Der Zauber des geliehenen Berges

8. Jänner 2007, 10:25
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Alle zwei Jahre steht der Semmering zwischen Weihnachten und Neujahr im Licht der Skiaufmerksamkeit. Das ist aber nichts Neues. Denn der Semmering hat auch diesbezüglich eine eindrucksvolle Geschichte, die davon bestimmt ist, dass Wien nicht weit ist

Semmering - Der bedeutendste lebende Semmeringologe heißt Wolfgang Kos. Und dass er Direktor des Historischen Museums in Wien ist, kann keinesfalls als Zufall betrachtet werden, auch wenn viele Niederösterreicher gerade das mit Leidenschaft tun mögen.

Denn der Semmering ist in der mittlerweile doch schon langen Phase seines Zusammenlebens mit den Menschen vor allem eines gewesen: ein verkehrstechnisches Ärgernis. Dass er darüber hinaus noch etwas sein kann, verdankt er den Wienern. Und neben den Wienern den Pressburgern und Budapestern.

Das gilt selbstverständlich bis heute. Es ist eben Wolfgang Kos gewesen, der die zeitgenössische Marktpositionierung der steirisch-niederösterreichischen Gebirgsgrenze auf den Begriff des Thomas Mann gebracht hat. Seine wunderbare "Kulturgeschichte einer künstlichen Landschaft" (Wolfgang Kos: Über den Semmering, Wien 1984) beginnt mit jener Passage, in derManns Protagonist, Hans Castorp, sich seinem "Zauberberg" nähert. Das erst hat den Werbestrategen der Tourismusregion NÖ alpin die wort-bild-markentechnische Rutsche gelegt, aus der die alpinen Weltcupdamen nun seit 1996 im Zweijahresrhythmus zu Tale carven.

Aber selbst das - Skigroßevents in Großstadtnähe seien das Superste, was die superen Ausdenker sich ausdenken können, verkündet man ja unentwegt im Fernsehen - kann den Berg nicht aus seiner Gelassenheit bringen.

Der Semmering war von Anfang an auch ein Veranstalter hochrangiger Sportevents. Schon 1892 berichten die Sportzeitungen von einschlägigen "Schneeschuhfahrten". Und das ist hochspannend in einem umfassenden Sinn. Denn schon damals begann hier die für Österreich geradezu typische Verschmelzung von Veranstalter und Berichterstatter.

Sportversilberer

Victor Silberer, dessen "Schlössl" den Berg bis heute beherrscht, war nicht nur der Begründer der Sportjournalistik, sondern auch ein politisch aktiver Semmeringianer, der sofort die Ökonomie der in ihm selbst liegenden Symbiose erkannte. Schon 1905 konnte deshalb Matthias Zdarsky, Österreichs Skipionier, den ersten Riesentorlauf Österreichs auf dem Semmering ausflaggen.

Die Katastrophe des ersten Krieges überlebte der Berg fast unbeschadet. Rodelbahnen, Skiabfahrten, eine Sprungschanze, der erste Lift des Landes - die alte Nähe zum nunmehr Roten Wien polierte weiter am Zauber, der den Berg sogar hinübertragen konnte in die Selbstgenügsamkeit der Fünfzigerjahre, in denen die Topathleten sich weiterhin maßen. 1952, nur zum Beispiel, fanden hier, am Hirschenkogel und auf der Lichtensteinschanze, die österreichischen Ski-Meisterschaften statt. Damals, noch vor dem Weltcup, ein wahres Großereignis.

Und schon damals ließen die Wiener sich nicht lange bitten. Kolportierte 35.000 bejubelten Sepp Bradl der - Arme voran - mit 59 und 61 Metern zum heimischen Meistertitel flog. Toni Sailer fuhr hier mit dem 1953 aufgestellten Einzelsessellift ebenso wie Anderl Molterer, Gertrud Gabl, Erika Netzer und wie sie alle hießen, die damals ein jeder gekannt hat - wie heute, sagen wir: Kathrin Zettel, Nicole Hosp oder Marlies Schild, die aktuellen Königinnen auf dem von Wolfgang Kos auf die Marketingreise geschickten Zauberberg.

Dort geht nun, neben vielem anderen, auch die Post ab: EAV, Harry Prünster, lustig samma mit die Zillertaler. Aber auch verschwiegene Ecken kennt der Semmering, der alte Dowarisch der Steppenbewohner. Das Panhans, das erste Haus am Berg, seit das Südbahnhotel nur noch als Theaterkulisse dient, sei ohnehin schon fest in russischer Gästehand, hört man. Die aber scheint nun weiter zu greifen.

Oben auf der Passhöhe, gleich beim Zielgelände, steht wuchtig das "Erzherzog Johann", fast schon drüben im Steirischen. Den unzähligen Wienern mit dem lockeren Geldbeutel zum Trotz hat einer auf die Eingangstür "Ruhetag" gepinselt. Irritiert will man schon fragen, wo denn hier die Traverse wäre, gegen die der Wirt offenbar gelaufen sei. Aber noch bevor die Frage dem staunenden Mund entfährt, winkt einer ab: "Die Russen", das haben "die Russen" gekauft. Aber das kann natürlich - wird wahrscheinlich - nur eine Metapher sein. Denn was "die Österreicher" in den Bergen, sind "die Russen" in der wirklichen Welt. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 30./31.12. 2006)

  • 1924: Auf der Lichtensteinschanze zeigt man währenddessen die Frühform des V-Stils: parallele Skiführung, aber etwas gespreizte Arme.
    foto: lothar rübelt / önb

    1924: Auf der Lichtensteinschanze zeigt man währenddessen die Frühform des V-Stils: parallele Skiführung, aber etwas gespreizte Arme.

  • 1957: Noch wird nicht gecarvt auf dem Hirschenkogel. Erika Netzer wedelt formvollendet.
    foto: lothar rübelt / önb

    1957: Noch wird nicht gecarvt auf dem Hirschenkogel. Erika Netzer wedelt formvollendet.

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