High durch Hunger

26. Juli 2007, 13:02
26 Postings

Genug geschlemmt - Fasten ist eine Strategie zur Erholung des Orga­nismus - Doch Abnehmen will gelernt sein, Hungern ohne Anleitung kann auch gefährlich sein

1944 wurden in den USA junge Wehrdienstverweigerer in ein "Hunger-Camp" geschickt. Ein halbes Jahr lang erhielten die Zwangsrekruten nur die Hälfte der gewohnten Nahrungsmenge und dienten somit als menschliche Versuchskaninchen für ein umstrittenes Experiment, das als "Minnesota-Studie" in die Medizingeschichte einging. Die Folgen des unfreiwilligen Nahrungsentzugs waren alles andere als angenehm: Die Probanden litten unter Schlaf- und Sehstörungen, Magen-Darm-Problemen oder unerträglichen Kopfschmerzen. Dazu kamen Depression, Angst, Apathie und hysterische Anfälle.

Fasten

Anders reagiert der Körper beim gezielten Fasten: "Wenn man freiwillig auf Essen verzichtet, stellt der Körper automatisch auf Energiebereitstellung von innen um", erklärt Ingrid Kiefer, Ernährungswissenschafterin der Universität Wien. In den ersten drei Fastentagen können Hungergefühle auftreten, ab dem vierten Tag sind diese so gut wie nicht mehr vorhanden.

Dafür passiert aber auch einiges im Körper: Die Ausschüttung von Insulin, Wachstums- und Schilddrüsenhormonen sinkt durch die kalorische Enthaltsamkeit, gleichzeitig wird immer mehr Adrenalin und Serotonin produziert. Vor allem Letzteres sorgt als Botenstoff im Gehirn für die häufig beschriebene Euphorie während des Fastens: "Dabei kommt es zu ähnlichen Zuständen wie bei LSD- oder Ecstasy-Konsum", so Kiefer. Kein Wunder, dass in der langen Tradition des Fastens häufig davon die Rede ist, dass "die Grenzen der Wirklichkeit in Bewegung kommen" oder "der Geist größere Klarheit" erfährt.

Im deutschsprachigen Raum unterziehen sich geschätzte 8000 Menschen alljährlich einer Heilfasten-Kur in dafür spezialisierten Kliniken. Eine weit größere Zahl lässt sich ohne ärztliche Aufsicht auf dieses Abenteuer ein.

Gesundheitsrisiko

Russisches Roulette und mittelalterlicher Hokuspokus, warnen Fastengegner wie der deutsche Oecotrophologe Thomas Reiche. Er bezeichnet Heilfasten schlichtweg als überholt und wissenschaftlich nicht begründbar: "Jedes Jahr sterben Risikopatienten bei diesem Selbstversuch, weil beim Fasten vermehrt Eiweiß aus der Herzmuskulatur abgebaut wird." Das betrifft laut Reiche vor allem Personen mit Normalgewicht, wo der Körper vermehrt auf fettfreie Energiereserven zurückgreifen muss. "Zusätzlich entsteht Azeton, das mit zunehmender Fastendauer eine Übersäuerung bewirkt und die Fähigkeit der Niere zur Harnsäureausscheidung hemmt. Auch das Risiko für Gallensteine steigt, wenn die Gallenflüssigkeit durch den inaktiven Darm kristallisiert."

Weshalb das Heilfasten bei allen chronischen Erkrankungen ohne medizinische Kontrolle eindeutig kontraindiziert ist. Ärztliche Anhänger des Naturheilverfahrens sehen das anders. Sie setzen die Methode nicht nur bei Übergewicht, sondern auch bei Diabetes Typ 2, Stress, Hautkrankheiten oder Arthritis ein.

Erwartungen

Abnehmwillige warnt die ehemalige Fastengegnerin Kiefer jedoch vor falschen Erwartungen: "Wer darin eine alljährliche Absolution für einen ungesunden Lebenswandel sieht, ist auf dem Holzweg. Richtiges Fasten hat nichts mit Diät zu tun, sondern dient zur Förderung eines gesünderen Lebensstils, weil danach das Verlangen nach gesünderem Essen und die Lust auf Bewegung zunehmen."

Umprogrammiert

Da der Körper während des Nahrungsverzichts auf Sparflamme schaltet, kommt es nach Fastenende häufig zum Jo-Jo-Effekt, der den erwünschten Verlust an Körpermasse unerfreulich schnell wieder wettmacht. "Andererseits kann eine intensive Schulung in einer Fastenklinik den Einstieg zur Ernährungsumstellung erleichtern", meint Reiche. Relativierender Nachsatz: "Dafür bräuchte man sich aber nicht unter Gefahren wochenlang zu kasteien, sondern könnte genauso gut einfach mehr Obst und Gemüse essen und reichlich Wasser trinken."

Laut Kiefer ist aber nicht jeder fürs Fasten geeignet. "Für manche Menschen ist es eine reine Qual." Der Nahrungsentzug macht Stress, man denkt unentwegt an Essen und spürt keine positive Auswirkung. Impulsive Menschen haben es besonders schwer.

Kiefer: "Sie reagieren auf Einschränkung rasch mit Spannungen und Essanfällen und sollten besser ab und zu einzelne Schalttage mit Reis, Obst oder Gemüse einlegen." In Tierversuchen führt die eintägige Enthaltsamkeit nämlich zu einer verlängerten Lebenserwartung. (DER STANDARD, Printausgabe, Andrea Fallent, 2.1.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Fasten entlastet, auch ein regelmäßiger Obsttag hat einen überaus positiven Effekt

Share if you care.