Unser Leben, unser Web

7. Jänner 2007, 18:34
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Früher ist man online gegangen, heute leben wir online. Das Internet als "Web 2.0" wird zur permanenten Gegenwart, wo sich Freizeit wie Arbeit gleichermaßen abspielen.

Fast 100 Jahre vergingen nach der Erfindung der ersten Dampfmaschine, bis endlich jemand auf die Idee kam, eine Dampfmaschine auf Räder und Schienen zu stellen und damit der industriellen Revolution so richtig einzuheizen. Weil im Internetzeitalter alles etwas schneller geht, sind wir gerade dabei, das virtuelle Äquivalent der Eisenbahn zu erfinden, dem der Internetguru Tim O'Reilly den etwas vagen Begriff Web 2.0 verliehen hat.

Netscape

Web 1.0, das war circa ab Ende 1994, als mit dem "Netscape Navigator" der erste Webbrowser für die Massen auf den Markt kam, für viele der erste Blick auf die schöne neue Onlinewelt. Natürlich nannte die Infobahn damals niemand Web 1.0, es war einfach das Internet, der Datenhighway oder das World Wide Web, erst später das Web - was hier zu Lande noch immer kein wirklich populärer Ausdruck ist, obwohl es im sechsten Wiener Bezirk sogar eine eigene Webgasse gibt (die mehr mit Webstühlen und Dampfmaschinen als mit dem Web zu tun hat).

Homepage

In der Welt des Web 1.0 hatte bald jeder, der dabei sein wollte - von ambitionierten Volksschülern bis zum Finanzminister -, eine "Homepage", eine Art Auslage oder Visitenkarte, auf der Information aller Art feil geboten wurden, manches nützlich, vieles (wie auch heute noch) virtueller Schrott, auf jeden Fall aber: eine Einbahnstraße der Information, hier ein Angebot, dort die Leserin, der Leser. Wer zu den digitalen Cognoscenti zählte, konnte relativ leicht seine eigene "Homepage" anlegen, und so war das Web 1.0 bald eine Kakophonie von Millionen Seiten, durch die geschickte Benutzer mithilfe von Verzeichnissen wie Yahoo navigieren, aber wenig verändern konnten.

Gegenverkehr

Fast forward zu Web 2.0. Wann diese neue Version so richtig losging, lässt sich nur schwer exakt ausmachen; und wie für alles und jedes im Netz gibt es Richtungsstreits darüber, was denn nun Web 2.0 wirklich ist. Aber man kann argumentieren, dass Blogs und Wikipedia zu den ersten sichtbaren Hervorbringungen von Web 2.0 gehörten, noch bevor es diese Punze gab. Auf unterschiedliche Art zeigen beide die wesentlichen Merkmale von Web 2.0: Gemeinschaft und Zusammenarbeit vieler User sorgt für brauchbare Inhalte (brauchbar im Sinne von: viele andere User ansprechend). Und damit das möglich wird, musste sich das Web technisch gesehen zur Gegenverkehrszone entwickeln. Webseiten im Web 2.0 können nicht nur gelesen, sondern von ihren Besuchern auch beschrieben oder mit Fotos, Videos und Ton befüllt werden.

Man könnte natürlich ebenso gut argumentieren, dass Ebay von Anfang an eine Web-2.0-Geschichte war. Oder dass Amazon mit seinen User-Rezensionen und Hinweisen auf "Kunden, die A gekauft haben, haben sich auch für B interessiert" einen Web-2.0-Kern hat. Nur dass es dabei halt um schnöden Handel mit Waren aller Art und nicht um humanistische Bildung wie bei Wikipedia geht.

