Der belächelte Opernzar an der Seine: Porträt von Jean-Luc Choplin

9. Jänner 2007, 13:49
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Mit dem Amtsantritt des neuen Direktors wurde die traditionell konservative Châtelet-Oper in Paris in ein Institut für möglichst viele Musiktheatergeschmäcker umgewandelt

Porträt eines umtriebigen, gar nicht leutescheuen Managers.


Paris - Eines der Leitbilder für das Theater an der Wien ist das Pariser Châtelet–Musiktheater. Stéphane Lissner, Musikdirektor der Wiener Festwochen und der Mailänder Scala, brachte das Châtelet in seiner Direktion (1988–1998) auf ein hohes Niveau, das mit weniger Glamour von Nachfolger Jean-Pierre Brossmann gehalten wurde. Am 1. Juli übernahm der 56-jährige Jean-Luc Choplin das Ruder des Hauses, dessen Kurs er sanft, aber entschieden ändert. Die Schnulzen-Operette Mexiko, Mexiiiikooo erklang da – und zwar mit beachtlichem Publikumserfolg, während man in der letzten Saison noch Robert Wilsons langweilige Version des Ring der Nibelungen gab. Jean-Luc Choplin, ein liebenswürdiger, fröhlicher Herr, strotzt vor Optimismus. Seine Programmlinie lautet: Publikumsbarrieren aufbrechen und das Châtelet weit öffnen: für die Operette, die zeitgenössische Oper; von Francis Lopez über Georges Bizet bis Pascal Dusapin.

Ohne die internationale Komponente zu vernachlässigen: von Bernsteins Candide bis zu Damon Albarn, dem Sänger von Blur / den Gorillaz. Damon benützt klassische chinesische Texte und mixt daraus eine affenartige Reise: Monkey Journey to the West.

Ein persönliches Anliegen war dem neuen Châtelet-Direktor die Fächerform des Programmkalenders 2006/07 in den Farben Gelb und Pink. "Trendy" auch das Saisonplakat, das die Fotokünstler Pierre et Gilles entwarfen. "Ich möchte das Haus auch sparten-übergreifend öffnen", erklärt Choplin, "also die bildende Kunst zusehends einbeziehen: z.B. den Videasten Pierrick Sorin oder Pierre et Gilles, die theatralisch arbeiten."

Choplin arbeitete in der Administration im Opern- und Ballettbereich (u.a. unter Rudolf Nurejew an der Pariser Staatsoper) und war zwölf Jahre lang für Walt Disney in Paris und Los Angeles tätig, was die klassischen Opernkritiker mit Nasenrümpfen quittieren.

Der Blick nach L.A.

Internationale Koproduktionen, auch mit Wien, wünscht er durchaus, wobei er hinzufügt, dass "man heute ohnedies nicht mehr ohne Koproduktionen auskommt. Ich habe bereits langfristig die Zusammenarbeit mit Berlin und Los Angeles festgelegt. Los Angeles ist mir insofern ein Anliegen, weil dort viel im kinematografischen und echt populären Sinn gearbeitet wird, was der ,großen Oper‘ am ehesten entspricht. Ich trete für ein populäres, aber ,sophisticated‘ Theater ein. Deswegen holte mich der Pariser Bürgermeister hierher."

Leonard Bernsteins Candide ist eine Koproduktion mit der Scala, deren Direktor Stéphane Lissner allerdings nach Besuch einer Vorstellung verkündete, die von Regisseur Robert Carsen bearbeitete Operette nicht nach Mailand zu übernehmen. Vermutlich von Choplin an Vertragsverpflichtungen erinnert, hat er soeben diese Entscheidung widerrufen und will nur eine Kürzung des französischen Textes.

Als Lissner das Châtelet leitete, war es die Hochburg der politischen Rechten, die Bastion gegen die von der linken Regierung beeinflusste Staatsoper. Heute sind die politischen Vorzeichen umgekehrt. Priorität hat die Staatsoper (mit zwei Häusern, eigenem Orchester, Ballett und zirka 1600 Angestellten), deren staatliche Subvention 100,13 Millionen Euro ausmacht. Dagegen wird das Châtelet (ohne Fixtruppe) mit 17 Millionen Euro nur von der Stadt subventioniert. Mäzene und Karten stockten das Budget ’06 auf 29 Millionen Euro auf.

"Die Programmgestaltung ist ein Balanceakt zwischen dem Lust- und dem Realitätsprinzip", meint Choplin: "In der Privatwirtschaft habe ich gelernt, wie man mit Geld umgeht. Ich habe aber das Gefühl, dass es im subventionierten Bereich besser ist, Defizite zu machen. Je höher das Defizit, desto mehr wird man geliebt".

Heftig lachend fährt er fort: "Ich frage mich, ob nicht manchmal ein defizitäres Management besser wäre ... Nein, ernsthaft, ich setze eine Tradition fort, die John Cage, mit dem ich in den 70er-Jahren arbeitete, formulierte: 'Necessity ist the mother of invention'. Ich bemühe mich, die 1900 Plätze an etwa 180 Abenden oder während der Mittagskonzerte zu füllen. Und bin stolz darauf, dass 160.000 Plätze in dieser Saison weniger als 30 Euro kosten." (Olga Grimm-Weissert aus Paris / DER STANDARD, Printausgabe, 03.01.2007)

  • Der Pariser Operndirektor Jean-Luc Choplin erlernte in Kalifornien das Kunsthand-werk, mit hohem Anspruch massentauglich zu sein – ein notwendiges Paradoxon.
    foto: théâtre du châtelet/ marthe lemelle

    Der Pariser Operndirektor Jean-Luc Choplin erlernte in Kalifornien das Kunsthand-werk, mit hohem Anspruch massentauglich zu sein – ein notwendiges Paradoxon.

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