue Einheit starten. (DER STANDARD, Printausgabe, 3. Jänner 2007)

Zur Person
Olaf Kübler (63) ist als Vizepräsident der ETH Zürich für Forschung verantwortlich. Von 1997 bis 2005 war er Präsident der Institution. Kübler hat theoretische Physik an der TU Karlsruhe, an der ETH und in Heidelberg studiert. Am Institut für Zellbiologie in Zürich war er für die Verarbeitung elektronenmikroskopischer Daten verantwortlich.

1979 gründete er dort das Computer Vision Laboratory. Er arbeitete an mehreren großen Computerbildgebungs-Laboratorien in Frankreich und den USA. (mf)

  • Olaf Kübler von der ETH Zürich glaubt, dass man mit dem ISTA die Chance hat, etwas völlig Neues zu starten, eine "neue Einheit", die "auf Wachstum angelegt ist".
    foto: der standard

    Olaf Kübler von der ETH Zürich glaubt, dass man mit dem ISTA die Chance hat, etwas völlig Neues zu starten, eine "neue Einheit", die "auf Wachstum angelegt ist".

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