Immer und überall

Jedenfalls: Damit aus diesen Merkmalen ("Community" und "Collaboration", verbunden mit "beschreibbaren" Webseiten) wirklich eine Massenentwicklung werden konnte, gehörten noch ein paar andere Kleinigkeiten dazu. Etwa, dass heute so gut wie immer und überall ein Internetanschluss verfügbar ist, wie der Bildschirm, vor dem wir täglich viele Stunden verbringen, oder selbst das Handy in unserer Hosentasche. Dass Fotos und Videos digital wurden und so die meisten von uns wandelnde Produktionsstudios geworden sind. Dass durch vorangegangene Jahrzehnte des Medienkonsums in unserem Inneren schon lange ein kleiner Medienproduzent eingesperrt war, der endlich herausdarf.

Wir sind Web 2.0

Wir sind Web 2.0. Unser Internet machen wir uns also neuerdings selbst, eine Entwicklung die sich im vergangenen Jahr (zumindest in den USA) so beschleunigt hat, dass das etablierte Time-Magazin, quasi "Journalismus 1.0", neulich gleich uns alle - "You" - zu den "Personen des Jahres 2006" kürte. Von "You" stammten die ersten Bilder und Augenzeugenschilderungen des Tsunami vor zwei Jahren, oder aus den Schächten der Londoner U-Bahn nach den 7/7-Anschlägen 2005. Alteingesessene Nachrichtenmedien wie die BBC oder Reuters fordern ihre Leser auf, ihre Bilder und Nachrichten zur Veröffentlichung einzuschicken. Die "Bürgerreporter" von OhmyNews (im Verbund mit professionellen Redakteuren) in Südkorea haben wesentlichen politischen Einfluss im Land gewonnen. Blogs wie die "Huffington Post" verdienen inzwischen genug Geld, um nicht nur Meinung posten, sondern auch für journalistische Recherche zahlen zu können - doch halt: Ist "You" dann noch am Keyboard?

Welche Nachrichten wir uns als "Personen des Jahres" allerdings bevorzugt machen und konsumieren, rechnet uns Frank Rich, der frühere Time-Filmkritiker und jetzige Kolumnist der New York Times, kulturkritisch vor: "Britney Spears Nude on Beach" wurde auf YouTube, dem jüngsten Hotspot der Web-2.0.Generation, 1.041.776-mal angeschaut; die Zahl für Videoclips mit dem "Tag" (Web-2.0-Lingo für Stichwort) "Irak" belief sich hingegen nur auf 22.783.

Das öffentliche Private

Und es stimmt: Denn während sich Medien in erster Linie mit dem Potenzial von Web 2.0 als Konkurrenz etablierter Medienmodelle beschäftigen, findet unser Leben oft ganz woanders statt. Wir schreiben über unser Leben mit Kindern oder als Austauschstudentin in Dänemark, fotografieren unsere Reisen, Feste und unseren Alltag, beschweren uns über schlechte Hotels oder brennende Notebooks oder ziehen öffentlich über unsere Ex-Lieben auf Websites her. Auch wenn MySpace Millionen von Usern als Community zusammenführt: Innerhalb des großen Treffs zählen wieder die Interessen der kleineren Peergroups; der in Millionen Page Views pro Tag gemessene "Traffic" interessiert den neuen Eigentümer, Medienzar Rupert Murdoch, und die Werbeindustrie, aber nicht die User. Obwohl natürlich auch sie ihren Nutzen daraus ziehen: Denn mit der Gesamtgröße wächst die Chance, die wenigen Einzigartigen zu finden, mit denen wir uns verbunden fühlen.

Neue Ära

Die bisherigen Trampelpfade, von YouTube, Flickr bis MySpace sind nur der Anfang, und immer mehr spielt sich abseits davon ab. Zum Beispiel mit Anwendungen wie Google Notebook, mit dem man Onlinenotizen sammeln und mit anderen teilen kann, oder Terminkalendern im Web, um private und gemeinsame Termine unter einen Hut zu bringen und Projekte zu organisieren. Willkommen also in der neuen Welt von Web 2.0, bei der gerade erst die Schienen verlegt werden. Auf den fahrenden Zug kann jederzeit gefahrlos aufgesprungen werden. (Helmut Spudich, derStandard/Printausgabe von 30.12.06 bis zum 1.1.07)

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