"Für einen Börsengang muss man das passende Zeitfenster finden"

11. Jänner 2007, 15:30
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170 Unternehmen sind laut Wiener Börse fit für einen Börsengang. Den Schritt wagen aber nur wenige - RCB-Analystin Birgit Kuras erklärt wieso

STANDARD: Viele Unternehmer sagen, sie warten mit einem Börsengang "auf das richtige Umfeld". Wann ist der Zeitpunkt richtig?

Birgit Kuras: Jeder fragt sich, warum es nicht mehr Börsengänge gibt, wenn der Markt, wie jetzt, gut läuft. Heuer hat es weltweit viele Börsengänge gegeben, daher war die Konkurrenz für Investoren groß. Oft dauert es einfach, bis sich vor allem kleine Unternehmen trauen.

STANDARD: Die Wiener Börse spricht immer von rund 170 börsenfitten Unternehmen ...

Kuras: Das sind zum Teil Familienunternehmen, die die Öffentlichkeit scheuen. Mit einem Börsengang steht man plötzlich im Rampenlicht, wird von Investoren beobachtet und muss Reportings abgeben, auch wenn es einmal nicht so gut läuft. Das ist für viele eine Hürde. Und nicht für jedes Unternehmen ist ein Börsengang die beste Lösung. Oft bringt es dem Unternehmen mehr, eine Anleihe zu begeben.

STANDARD: Einige Unternehmen, etwa Kapsch, geistern schon viele Jahre als Börsenkandidaten durch die Medien. Woran liegt es, dass es oft mit dem geplanten Schritt nicht klappt?

Kuras: Es kommt immer wieder vor, dass Unternehmen mehr Zeit brauchen oder einen Rückzieher machen. Das kann viele Gründe haben: die Branche kann kippen, geplante Aufträge können platzen, Investitionen können verschoben werden. In solchen Fällen passt oft die Börsen-Story einfach nicht mehr. Viele Unternehmen kokettieren immer wieder mit einem Börsengang, aber die innere Bereitschaft fehlt.

STANDARD: Die Post hat seit dem Börsenstart Ende Mai ihren Kurs fast verdoppelt. Die Aktie wurde mit 19 Euro, also am oberen Ende der Preisspanne, begeben. Bene wurde mit 5,50 Euro zum untersten Ende der Preisspanne ausgegeben und liegt seit November rund 40 Cent im Plus. Nimmt der Markt kleine Börsengänge nicht gut auf?

Kuras: Das kann man so nicht sagen. Bene war ein kleiner Börsengang, da muss die Bank ein gutes Investorenreseach machen. Ein Börsengang ist nicht automatisch schlecht, nur weil der Ausgabekurs am unteren Ende der Preisspanne liegt. Die Nachfrage bei Bene war sehr gut, die Aktie wird auch sehr gut gehandelt. Für das Pricing sind Angebot und Nachfrage wichtig. Der Markt würde noch viel mehr solcher Börsengänge vertragen. Durch die gute und marktnahe Betreuung, unter anderem von Banken, ist ein Börsengang heute weit weniger ein Abenteuer als früher.

STANDARD: Die RCB war bei Post und Bene "Joint Lead Manager". Was heißt das genau?

Kuras: In dieser Funktion betreut man das Unternehmen und macht die gesamte Dokumentation. Dazu gehört die Erstellung des Börsenprospekts, Präsentationen bei Investoren und auch die Nachbetreuung. Banken werden im Vorfeld zu einem "Beauty Contest" eingeladen und präsentieren ihr Konzept. Welchen Zeitpunkt sie für den Börsengang richtig halten oder welche Investoren in Frage kommen. Das Unternehmen entscheidet sich dann für jenes Konzept, das am besten passt.

ZUR PERSON: Birgit Kuras (49) leitet das Company Research der Raiffeisen Centrobank (RCB) und den Bereich Equity Capital Markets. Kuras ist 1983 in die Raiffeisen eingetreten und begleitet in ihrer Funktion Transaktionen und Börsengänge. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.12.2006)

  • Birgit Kuras (49) leitet das Company Research der Raiffeisen Centrobank.
    foto: standard/newald

    Birgit Kuras (49) leitet das Company Research der Raiffeisen Centrobank.

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