Platz der Musikränder: "Jazz zu Neujahr"

1. Jänner 2007, 20:23
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Die Alte Schmiede ist seit 30 Jahren auch ein Ort der anspruchsvollen Musik: In diesem Sinne gibt es in den nächsten Tagen wieder den glänzenden Schwerpunkt "Jazz zu Neujahr"

Wien - Schon der Ort ist in gewisser Weise Programm: Versteckt, in einem Hinterhof der verwinkelten innerstädtischen Schönlaterngasse, in Räumen, die kaum zufällig gefunden werden können, erklingt seit 30 Jahren Musik, die sich nicht für flüchtige Bekanntschaft eignet, die vielmehr ganz und gar bewusst rezipiert werden will.

Als Sitz des "Literarischen Quartiers" bekannt, ist die Alte Schmiede nicht nur für schriftstellende, sondern auch für Töne setzende Zeitgenossen längst zur Institution avanciert: Der kleine Raum mit den informelle Unbefangenheit ausstrahlenden Sitzbankstufen, in deren Mitte die Musikkreativen agieren, er ist auch zum Brennpunkt für musikalisch Randständiges geworden, zum Labor für Klänge und Musikschaffende, die sich (noch) nicht in die Kategorien der großen Verwertungsbetriebe einfügen können und wollen.

Langsames Erwachen

"Neue Musik in allen Spielarten" sollte in dem 1975 als Literatur-Zentrum eröffneten Haus nach dem Willen von Kulturstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner und des Jugend & Volk-Verlags ertönen, was ab Oktober 1976 auch geschah - jenem Oktober 1976, in dem die Mauern des ehemaligen Auslandsschlachthofs geschleift wurden, die im Sommer zuvor einer im Aufbruch begriffenen jungen Szene als Hort für einen selbst verwalteten Kulturbetrieb, die "Arena", gedient hatten.

Auch die Klänge, die fortan - schon damals kuratiert von Kulturjournalist Karlheinz Roschitz - aus der Schönlaterngasse drangen, waren Signalrufe für das langsame Erwachen Musik-Wiens aus dem provinziell-konservativen Dornröschenschlaf der Nachkriegszeit. Wobei hier früh auf Überwindung der Grenzen von improvisierter und komponierter Musik gesetzt wurde und neben Gesprächskonzerten mit Protagonisten wie Friedrich Cerha, György Ligeti und Morton Feldman auch Abende mit avanciertem Jazz zu vernehmen waren - vor allem die Wiener Free-Jazz-Avantgarde rund um Fritz Novotnys Reform Art Unit fand hier eine Heimat. Die Komponisten elektroakustischer Musik wurden in Gestalt des von Dieter Kaufmann initiierten "Elektronischen Frühlings" sesshaft, Claudio Abbado selbst legte 1988 den Grundstein für die Zusammenarbeit mit "Wien Modern".

Aus der langen Liste persönlicher Highlights seien ein Klavierabend von Hannes Löschel u. a. mit Werken Henry Cowells, ein Vortrag von Minimal-Music-Pate LaMonte Young sowie ein Konzert von Free-Jazz-Kraftmeier Peter Brötzmann angeführt.

Nahm die Musikwerkstatt in den Anfangsjahren als eine der wenigen Inseln der zeitgenössischen Musikszene die Aufgabe einer Grundversorgung mit Information und Klängen wahr, so änderte sich dies naturgemäß mit der Entstehung inhaltlich verwandter, größerer Institutionen: Um sich als kleiner Player - das vom städtischen Kulturamt gestellte Budget beläuft sich auf schlanke 80.000 Euro jährlich - umso nachdrücklicher den Graswurzeln des Musikbetriebs zu widmen.

Der Umstand, dass Karlheinz Roschitz per 1. Jänner 2007 mit Gerald Resch, dem 31-jährigen Komponisten, einen zweiten Kuratoren an Bord geholt hat, könnte Abhilfe für einen der wenigen Kritikpunkte, den häufigen Namenswiederholungen im Programm, bedeuten. Und den Blick auf eine zeitgenössische Musikszene verjüngen, die auch dank der kontinuierlichen Arbeit der Musikwerkstatt der Alten Schmiede heute eine enorm vielfältige, produktive ist.

Veranstaltungen:

"Jazz zu Neujahr": 3. 1. Wolfgang Reisinger/Klaus Dickbauer/John Schröder; 4. 1. Reform Art Unit & Walter Malli; 5. 1. Reform Art Unit & Margarete Jungen; 8. 1. Andy Manndorff; 10. 1. Stefan Pelzl; 11. 1. Paul Fields/Aaron Wonesch. Jeweils 19.00. Eintritt frei!

CD-Tipp: "30 Jahre Musikwerkstatt in der Alten Schmiede" - Doppel-CD mit Stücken von Dieter Kaufmann, Franz Hautzinger, Karlheinz Essl & Cordula Bösze sowie dem Auftragswerk "Doomsdays" von Boris Hauf und Konrad Rennert. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, 02.01.2007)

  • Gastiert gerne und nun wieder in der Alten Schmiede - der vielseitige Schlagzeuger Wolfgang Reisinger.
    foto: standard/ hendrich

    Gastiert gerne und nun wieder in der Alten Schmiede - der vielseitige Schlagzeuger Wolfgang Reisinger.

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