Hasspredigt-Vorwurf "geradezu lachhaft"

15. Jänner 2007, 12:32
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Adnan Ibrahim verteidigt sich im STANDARD-Gespräch - Gegen ihn wird wegen Terrorismusverdachts ermittelt - Islamexperte schätzt ihn heute als liberal ein

Gegen den als liberal bekannten Wiener Imam Scheich Adnan Ibrahim wird wegen Terrorismusverdachts ermittelt. Im Gespräch mit dem STANDARD verteidigt sich der muslimische Geistliche gegen den Vorwurf, Hass gepredigt zu haben – ein Islamexperte gibt ihm Recht.

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Wien – Als „geradezu lachhaft“ bezeichnet Imam Scheich Adnan Ibrahim die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe des Terrorismus und des Aufruhrs gegen staatliche Institutionen. „Was mir hier an Aussagen in den Mund gelegt wird, ist genau das Gegenteil dessen, was ich denke und was ich lehre“, verteidigt sich der bisher als Vordenker eines liberalen, europäischen Islam bekannte Vorbeter an der Schura-Moschee in Wien-Leopoldstadt im Standard-Gespräch. Er kündigt eine Anzeige wegen Rufschädigung an.

Wie in einem Teil der Standard-Freitagausgabe berichtet, soll Scheich Adnan in der Freitagspredigt vom 4. August 2006 Hass gepredigt haben. Der gebürtige Palästinenser aus dem Gazastreifen habe die Organisationen Hamas und Hisbollah gut geheißen und alle Muslime zum Sturz arabischer Führer aufgefordert. Auf einer arabischen Homepage habe er diese Aussagen zusammen mit einem Foto des Bin-Laden-Stellvertreters Ayman al-Zawahiri veröffentlicht – wird in der anonymen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien behauptet.

"Fremdes Blut"

Zudem habe der Geistliche in einer Fatwa – einem islamischen Rechtsgutachten – muslimisch-christliche und muslimisch-jüdische Ehen als „soziales Verbrechen“ bezeichnet. Würden in solchen Verbindungen Kinder geboren, bringe das „fremdes Blut in unsere Nachkommen“. Das al-Zawahiri-Foto habe „ein Poster auf die Homepage gestellt“, entgegnet Scheich Adnan im Interview. Im Übrigen sei er durchaus der Ansicht, „dass arabische Führer, die absolutistisch herrschen und Menschenrecht verletzen“, gestürzt werden müssten – aber „nur mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams“.

Das habe er auch in seiner Predigt während Israels Libanonintervention so gesagt, doch die Passage über den zivilen Ungehorsam komme in der Anzeige nicht vor. Die Aussagen über interreligiöse Ehen wiederum habe er „vor zehn Jahren“ getätigt. Dabei habe er „alle Positionen, auch ablehnende, referiert“.

Die Ehe-Aussagen seien „in der Ich-Form gehalten und ziemlich deftig“, widerspricht nach einem Blick auf die arabische Homepage hier Rüdiger Lohlke, Islamwissenschafter an der Wiener Universität. Doch als „Hasspredigt, also als Aufruf zur Gewaltausübung gegen Gruppen und Institutionen“ sieht er den Text ebenso wenig wie Scheich Adnans Wortwahl im August. Zudem – so Lohlke – habe der Geistliche seine Ansichten über interreligiöse Ehen seit zehn Jahren offenbar geändert: „Im Spektrum des europäischen Islam schätze ich gerade ihn heute als Denker ein, der mit den westlichen Realitäten kreativ umgeht – vor allem, was die Rolle der Frau angeht“. So habe sich Scheich Adnan zuletzt dezidiert gegen die auch in islamischen Staaten verbreitete Genitalverstümmelung bei Frauen ausgesprochen.

Bei der Staatsanwaltschaft Wien hieß es am Freitag, die Anzeige gegen Scheich Adnan sei erst am Donnerstag eingelangt: „Die Ermittlungen werden noch dauern.“ Der Generalsekretär des BZÖ, Gerald Grosz forderte die „sofortige Abschiebung des Geistlichen im Fall einer Verurteilung". (Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe 30./31.12.2006)

  • Der Wiener Imam Adnan Ibrahim wehrt sich gegen Hasspredigt-Vorwürfe: Er sei durchaus der Ansicht, „dass arabische Führer, die absolutistisch herrschen und Menschenrecht verletzen“, gestürzt werden müssten – aber „nur mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams“.
    foto: andy urban

    Der Wiener Imam Adnan Ibrahim wehrt sich gegen Hasspredigt-Vorwürfe: Er sei durchaus der Ansicht, „dass arabische Führer, die absolutistisch herrschen und Menschenrecht verletzen“, gestürzt werden müssten – aber „nur mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams“.

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