Wissensgesellschaft produziert Ich-AGs

28. Februar 2007, 12:06
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Das Ein-Personen- Unter­nehmen, das unbekannte Wesen: Eine Untersuchung beleuch­tet erstmals Herkunft, Arbeitszeit und Einkommen dieser Wirtschaftseinheit

Wien - Kaum eine Gruppe ist von derart starker Heterogenität durchdrungen, keine andere Gruppe kann von sich aus behaupten, freiwillige und nicht freiwillige "Mitglieder" zu haben und kaum eine Gruppe ist - denn auch das Gießkannenprinzip ist begrenzt dehnbar - so mangelhaft erfasst und unterstützt: Die EPUs, die Ein-Personen-Unternehmen sind eine mittlerweile nicht mehr zu übersehende Gruppe am Arbeitsmarkt.

Rund 170.000 EPUs soll es geben - das sind immerhin 54 Prozent aller Mitgliedsunternehmen der Wirtschaftskammer Österreich - und 35.000 so genannte Neue Selbstständige. Rund 200.000 Selbstständige, die sich bislang ohne Lobby, ohne offizielle Adressaten sahen und als Gruppe bis auf die kürzlich erschienene Erhebung des Forum zur Förderung zur Selbstständigkeit (FO.FO.S) auch nicht breiter untersucht worden ist.

Vom Taxifahrer bis hin zum Fotografen oder Designer fallen alle in dieses Kaleidoskop der One-Man- und One-Women-Shows. Das FO.FO.S-Projekt "Self-Employment - Begleitung und Beratung für Ein-Personen-Unternehmen" wurde durch das Leonardo-da-Vinci-Programm der EU finanziert und fokussiert die Verbesserung zielgruppenspezifischer Services. Ein erster größerer Anstoß, der gut und recht an der Zeit ist. Für die Erhebung wurden im Frühjahr 2006 und in jedem der Partnerländer - Österreich, Finnland, Polen und Rumänien - zwischen 300 und 400 Personen befragt.

Laut Definition der Europäischen Kommission gelten jene Unternehmen als Klein- und Mittelbetriebe, die weniger als 250 Mitarbeiter beschäftigen und einen Umsatz von weniger als 43 Millionen Euro pro Jahr erwirtschaften. In Österreich sind das 99,6 Prozent - laut FO.FO.S-Umfrage. Ein-Personen-Unternehmen fallen entsprechend dieser Definition in die Gruppe der Mikro-Unternehmen - und Mikro-Unternehmen machen 86 Prozent aller österreichischen Unternehmen aus, so die Studie weiter.

Die Befragten Ein-Personen-Unternehmer gaben zu 88,1 Prozent an, im Dienstleistungssektor tätig zu sein - der Rest teilte sich in Handel (11,3 Prozent), Produktion (5,3 Prozent) und andere Tätigkeiten (drei Prozent) auf. Sie agieren häufig in wissensbasierten und dynamischen Bereichen: 52,5 Prozent sind im Business-to-Business-Bereich (b2b) tätig, 12,5 Prozent arbeiten für Privatkunden (b2c) und 35 Prozent der Befragten richten ihre Tätigkeiten auf Organisationen und Privatpersonen aus - dies meist vom Home-Office aus (62 Prozent).

Der Großteil der Befragten gab an, zwischen 41 bis 60 Stunden die Woche zu arbeiten - der Anteil der Frauen und Männer liegt bei je 42 Prozent. Die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben wurde mit 86,6 Prozent eher gut bis sehr gut bewertet.

Die Wege zum EPU sind allerdings unterschiedlich, was für die erfolgreiche Fortführung oder Aufrechterhaltung der Unternehmungen ausschlaggebend ist. Viele unter ihnen sind Jobeinsteiger - in verschiedenen Branchen, die Medienbranche nicht ausgeschlossen, wird nicht mehr im selben Maß wie früher angestellt, zum Beispiel. Andere wiederum wurden gekündigt, oder haben selbst den Entschluss gefasst, nicht mehr in festgefahrenen Strukturen arbeiten zu wollen. Für mehr Spaß, Freiheit und besseres Ausleben der Kreativität sind viele bereit, mehr Risiko auf sich zu nehmen, weniger Einkommen selbstredend mit einkalkuliert.

Existenzgrenze

Als Gründe für die Selbstständigkeit werden "Eintritt in den Arbeitsmarkt" (26,1 Prozent), "mehr Einkommen" (25,8 Prozent) und "Unabhängigkeit" (23,3 Prozent) an erster Stelle genannt. Nebenher ist der Anteil jener, der darum kämpft, nicht ständig an der Existenzgrenze zu schrammen, nicht unerheblich und weist klar die Notwendigkeit einer besseren Sichtbarmachung der Fördermöglichkeiten für selbstständig tätige Einzelunternehmer auf: So brachte die FO.FO.S-Erhebung zutage, dass 40,4 Prozent der Befragten ein nicht wirklich ausreichendes bzw. überhaupt kein ausreichendes Einkommen für sich verzeichnen können. Die Studie jedenfalls spricht von den "working poor". (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.1.2007)

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