Kino-Rückblick 2006: Happy Listmas! Oder: Wünsch dir was!

5. Jänner 2007, 14:59
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Alle Jahre wieder werden eifrig Bestenlisten eines Filmjahres erstellt - warum eigentlich?

Wien - Bestenlisten zum Jahresausklang sind mindestens so beliebt wie die Polemik dagegen. Aus der Fülle des Angebots im Kino die zehn aufregendsten Arbeiten zu wählen, scheint nicht nur bei Filmkritikern zum fixen Bestandteil vor- und nachweihnachtlicher Beschäftigung zu gehören. Was im Laufe der Monate disparat angesammelt wurde, wird am Ende geordnet und hierarchisiert, und weil es mittlerweile so viele Listen gibt, ist das Chaos danach nicht weniger groß als davor.

Der US-Filmkritiker Andrew R. Horbal hat sich in seinem Weblog ( www.andrewhorbal.com) einer Bestenliste verweigert und stattdessen eine Beschwerdeliste veröffentlicht: Er unterstellt den meisten Top-Ten-Listen einen Mangel an Ehrlichkeit, weil kaum ein Kritiker oder eine Kritikerin transparent macht, aus welchem Pool an Filmen er oder sie wählt.

Wichtiger aber ist ein andere Punkt: der Mangel an Perspektive. Eine Liste werde erst dann signifikant, wenn sie Veränderungen sichtbar macht. Kaum jemand, der noch den Grund weiß, warum er eine Liste fertigt; kaum jemand, der angibt, wie er sich im Laufe eines Jahres selbst gewandelt hat. Es benötige vermehrter Diskussionen anstatt endloser Beschreibungen, beklagt Horbal.

Jonathan Rosenbaum, cinephiler Großkritiker des Chicago Reader, ist nicht nur ein eifriger Listen-Apologet, er hat mit Essential Cinema. On the Necessity of Film Canons darüber auch ein Buch geschrieben. Seine Listen richten sich vehement gegen einen offiziellen Kanon, der Meisterwerke festschreibt, die ihre Stellung vor allem einer weiten Distribution verdanken. Rosenbaum ergänzt sie um wesentliche Ränder - um Filme, die in den USA keinen Verleih gefunden haben oder sich gegen die gängige Kinoauswertung überhaupt sperren.

Stets unvollständig

Der Logik der Liste entkommt aber auch Rosenbaum nicht. Denn jede Liste ist unvollständig, sonst wäre der Filmkritiker ja das einzig geeignete Gefäß für die Filmgeschichte - die letzte Autorität über das kulturell oder künstlerisch Wesentliche dieses Mediums. Die Vermittlungsarbeit erscheint in diesem Zusammenhang notwendiger als alles andere. Der Rest ist nahe am Personenkult.

Wenn es nun in den USA Cristi Puius Der Tod des Herrn Lazarescu (in Österreich bereits Ende 2005 im Kino) aufs Stockerl mehrerer Listen geschafft hat, dann zeigt das auch den Graben auf, der zwischen Kritik und Publikum mittlerweile klafft. Mit 80.000 Dollar Einnahmen blieb der Film auf einen überschaubaren Zuschauerkreis beschränkt. Das ist kein Gradmesser für Qualität, mag aber einiges über den Stellenwert der Filmkritik auszusagen - und über unterschiedliche Öffentlichkeiten.

Martin Scorseses Thriller The Departed (Nummer eins bei der Zeitschrift Film Comment), Sacha Baron Cohens Borat und Alfonso Cuaróns Scifi-Drama Children of Men gehören etwa zu den wenigen auch kommerziell erfolgreichen Filmen, die es in Bestenlisten geschafft haben. Ersterer ein Genrefilm eines Arrivierten, zweiterer die polarisierendste Satire des Jahres, der dritte eine kleine Überraschung, an der wohl die außerordentliche Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki Schuld ist.

Interessant bleiben die Listen allemal auch deshalb, weil sie den Kalender meist recht frei auslegen. Dennis Lim von Indiewire beklagt ein "annus horribilis", weil mit Puiu und L'enfant von den Brüdern Dardenne zwei Filme ausgezeichnet wurden, die bereits 2005 in Cannes zu sehen waren. Mit Jean-Pierre Melvilles Widerstandsdrama L'armée des ombres taucht auch ein Film aus dem Jahr 1969 in US-Listen auf. Die Falter-Redaktion freut sich hingegen über Sicilia! von Straub/Huillet - 1999 bereits regulär im Wiener Stadtkino.

Vielleicht sollten sich Kritiker in Zukunft darauf beschränken, Wunschlisten abzugeben, wie es im Film Comment mit den besten nicht verliehenen Filmen geschieht: Signale für die Zukunft anstatt Lamento über das Vergangene. Mit Platz eins bis drei, Apichatpong Weerasethakuls meditativem Essay Syndromes and a Century (Sang Sattawat), dem koreanischen Monsterfilm The Host (Gwoemul) und Pedro Costas Vermessung des Elends, Colossal Youth (Juventude em marcha), wäre jedem Kinojahr geholfen. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2006)

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 Ganz oben in den Bestenlisten von 2006: Martin Scorseses Gangsterthriller "The Departed" mit Jack Nicholson.
    foto: warner

    Ganz oben in den Bestenlisten von 2006: Martin Scorseses Gangsterthriller "The Departed" mit Jack Nicholson.

  •  Anwärter für 2007: Apichatpong Weerasethakuls Film über den Wandel der Zeit, "Syndromes and a Century".
    foto: stadtkino

    Anwärter für 2007: Apichatpong Weerasethakuls Film über den Wandel der Zeit, "Syndromes and a Century".

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