Das post-bushianische Zeitalter ist angebrochen

6. März 2007, 19:02
18 Postings

Politiker versuchen, weltanschaulich exponierte Ansichten abzuschleifen - von Christoph Winder

George W. Bush wird noch zwei Jahre im Amt sein, doch als amerikanischer Präsident ist er eine lahme Ente oder ein toter Hund, je nachdem, welche animalische Metapher der Leser nun bevorzugt. Noch spuren die Untergebenen im Weißen Haus, noch klatschen ihm die Fans zu, wenn er auftritt, noch gilt ihm das Interesse der Berichterstatter aus den Medien. Aber in Wahrheit ist die Bush-Ära vorbei, hat das post-bushianische Zeitalter (PBZ) begonnen.

Man erkennt das Heraufkommen dieses Zeitalters an einer Reihe von Einzelheiten, die zusammengenommen das Bild eines markanten atmosphärischen Umbruchs ergeben. Man erkennt das PBZ daran, dass die Rede von einem „roten“ und einem „blauen“ Amerika, einem konservativen und einem liberalen, die einander angeblich unversöhnlich gegenüberstünden, der Überzeugung Platz gemacht hat, dass sich das wahre politische Leben im Zentrum abspielt. Man erkennt es daran, dass fast alle US-Politiker, die 2008 Präsidentin oder Präsident werden wollen, wie wild bemüht sind, weltanschaulich exponierte Ansichten abzuschleifen und nach der Mitte hin zu korrigieren.

Man erkennt das PBZ an dem breiter werdenden Konsens in den US-Medien, dass die Invasion des Irak ein fehlgeleitetes Abenteuer gewesen sei, welches den USA schweren Schaden zugefügt hat. Und man erkennt es daran, dass die politische Intelligentia des Landes damit beschäftigt ist, sich Gedanken über die künftige Rolle Amerikas in der Welt zu machen, um so das ideologische Vakuum, das die diskreditierten Neokonservativen hinterlassen haben, langsam wieder aufzufüllen.

Die Perspektive, dass die Bush-Ära sukzessive durch das PBZ abgelöst wird, ist Good News. Es ist Jänner 2007, draußen hat es 14 Grad Celsius (plus, natürlich) und die Vögel vor dem Fenster pfeifen so munter, als wäre es mitten im Mai. Zu wissen, dass sich angesichts solch exzentrischer Witterungsverhältnisse auch in den USA langsam ein politisch-meteorologisches Umdenken breit macht, stimmt optimistisch. In der Bush-Ära war der Klimawandel ein Nicht-Thema, das vom alles bestimmenden Terror an den Rand gedrängt wurde. Wenn sich die Bush-Regierung überhaupt mit Treibhauseffekt und abschmelzenden Polkappen beschäftigte, dann tat sie es in der Haltung, dass sich ein kausaler Zusammenhang zwischen Treibgasausstoß und Erderwärmung niemals beweisen lasse.

Mit der Pflege einer solchen kognitiven Dissonanz wird im PBZ keine US-Regierung mehr durchkommen. Es gibt keinen schlagenderen Beweis für diesen Paradigmenwechsel als den Durchmarsch von Al Gores Dokumentarfilm „An Inconvenient Truth“, der als krasser Außenseiter in ein paar Experimentalkinos begonnen hat und jetzt als Oscar-Favorit gehandelt wird.

Noch vor zwei oder drei Jahren wäre es schwer vorstellbar gewesen, dass ein Mainstream-Medium wie die International Herald Tribune einen Kommentar bringt wie den des Politologen Anatol Lieven am vergangenen Freitag. In diesem hochgradig alarmistischen Stück verficht Lieven die These, dass der Klimawandel die schlimmste Bedrohung des freien Westens seit Menschengedenken sei und der Terror dagegen wie eine Bagatelle anmute.

Wenn weltweit ein Staat nach dem anderen in sich zusammenbreche, weil ihn Hungersnöte und Fluten in die Knie zwingen, dann „wird nicht nur unsere obsessive Beschäftigung mit dem Terror belanglos werden, sondern auch die Demokratisierungsoffensiven westlicher Staaten werden zur kompletten Bedeutungslosigkeit verurteilt sein“. Kein Zweifel: Auch hier kündigen sich die Konturen des neuen PBZ an. Lieven zählt auch zu jenen Denkern, die sich intensiv mit der Stellung Amerikas in der Welt im PBZ beschäftigen.

Im September hat er ein Buch publiziert, das der US-Politik empfiehlt, dem neokonservativen Idealismus, der die ganze Welt auf US-demokratischen Kurs bringen wollte, abzuschwören und ihn durch einen „ethischen Realismus“ zu ersetzen. Das heißt: Amerika soll der Welt zugewandt bleiben, trotz des Debakels im Irak, doch soll diese Zuwendung von mehr Zurückhaltung, Bescheidenheit und Augenmaß gekennzeichnet sein.

In der politischen Diskussion der USA hat Lievens Idee schon eine ansehnliche Breitenwirkung entfaltet. Wie diese Politik des „ethischen Realismus“ im Detail dann aussehen könnte, ist noch weitgehend offen und vielleicht auch gar nicht so wichtig. Das Wichtige ist, dass nach Jahren der neokonservativen Hybris in den USA endlich eine Debatte in Gang zu kommen scheint, die sich weniger mit Wunschträumen als mit dem politisch Machbaren beschäftigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Präsidentensiegel wie US-Politik werden neuerdings ins Lot gebracht.

Share if you care.