Chinesen handeln gerne mit Chinesen

12. Februar 2007, 14:15
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Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und der Republic of China ist politisch angespannt, wirtschaftlich sind die Länder eng verflochten

Taipeh/Wien - Die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und Taiwan (Republic of China), ist wohl die meistgestellte, die Jason Yuan und seine Kollegen vom taiwanesischen Regierungsinformationsamt (Government Information Office, GIO) Besuchern aus dem Ausland beantworten muss. "Im Grunde sind wir nur mehr politisch betrachtet getrennte Nationen", pflegt er darauf zu antworten. "Angesichts geschätzter 200 Milliarden US-Dollar, die Taiwan jährlich am Festland in China investiert, sind wir wirtschaftlich betrachtet ja schon vereinigt."

Und die Verflechtung der "schönen Insel" ("ilha formosa" - wie sie im 16. Jahrhundert von portugiesischen Seeleuten angesichts ihrer üppigen Flora und Fauna bezeichnet wurde) mit der Volksrepublik China, nimmt unaufhaltsam zu. Mehr als 50.000 Unternehmen mit rund einer Million taiwanesischer Mitarbeiter sind in der Volksrepublik China tätig. Wie viele Festlandchinesen sie in ihren Fabriken beschäftigten, darüber gibt es von beiden Seiten keine offizielle Zahl.

Einigende Geschäfte

"Chinesen machen nun einmal lieber Geschäfte mit Chinesen als mit anderen", begründet Yuan das gute wirtschaftliche Verhältnis der beiden Länder. Dass die Volksrepublik China die Insel politisch nach wie vor als abtrünnige Provinz betrachtet und immer wieder bedrohlich mit den Säbeln rasselt, beeinträchtigt die gegenseitigen Geschäfte angeblich nur marginal.

Dass viele der einst in Taiwan gefertigten Produkte - angefangen von Textilien, Plastikwaren bis hin zu Notebooks - mittlerweile "Made in China" sind, zeigt aber auch erste Risse im Inselreich, das schon seit Jahrzehnten als eines der Wirtschaftswunderländer Asien gilt: Durch die Verlegung arbeitsintensiver Industrien auf das Festland ist die etwa 23 Millionen Köpfe zählende Bevölkerung seit ein paar Jahren auch mit dem Problem der Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die Arbeitslosenquote liegt 2006 den offiziellen Angaben zufolge bei rund vier Prozent.

In Wahrheit dürfte sie jedoch viel höher sein. Zwar gibt es seit wenigen Jahren Ansätze für eine Arbeitslosenversicherung, doch viele der Menschen, die ihren Job verlieren, tauchen nicht in der Statistik auf. "Viele der Arbeitslosen kehren zurück in den Schoß ihrer Familien", umschreibt es Regierungsmitarbeiter Yuan vorsichtig.

Familienunternehmen

Die Familien und ihre Unternehmen sind denn auch das Rückgrat des taiwanesischen Wirtschaftssystems. Der Anteil der Klein- und Mittelbetriebe beläuft sich auf stolze 98 Prozent. Nur zwei Prozent sind Großunternehmen wie etwa der Notebook-Hersteller Acer, Formosa Plastics oder die Evergreen Reederei, einer der weltweit größten Containerschifffahrtsunternehmen.

Auch wenn die offizielle Arbeitswoche für Angestellte 40 Stunden beträgt, in den Kleinst- und Kleinunternehmen wird fast rund um die Uhr gerackert. Die Geschäfte sind in der Regel von zehn bis 22 Uhr geöffnet.

Wem das nicht genügt, geht zum Shoppen auf einen der in den meisten Städten existierenden "Nachtmärkte". Dort gibt es Waren aller Art und der bekanntesten Marken: von der Rolex über das Lacoste-T-Shirt bis hin zur Armani-Handtasche.

Die Hälfte der in Taiwan verkauften Produkte stammen vom Festland, aus Hongkong oder Macao, oftmals in der für Schwellenländer minderwertigen Qualität.

Aber gerade davon will der Inselstaat wegkommen. "Seit 2003 haben wir einen sechsjährigen Wirtschaftsplan mit einem Gesamtbudget von 21,3 Milliarden Taiwan-Dollar (rund eine halbe Milliarde Euro) laufen, mit dem wir in die Entwicklung von Hightechprodukten aus dem Bereich der Nanotechnologie investieren", nennt Yuan ein Beispiel dafür, wo der Inselstaat seine Zukunft sieht.

Mit Plänen wie diesem soll die Wirtschaftsentwicklung des Landes vorangetrieben werden und Taiwans Position als sechzehntgrößte Handelsnation der Welt ausbauen und noch verbessern. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2006)

  • Taiwan galt lange als Hersteller von Billigschuhen. Die Produktion ist längst in asiatische Länder mit niedrigeren Löhnen verlegt worden. Das auf der Insel angebotene Schuhwerk ist vielfach "Made in China".
    foto: standard/kat

    Taiwan galt lange als Hersteller von Billigschuhen. Die Produktion ist längst in asiatische Länder mit niedrigeren Löhnen verlegt worden. Das auf der Insel angebotene Schuhwerk ist vielfach "Made in China".

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