Von Georgien nach Wien: "Medea" im Burg-Kasino

2. Jänner 2007, 18:59
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Der polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna hat den Mythos neu gefasst

Wien - Dass eine durch keinerlei einschlägige Eigenschaften auffällig gewordene Frau von der schamlosen Untreue ihres Ehemannes letztlich dazu getrieben wird, ihre beiden Kinder zu töten, dem genügt keine einmalige Betrachtung: Medea aus der griechischen Argonautensage wurde, beginnend mit Euripides' Deutung, zu einem der meistbearbeiteten Antiken-Stoffe überhaupt, von Franz Grillparzer bis Christa Wolf, Heiner Müller und Dea Loher.

Der polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna zieht in seiner für das Burgtheater erarbeiteten Neudichtung (übersetzt von Olaf Kühl) den Stoff direkt ins Heute, in eine Welt, in der die später Verstoßene (Medea) aus der georgischen Oberschicht stammt und mit ihrem Frischvermählten Jason nach Wien (anstelle nach Korinth) zieht. "Mich interessiert die Beziehung zweier Menschen, die an der Unvereinbarkeit ihrer Lebensprioritäten zerfällt."

Jarzyna (38) wurde an der staatlichen Theaterhochschule in Krakau ausgebildet und leitet seit einigen Jahren das als innovativ geltende TR Warszawa. Mit Vinterbergs "Das Fest" gab er 2002 bei den Festwochen sein Wien-Debüt. Nicht nur der Umstand, dass er nicht Deutsch und kaum Englisch spricht, hatte eine spezielle Arbeitsweise zur Folge: "Ich habe einen Tetxtentwurf vorgelegt, in dem der Ausgangspunkt der Arbeit vorgegeben, das Ende aber offen war", so Jarzyna gegenüber dem Standard.

Seine Medea konzentriert sich auf das Psychogramm der Titelfigur und handelt vom Begehren schlichtweg in einer gravierend vom Pech verfolgten Ehe. Wesentlicher Bestandteil der als "Projekt" bezeichneten Arbeit war und ist die Improvisationskraft der Schauspieler (in den Hauptrollen Sylvie Rohrer und Roland Koch) und die von ihnen eingebrachten Fantasien. "Ich habe die Spieler zu einer intensiven Zusammenarbeit eingeladen, wir haben gemeinsam das Stück entwickelt". Am Samstag, 30.12., erlebt es unter Jarzynas Regie im Kasino am Schwarzenbergplatz seine Uraufführung.

Dass Medea in dieser Fassung auch nicht auf einem mit Drachen bespannten Wagen des Sonnengottes Helios (Medeas Opa) fliehen wird, ist zu erwarten. Die Schicksalsmächte hat Jarzyna umgemodelt in eine "allgemeine kosmische Kraft". Anstelle der üblichen Götter agiert ein neu erfundenes Ehepaar.

Und polnisches Theater? - "Von der geballten Kraft, die sich mit dem anfänglichen 'wilden Kapitalismus' und seiner Werteverschiebung entwickelt hat, bleibt dem Ausland sicher einiges verborgen. Es werden Tabus gebrochen." (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.12.2006/1.1.2007)

  • Machte die Schauspieler zu Mitautoren: Theaterregisseur Grzegorz Jarzyna.
    foto: burgtheater/werner

    Machte die Schauspieler zu Mitautoren: Theaterregisseur Grzegorz Jarzyna.

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