Öffnung einer Domäne

21. März 2007, 17:04
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Ein neues Berufsbild mit erweiterten Berufsrechten sorgt für frischen Wind in der Branche der wirtschaftsberatenden Berufe. Diese künftig "selbstständigen Bilanzbuchalter" könnten sich großer Beliebtheit bei Frauen erfreuen

Mit dem am 1. Jänner 2007 in Kraft tretenden Bilanzbuchhaltungsgesetz (BiBuG) schafft der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen für eine neu geformte Berufsgruppe: Als selbstständige Bilanzbuchhalter werden die bisherigen "alten" selbstständigen Buchhalter und gewerblichen Buchhalter mit neuen Rechten unter einem einheitlichen Dach zusammengeführt. Im Gegensatz zu den Berufsbefugnissen der bisherigen gewerblichen Buchhalter dringt der neue selbstständige Bilanzbuchhalter nun - wenn auch beschränkt - in eine Domäne ein, die bisher anderen Berufgruppen wie insbesondere den Steuerberatern vorbehalten war, vor: nämlich die berufliche Vertretung von Personen bzw. Unternehmen gegenüber Behörden. Wenig überraschend daher, dass der Schaffung des selbstständigen Bilanzbuchhalters ein langes Tauziehen zwischen der Kammer der Wirtschaftstreuhänder (KWT) und der Wirtschaftsammer Österreich (WKÖ) voranging. Nach zähen Verhandlungen zwischen dem Fachverband Unternehmensberatung und Informationstechnologie (UBIT) der WKÖ und der KWT erfolgte eine Einigung, die der Gestzgeber nun mit dem BiBuG nachvollzogen und anerkannt hat.

Die Befugnisse der neuen Berufsgruppe umfassen auch die Einbringung von Rückzahlungsanträgen an die Finanzämter, Vertretungsrechte in Zusammenhang mit der Lohnverrechnung einschließlich der Lohn- und Kommunalsteuer, ausgenommen allerdings die Führung von Berufungsverfahren. Daneben ist sie noch zur Beratung und Vertretung hinsichtlich der Kammerumlagen legitimiert.

Berufsbefugnis

Die Berufsbefugnis erwirbt man in Hinkunft durch eine Fachausbildung z. B. am Wifi und der anschließenden Ablegung einer ausführlichen Prüfung vor einer paritätisch besetzten Kommission; sie wird durch WKÖ und KWT gebildet, und ihr darf - zwecks Qualitätssicherung und Unabhängigkeit - kein selbstständiger Buchhalter angehören. Die Interessen der bisherigen selbstständigen und gewerblichen Buchhalter sind durch detaillierte Übergangsbestimmungen offenbar ausreichend geschützt. Dazu meint UBIT-Verbandsobmann Friedrich Bock: "Der Fachverband wird im Einvernehmen mit den Betroffenen alles daran setzen, den Übergang so erfolgreich wie möglich und die weitere Berufsentwicklung so zügig wie bisher voranzutreiben."

Das Lehrgeld für die künftigen selbstständigen Bilanzbuchhalter könnte sich rentieren: Sie dürfen nämlich - anders als bislang - Bilanzen von Unternehmen mit Umsätzen von bis zu 360.000 Euro erstellen. Gerade die KMU-Landschaft in Österreich verspricht daher laut Fachverband ein riesengroßes Potenzial, winkt doch eine Zielgruppe von mehr als 300.000 Kunden. Diesen dürfen die künftigen selbstständigen Bilanzbuchhalter auch uneingeschränkt die Abrechung, Buchhaltung und Kostenrechnung abnehmen. Da der Beruf für sehr kleine organisatorische Strukturen eben eines Selbstständigen zugeschnitten ist, dürfte er sich besonders großer Beliebtheit bei Frauen erfreuen.

Abgespeckte Variante

Auch abgespeckte Varianten sind möglich: neben dem selbstständigen Bilanzbuchhalter wurden auch zwei Teilberechtigungen mit bloß eingeschränkter Berufsbefugnis geschaffen, nämlich diejenigen der Buchhalter sowie der Personalverrechner. Der "volle" selbstständige Bilanzbuchhalter kann sich zwischen der Mitgliedschaft bei WKÖ und KWT frei entscheiden; er muss freilich den möglichen Einwand, er sei "nicht Fisch und nicht Fleisch" zwischen gewöhnlichem Gewerbetreibendem und Steuerberater, erst in der Praxis überstehen. Ob das gelingt, wird die Evaluierung zeigen, die nach zwei Jahren erfolgt. (Judith Hecht, Der Standard, Printausgabe 30./31.12.2006/1.1.2007)

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