Neustart ohne leere Kilometer

28. Februar 2007, 12:06
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Vom Reisebürofachmann zum selbstständigen "Winebauern"

Graz - Die eine Anstellung im Wiener Reisebüro hatte er aufgegeben, und jener Topjob, den man ihm angeboten hatte, war plötzlich futsch. Eine Filialleitung in der Reisebürobranche habe man ihm angetragen, sagt Hans Georg Bauer, eine "tolle Sache", zumal er von Wien zurück in die Steiermark wollte. Aber plötzlich wurde aus dem Topangebot entgegen der Abmachung eine kleine Abteilungsleitung. Bauer: "Dann bin ich halt beim Arbeitsamt gelandet." Der erste Eindruck: Hier wird lediglich die Arbeitslosenauszahlung verwaltet.

Natürlich, er sei kein leichter Fall gewesen. Ziemlich überqualifiziert und 40 Jahre alt. HAK-Matura, Gleichenberger-Colleg, etliche Praxisjahre an führenden Positionen in der Hotellerie, zuletzt gute Jobs in der Reisebürobranche. Bauer: "Und dann wollte ich auch noch hier in der Steiermark meinen neuen Lebensmittelpunkt aufbauen, und ich wusste, hier in der Oststeiermark wird es verdammt schwer werden, in meiner Branche etwas zu machen. Ich war einfach zu alt und zu teuer. Es war klar: in der Tourismusbranche wird es schwer werden, wieder einen Fuß auf den Boden zu bekommen."

Dann kam jedoch der erste positive Wink vom AMS. "Sie haben mich nicht gleich als Kellner irgendwo hingeschickt. Sie hätten ja auch sagen können, so, Sie fangen als Oberkellner an." Es flatterte just im kritischen Moment ein kurzfristiges Projektangebot ins Haus. Vom Bad Gleichenberger Tourismus. Es war die Initialzündung für den späten neuen Beruf - für das Unternehmertum.

Die Aufgabe: Ausbau eines touristischen Angebotes, Organisation von Ausflügen mit den Kurgästen, Einführung in die kulinarischen Geheimnisse dieses Landstriches. In die Kernölpressen, zur Schinkenmanufaktur des Vulkanlandes, zur Edelbrändeherstellung.

Viel gelernt habe er damals. So viel, dass die Idee reifte, professionell in die Vermarktung dieses touristischen und kulinarischen Schatzes der Oststeiermark einzusteigen. Bauer: "Ich wollte mich selbstständig machen. Als Konsequenz der Arbeitslosigkeit. Ich dachte mir: Das Reisebüro ist ohnehin vom Internet bedroht, aber Weintrinken sicher nicht."

Nachdem das Projekt in Bad Gleichenberg auslief und Bauer wieder beim Arbeitsamt gelandet war, hatte er nun die neue Perspektive im Kopf. Und eine längst vergessene Ressource: Bauers Eltern hatten am Land diese Greißlerei, die längst zugesperrt und als Büro vermietet war. Es fügte sich, dass der Mietvertrag auslief und plötzlich Platz da war für den "Winebauer" - das erste Spezialitätengeschäft der Gegend.

Zuvor hieß es aber die Leute vom AMS zu überzeugen. Bauer: "Ich sagte ihnen: 'Bevor ich noch lange arbeitslos bin, möchte ich es versuchen. Ich möchte selbstständig werden.'" Der Unternehmer in spe war überrascht: Er war auf eine flexible Spezies von Arbeitsamtmitarbeitern gestoßen. Die waren relativ rasch einverstanden und boten Unterstützung in Form von Seminaren und Kursen, "die ich wirklich brauchte". Seminare wie "Nachhaltige Regionalentwicklung" etwa, oder einen "Managementkurs". Bauer: "Sie haben mich aus dem Pool der zu Vermittelnden rausgenommen. Ich erhielt aber weiter die Arbeitslose. Es war super geplant, bis hin zum Businessplan und der Finanzierung. Es waren wirklich keine leeren Kilometer dabei." Die AMS-Begleitung endete, als das Lokal tatsächlich - mit Erfolg - aufsperrte. (Walter Müller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.1.2007)

  • Hans Georg Bauer wurde vom AMS in die Selbstständigkeit begleitet. Die angebotenen Kurse sowie die Hilfe bei Businessplan und Finanzierung bezeichnet er er als optimal.
    foto: standard

    Hans Georg Bauer wurde vom AMS in die Selbstständigkeit begleitet. Die angebotenen Kurse sowie die Hilfe bei Businessplan und Finanzierung bezeichnet er er als optimal.

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