Volles Risiko statt stempeln gehen

24. September 2007, 15:03
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Es herrscht Gründerzeit – oft jedoch unfreiwillig. Je schwieriger die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist, desto häufiger stürzen sich viele ins Unternehmertum

Zu riskant, zu wenig Geld, oder "zu alt": Es gibt viele Gründe, als Arbeitsloser die Finger von der Gründung eines Unternehmens zu lassen. Je ungemütlicher und enger es am Arbeitsmarkt allerdings wird, desto öfter sehen unfreiwillig "Freigestellte" aber keinen anderen Ausweg, um ihrer Bredouille zu entkommen. In einzelnen Bundesländern werden deshalb schon bis zu 15 Prozent der jährlichen Firmengründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus gestartet. Tendenz steigend.

Vor ein paar Jahren lag dieser Wert noch unter der Zehn-Prozent-Marke. 80 Prozent aller Gründer waren zuvor in einem Angestelltenverhältnis. Ist das zu Ende, wählen viele aus der Not heraus den Sprung ins kalte Wasser, weil als Alternative sonst nur Arbeitslosigkeit mit Open End droht.

Gründungen durch Ältere

Beim Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) verzeichnet man derzeit außerdem einen überdurchschnittlich großen Anstieg der Gründungen durch Ältere, die auch als Best- und oft Überqualifizierte bei der Jobsuche überproportional chancenlos sind. Schon jeder fünfte "Jungunternehmer" ist älter als 45 Jahre, weiß die Statistik der AMS-Jobvermittler, die mit einem seit acht Jahren bestehenden Gründerprogramm – gemeinsam mit externen Unternehmensberatern – über 26.000 Arbeitslosen den Weg ins "Einzelkämpfertum" geebnet haben. Im Vorjahr waren es allein über 4000. Einige davon tun sich den steinigen Weg ins Unternehmertum freilich auch an, weil sie schon immer ihren Lebenstraum einer ganz individuelle Geschäftsidee umsetzen wollten und der Reiz der Selbstständigkeit alles andere überwiegt.

Schwieriger Umstieg

So verschieden die Gründe sind, warum sich Menschen plötzlich am Arbeitsamt wiederfinden, so ähnlich formulieren die ehemaligen Unternehmens-Aspiranten heute im Gespräch mit dem Standard ihre Erinnerung an den Umstieg in einen neuen Lebensentwurf: "Man muss bereits mit einem konkreten Projekt antreten – und dieses dann nach allen Seiten mit Zähnen und Klauen hartnäckig gegen die Bremser verteidigen." Was gerade aus der Situation der Arbeitslosigkeit heraus, in der schlaflose Nächte, Zukunftsängste und Verunsicherungen dominieren, besonders schwierig ist. Anscheinend ist jedoch ein Mix aus kühlem Realitätssinn, Idealismus und hartnäckigem Optimismus, mit der die meisten Umsteiger antreten (müssen), eine starke Mischung: Die Überlebensquote der Neugründer liegt nach drei Jahren mit 87 Prozent weit höher als beim Gesamtdurchschnitt der jährlich 31.000 Firmengründungen. Gründerzeit herrscht vor allem im Bereich unternehmensbezogener Dienstleistungen, etwa als Berater oder Trainer. Jeder vierte Arbeitslose macht sich zudem im Handel, Gewerbe oder Handwerk selbstständig. Und wie eine Evaluierung des AMS zeigt, können viele Lebensträume der wirtschaftlichen Realität auch sonst durchaus standhalten. So gelten drei Viertel dieser Unternehmen als betriebswirtschaftlich "gut gehend".

Kalkulierte Risiken

Fast zwei Drittel können _mit einem weiteren Umsatzzuwachs in den nächsten drei Jahren rechnen. Renommierte Unternehmensberater wie die Österreichische Studien- und Beratungsgesellschaft (ÖSB consulting) unterstreichen, dass jene am erfolgreichsten sind, die "kalkulierte Risiken" eingehen. Lediglich sechs Prozent aller Gründer stehen nach fünf Jahren wieder auf der Straße, was "ein sensationell geringer Wert ist".

Die Firmengründer, die am Beginn in der Regel zumeist allein arbeiten, schaffen im Durchschnitt in den ersten fünf Jahre 1,3 zusätzliche Angestellten-Jobs. Danach existieren noch 73 Prozent der Firmen, eine Rate die über jener der insgesamten Firmengründungen (71,7 Prozent) liegt.

Ein ähnliches Bild spiegeln die Ergebnisse einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market wider, wonach "46 Prozent der befragten Neuunternehmer mittelfristig mit einem besseren Ergebnis als im letzten Halbjahr rechnen, 34 Prozent von einem tendenziell gleich bleibenden Erfolg überzeugt waren und nur elf Prozent von einer Verschlechterung ausgingen." Da zahlt es sich aus, dass der Staat für innovative Selbstständige jährlich 14 Millionen Euro springen und vom AMS verteilen lässt. Dessen Sprecherin, Beate Sprenger, freut vor allem, dass 80 Prozent mit der Gründungsberatung "sehr bzw. eher zufrieden waren". Damit heben sich die Gründerinitiativen nämlich positiv von anderen AMS-Kursen für Arbeitssuchende ab, deren "Treffsicherheit" oft äußerst zweifelhaft ist und seit Jahren Kritiker monieren lässt, diese würden lediglich eine "Behübschung" der Arbeitslosenstatistik bringen. Zur Erinnerung: ein Servicetechniker, der – zuvor in leitender Position tätig – gleich sechsmal am gleichen Jobcoaching-Kurs teilnehmen musste. Oder: eine ausgebildete Französisch-Dolmetscherin, die (als Schülerin) in einen Französischkurs der Volkshochschule gesteckt wurde.

Kurs Richtung Neustart

Anders die Kurse, die in Richtung Unternehmensneustart führen: Dabei werden Neo-Chefs, die eine Top-Idee und genügend Berufserfahrung mitbringen, Unternehmensberater zur Seite gestellt. Die klopfen dann mit dem Segen und dem Cash des AMS (pro Projekt: 4500 Euro) Chancen und Risiken ab. Es folgen Realisierungs- und Nachbetreuungsphase. Berater, wie die ÖSB, schneidern dabei individuelle, maßgeschneiderte Kurspakete. "Da will einem im Gegensatz zu den üblichen AMS-Kursen niemand was hineindrücken", sind die meisten voll des Lobes. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2006)

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