Fino Inocente – Lagenwein mit Tradition

1. Jänner 2007, 17:00
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Lagen mit klingenden Namen wie Miraflores oder Macharnudo – hochgelobte Pagos in der einschlägigen Literatur, doch selten lagenrein ausgebaut zu finden. Sherry-Terroirgedanken in Teil 32

Während die Aufzeichnungen aus den Anfängen bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts noch von über 100 Pagos (Einzellagen mit ihren unterschiedlichen Terroirs) zu berichten wissen, macht sich heute im Allgemeinen eigentlich keiner (Ausnahmen bestätigen die Regel) der Sherryproduzenten allzu große Gedanken über das Terroir – meist mit dem Hinweis, Sherry entstehe primär nicht im Weingarten, sondern in der Bodega, wobei nichtsdestotrotz auch die neuere Literatur nach wie vor auf die einzelnen, berühmten Pagos hinweist (als Beispiel sei hier stellvertretend Jancis Robinson erwähnt, die in ihrem Oxford Weinlexikon auf Seite 677 schreibt: „Die Albariza-Zone ist in Unterdistrikte aufgeteilt. Die berühmtesten, mit den tiefgründigsten, jedoch nicht unbedingt kalkhaltigsten Albariza-Böden – Balbaina, Macharnudo, Carrascal und Añina - bringen die zartesten Weine für die feinsten Finos und Manzanillas hervor.“).

Diese „moderne“ Denkweise mag durchaus ihre Berechtigung haben, ist Sherry doch einer der wenigen Weine, dessen Endprodukt mit dem Ursprungsmost de facto fast nichts, bis gar nichts zu tun hat. Andererseits stellt sich die Frage, warum frühere Generationen so viel Zeit damit verbrachten, die Böden zu untersuchen, qualtitativ einzuteilen und wahre Loblieder auf einzelne Pagos wie z. B. Macharnudo zu singen? Sicherlich nicht aus reiner Langeweile.

Das Ende der Lagenweine

Historisch betrachtet scheint dieser Verlust des Lagenbewusstseins mit dem Einzug der modernen Kellertechnik einherzugehen – aus verständlichen Gründen: War es in früheren Jahren allgemein üblich die einzelnen Lagen seperat im 600 Liter-Fass zu vergären, machte dieses Vorgehen mit dem Einzug der z.B. 10.000 Liter Inox-Tanks keinen Sinn mehr, haben doch die einzelnen Pagos oft nicht einmal einen Hektar und allein aus wirtschaftlich-technischen Überlegungen heraus, wurden plötzlich die Trauben aus den unterschiedlichen Lagen gemeinsam verarbeitet. Ob dies nun gut – im Sinne einer besseren qualitativen Steuerung – oder schlecht – im Sinne des Verlust der Lagencharakteristik – ist, sei dahingestellt. Faktum ist, dass damit Terroirweine in Jerez mehr oder weniger von der Bildfläche verschwanden.

Warum man nicht einfach wieder anfängt Lagenweine zu produzieren? Wohl weil der Aufbau einer derartigen Criadera und Solera sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde und sich wohl auch für die paar Freaks, die solche Weine interessieren würden, nicht rechnen würde.

Macharnudo und Miraflores

So weit, so gut. Zum Glück gibt es ein paar unermüdliche Bodegas, die nach wie vor (bzw. wieder) Lagenweine produzieren, wie zum Beispiel die Bodega Hidalgo-La Gitana in Sanlúcar de Barrameda (Pastrana – aus der Lage Miraflores, als Manzanilla und Amontillado erhältlich) oder Valdespino (gehört mittlerweile zur Grupo Estévez) mit ihrem Fino Inocente und ihrem Amontillado Tio Diego (beide Macharnudo).

Inwieweit die Lage tatsächlich im Endprodukt zu schmecken ist, lässt sich aber trotz dieser und anderer lagenreinen Weine nicht wirklich beantworten, da es auf der einen Seite keinen Produzenten gibt, der mehrere Lagenweine (unter den gleichen Produktionsbedingungen) herstellt, bzw. auf der anderen Seite die Produktionsbedingungen der einzelnen Produzenten zu unterschiedlich sind, um letztlich Aufschlüsse über die Lagencharakteristik geben zu können.

Dennoch sind diese Weine – im Speziellen die beiden von Valdespino – eine nähere Betrachtung wert.

Valdespino

Valdespino, eine Bodega, deren Name der seit „ewigen“ Zeiten untrennbar mit Jerez verbunden ist – Dokumente, die Familie betreffend, finden sich bereits im 13. Jahrhundert, aus dem Jahr 1430 stammen die ersten Zeugnisse der Geschäftstätigkeit, ab 1875 firmierte man unter A.R. Valdespino – befindet sich seit 1999 im Besitz der Grupo Estévez (unter anderem Marqués del Real Tesoro). Im Zuge der Übernahme wurden die Criaderas und Soleras aus den diversen, teilweise uralten und sehenswerten Bodegas in der Stadt in ihr neues Zuhause am Stadtrand von Jerez übersiedelt (Estévez übernahm nur die Weine, nicht aber die Bodegas). Hatte man anfangs in Jerez noch die Angst, Estévez würde künftig die Valdespino Criaderas mit seinen Real Tesoro Criaderas vermählen, ist dies heute kein Thema mehr.

