Rauschkugel mit losem Mundwerk

4. Jänner 2007, 18:08
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Zu Jahreswechsel hat stets die Operette "Die Fledermaus" Saison - Im Porträt: die "Frösche" Robert Meyer und Branko Samarovski

Komödiantischer Höhepunkt ist der Auftritt des trunkenen Gerichtsdieners "Frosch", einer mit Schauspielstars besetzten Sprechrolle. Daniel Ender sprach mit den beiden diesmal in den zwei großen Wiener Opernhäusern Dienst schiebenden "Fröschen" Robert Meyer (Staatsoper) und Branko Samarovski (Volksoper).


Die rauschende Ballnacht des zweiten Akts mit ihren Verbrüderungen und Verwirrungen ist verklungen. Die Masken fallen, die Eheleute finden wieder zueinander, der Gatte wird abgestraft und die Ordnung ist wieder hergestellt, ganz im Sinne des gebräuchlichen Operetten-Happyends.

Symbolträchtig ist, dass sich nahezu die gesamte noble, verkaterte Ballgesellschaft ausgerechnet in jenem Gefängnis einfindet, in dem der Schlussakt der Fledermaus spielt. Gesungen wird dabei erstaunlich wenig. Die Komödie erreicht dank einer Figur, auf deren Auftritt alle im Publikum bereits gewartet haben, eine neue Dimension: Der saufende, respektlose Underdog, den der Dritter-Akt-Komiker "Frosch" verkörpert, bildet inmitten der feinen Roben und Fräcke einen Fremdkörper und ist ebenso Träger kritischer Untertöne wie Anlass befreienden Gelächters.

Am heurigen Jahreswechsel sind ganz im Sinne einer weit zurückreichenden Wiener Tradition zwei prominente Burgschauspieler in zwei "Fledermäusen" im Einsatz: Branko Samarovski und Robert Meyer, Letzterer zugleich designierter Volksoperndirektor, der dennoch heuer wieder dem Haus am Ring die Ehre als Gerichtsdiener in der Fledermaus gibt: "Ich habe in der Volksoper angefangen, den ,Frosch' zu spielen, und Branko in der Staatsoper, jetzt ist es umgekehrt", erzählt Meyer, der die Strauß-Operette in Bad Ischl auch schon als Regisseur auf die Bühne gebracht hat und auch dort in die k. k. Uniform des Gefängnisbeamten geschlüpft ist.

Und schon sind die beiden Schauspieler im Doppelinterview mitten in Erinnerungen und Episoden, wer wann welche Rolle gespielt und mit welchen Requisiten welche Gags über die Rampe gebracht hat: "Meinen ersten ,Frosch' habe ich in Bochum gespielt", erinnert sich Samarovski, "in einer Fassung mit lauter Schauspielern und Herbert Grönemeyer als Prinz Orlofsky. Adolf Dresen hat dafür den Text umgeschrieben und fast alles Wienerische herausgestrichen. Ich bin mit sechs Ratten im Maul auf die Bühne gekommen und habe denen Nummern gegeben. Das war anders, als man es in Wien gewohnt ist, aber auch lustig."

In Wien hatte der Tenor Alexander Girardi, nachdem er fast alle anderen männlichen Hauptrollen in der Fledermaus gesungen hatte und seiner Stimme nicht mehr ganz mächtig war, 1878, vier Jahre nach der Uraufführung, der Figur des "Frosch" erstmals ein größeres Gewicht gegeben - was offensichtlich so gar nicht geplant gewesen war.

Seither sind die Namen von Publikumslieblingen in dieser Rolle Legion: von Hans Moser über Heinz Conrads bis zu Josef Meinrad, Fritz Muliar, Otto Schenk oder Helmut Lohner in der jüngeren Vergangenheit. Diese Tradition lastet allerdings auf den Schultern der "Frösche" von 2006 nicht allzu schwer. "Ich empfinde das nicht als Last", meint Meyer, "weil jeder Schauspieler seine Farbe hineinbringt, vorausgesetzt, er hat eine. Wenn man an einem großen Haus spielt, hat man viele Vorgänger. Es ist aber eine dankbare Rolle - wenn man sie gut spielt."

Eigene Nuancen einzubringen, ist auch für Samarovski wichtig: "Wenn man sich die großen Vorbilder anschaut, dann kann man oft gar nicht mehr machen als sie. Wenn man sich aber zurücknimmt, dann geht es plötzlich wieder. Das Tolle an dieser Rolle ist ja, dass man, wenn man merkt, dass die Leute nicht reagieren, Zucker geben kann, oder man nimmt wieder ein bisserl weg - ganz spontan. Ich hoffe auch immer, an dem Tag, an dem ich spiele, in der Zeitung etwas zu finden, worauf ich anspielen kann."

Wie bei Nestroy

"Das ist, wie wenn man bei Nestroy Couplets singt", pflichtet Meyer bei. "Da ist man auch froh, wenn in der aktuellen politischen Landschaft etwas passiert, was man so unterbringen kann, dass es die meisten im Publikum verstehen. Das muss man selber finden, denn da gibt es niemanden, der einem einen Text schreibt. So bin ich glücklich, wenn etwas passiert, was ich mit hineinnehmen kann. Das darf freilich nur ganz kurz sein und muss Tempo haben, sonst wird es uninteressant."

Eine ähnliche Gratwanderung bedeutet auch das Timing bei den Pointen, die ein Großteil des Publikums wohl bereits kennt: "Es kommt immer darauf an, wie man das bringt", sagt Samarovski, "ich kann über einen guten Witz auch zehn Jahre lang lachen." Und Meyer ergänzt: "Ja, das ist so wie bei Dinner for One, das kann ich auch jedes Jahr sehen und lache mich jedes Mal wieder schief. Allerdings kann man eine Pointe auch vergeigen, und man muss sich beim Pointen-Servieren absolut auf die Partner verlassen können." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2006)

Info: In der Volksoper ist ab 29. 12. eine szenische Neueinstudierung von Heinz Zednik zu sehen; in der Staatsoper wird Die Fledermaus ab 31. 12. "nach einer Inszenierung von Otto Schenk" gezeigt.
  • Branko Samarovski will auch altbewährte Witze als "Frosch" bringen.
    foto: volksoper

    Branko Samarovski will auch altbewährte Witze als "Frosch" bringen.

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