Die Valdespino-Weine erfahren nach wie vor eine eigene Behandlung, vom Most bis in die Flasche, und stellen mittlerweile die qualitative Spitze und den Stolz der Gruppe dar.

Terroir und traditioneller Ausbau

Was macht nun den Fino Inocente und den Amontillado Tio Diego so einzigartig? Einerseits der Terroirgedanke, stammen die Trauben doch zu 100 % aus Macharnudo, einem stets hochgerühmten Pago. Andererseits, und für mich fast ausschlaggebender, die traditionelle Verarbeitung.

Zur Verarbeitung kommen nur handgelesene Trauben der ältesten Rebstöcke, die zu rund 70 % entrappt werden. Verwendet wird ausschließlich der frei ablaufende Most, der nach entsprechender pH Einstellung traditionell in Eichenfässer – den vorjährigen Sobretablas - vergoren wird. Womit wir auch schon bei der Einzigartigkeit sind, ist Valdespino mittlerweile doch die einzige Bodega, die im Eichenfass vergärt (wie es früher üblich war), was beim Jungwein zu mehr Struktur und Komplexität führt. Ein „Mehr“ von allem, dass sich durch alle Criaderas – im Vergleich mit stahltankvergorenem Wein – bis in die Solera fortsetzt und sich auch noch nach der Eiweißschönung (das übrigens vom hervorragendem Eissalon Soler in Jerez stammt), der Kaltstabilisierung und einer leichten Filtrierung in der Flasche findet.

Inocente vs. Tio Diego

Die Sobretablas werden für beide Weine gleich behandelt, erst mit dem Eintritt in die Criaderas gehen der Fino und der Amontillado getrennte Wege. Grundsätzlich bestehen beide Weine aus 10 Criaderas plus der Solera. Der Inocente durchläuft zweimal pro Jahr die Criaderas (Frühjahr und Herbst), um die Florhefe mit neuer Nahrung zu versorgen und so ein optimales Wachstum sicherzustellen, während der Tio Diego dies nur einmal pro Jahr macht, mit dem Ziel, dem Wein hier von Anfang an einer gewissen Oxidation auszusetzen und ihn somit auf natürliche Art und Weise zu „amontilladosieren“ (der Wein reift bis zur dritten Criadera unter Flor, wobei auch bereits bei den beiden vorhergehenden Criaderas die Florhefeschicht sehr dünn und teilweise aufgerissen ist). Beide weisen ein Durchschnittsalter von rund acht Jahren unter Flor auf, der Tio Diego wird danach noch rund sechs Jahre oxidativ ausgebaut.

Kurzer Abstecher: ein Teil der Sobretablas (je nach Jahr 4 – 8 Fässer) wird stets beiseite gelegt und als Añada-Wein ausgebaut (seit dem Jahrgang 2000). Und die Inocente Criadera ist auch der Rohstofflieferant für die hauseigenen Palo Cortados.

Die Weine im Detail

  • Fino Inocente
    In der Nase vom langen Florausbau dominiert, frischer Apfel, etwas Mandel, Weissbrot, feine Mineralik, Zitrus, etwas Nuss, vielschichtig, filigran, aber gleichzeitig sehr dicht, am Gaumen unglaublich cremig, fast „öliger“ Eindruck, sehr komplex, Haselnuss, dabei sehr vital – Flor, Frucht – und erfrischend, harmonisches Wechselspiel mit den salzig, mineralischen Komponenten, feine Hefenoten, leicht rauchig, Salz, Mandel und Frucht begleiten den langen Abgang. Wie herrlich müssen die Zeiten gewesen sein, als es noch mehr Weine von diesem Schlag gab?
    9 Punkte

  • Amontillado Tio Diego
    Sehr würzige Nase, Haselnuss im Vordergrund, Malz, feine rauchige Noten, trotz der relativen Jugend sehr konzentriert, punzierte Flornoten, am Gaumen sehr kraftvoll, gute Säurestruktur, Salznoten, gut ausgearbeitete Mineralik, viel Nuss, etwas Mokka, Dörrobst, Tabak, Bitterschokolade, Karamell, langer, salzig-mineralischer Nuss-Abgang mit etwas Zitrus
    8 Punkte
    (Klaus Hackl)
  • Die beiden Weine sind erhältlich bei www.gottardi.at.

    Mehr über die anderen Weine von Valdespino und der Grupo Estévez finden sie in einem der nächsten Artikel.

    Grupo Estévez
    Ctra. Nacional IV, km 640
    11408 Jerez de la Frontera
    Tel. +34 956 321004
    www.grupoestevez.com
    • Blick auf Macharnudo, im Hintergrund Valdespino.
      foto: klaus hackl

      Blick auf Macharnudo, im Hintergrund Valdespino.

    • Artikelbild
      foto: klaus hackl
    • 100 % Macharnudo in flüssiger Form.
      foto: grupo estévez

      100 % Macharnudo in flüssiger Form.

    • Die Bodenstruktur.
      foto: csic

      Die Bodenstruktur.

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