Internet und Demokratie

von Redaktion  |  26. Dezember 2006, 18:51

Die meisten Bürger sind mit dem hypothetischen Vorteil, ihr eigener Chefredakteur zu sein, mangels Medienkompetenz heillos überfordert - eine Kolumne von Peter Filzmaier

Das US-Magazin Time hat den "Internetnutzer" zur Person des Jahres 2006 ausgerufen. Eine zweifelhafte Ehre. In den OÖ Nachrichten wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass man so in schlechte Gesellschaft gerät. Schließlich tragen auch Hitler (1938), Stalin (1942) und Ayatollah Khomeini (1978) diesen Titel.

Immerhin ist es eine originelle Wahl. Mediale Jahresbilanzen in Österreich sind ungleich banaler. Die Dominanz der Causa Kampusch hat sowieso jeder mitbekommen. Festzustellen, dass Alfred Gusenbauer an Profil gewonnen hat und Fritz Verzetnitsch ein Absteiger ist, grenzt an Vergeudung von Druckerschwärze.

Doch politisch sind Internetnutzer vielleicht sogar die größten Verlierer seit Jahrzehnten. Hoffnungen von Agnostikern auf eine virtuelle Rettung der Demokratie haben sich ad absurdum geführt. Dasselbe gilt für Träume von Onlineforen als Neo-Agora zwecks freien Diskurses unter Gleichen. Der Blogger-Mythos ist nichts als ein Tropfen auf den Felsbrocken traditioneller Medien ohne Interaktivität.

Womöglich werden Gesellschaften entpolitisiert, weil im Internet politische Themen ein Minimum der Inhalte ausmachen. In Suchmaschinen findet sich zum Stichwort "Staat und Politik" weniger als ein Prozent der Angebote. Die Informationsvielfalt ist dennoch unbestreitbar - aber nur von theoretischem Wert: Die meisten Bürger sind mit dem hypothetischen Vorteil, ihr eigener Chefredakteur zu sein, mangels Medienkompetenz heillos überfordert.

Der Dialog von Volk und Volksvertretern mittels E-Mail ist längst zum routinisierten Frage-Antwort-Spiel mit Textbausteinen geworden. Und Netz-Präsenz ist noch kein Garant für öffentliche Aufmerksamkeit. Es gibt kaum Relevanzkriterien, wonach Journalisten politisch "wichtige" Inhalte an die Öffentlichkeit weiterleiten.

Zwar können Schleusenwärter der Politikvermittlung in Zeitungen und TV schlechte Arbeit leisten. Im Internet freilich werden seriöse Qualitätsprüfungen zweitrangig. Das Wettbewerbskriterium Nummer 1 ist Schnelligkeit. Was naturgemäß und unter Umgehung der meisten Kontrollinstanzen auch den Beschleunigungsfaktor für gezielte Desinformationen erhöht.

Durch großflächige Netzkampagnen inklusive Fehlinformationen unter falscher Identität werden soziale Bewegungen ausgerechnet von klassischen Parteien manipuliert. In Diskussionsforen ist die Unterscheidung von zulässigem Aktivismus und mit Unterstellungen arbeitenden "Kampfpostern" allzu oft eine Gratwanderung.

Selbstregulative wider solche Missbräuche scheiterten bisher. Es gibt eine moderne Klassengesellschaft der Mehrheit von weit gehend "unqualifizierten" Konsumenten des Internets und einer Minderheit von hochgradig kompetenten Nutzern. Nur die Letztgenannten können das Internet konsequent für politische Bildung, politisches Engagement und politische Partizipation nutzen. Der Rest bekommt Brot und Spiele.

Das soll kein Plädoyer gegen die Verwendung des Internets für Politik und Demokratie sein. Im Gegenteil. Doch überwiegt der Ärger über die aus politischer Sicht leichtfertige Nominierung der Nutzer als "Person" des Jahres. Muss wohl einem Unterhaltungsfan eingefallen sein, den man von den Spielseiten weglotsen wollte. Stattdessen müsste er als Erster in generell zu intensivierende Programme politischer Bildungsarbeit für das Internet geschickt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2006)

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18 Postings
nick morgenland 
04.01.2007 14:44

>Das Wettbewerbskriterium Nummer 1 ist Schnelligkeit.<

ist das bei den offiziellen medien anders?
und wenn es inhaltlich gesehen noch so wichtig ist: zwei tage zu spät.

ist das wettbewerbskriterium nummer 1 tatsächlich die schnelligkeit? im internet bietet sich die möglichkeit auch über etwas zu schreiben, was vor zehn tagen passiert ist. ist das so schlecht? das wettbewerbskriterium nummer 1 sollte die bedeutung des artikels für die gestaltung des lebens sein (individuell und sozial, national und international). welcher unterschied besteht zwischen dem, was geschrieben steht und dem, was allgemein geglaubt wird (der neuigkeitsfaktor)?

was ich mir vorstellen kann: ein printautor ist schockiert (angesichts der reaktionen). und früher?

nick morgenland 
04.01.2007 14:37

es lassen sich argumente "testen".

es gibt die chance, sich eine meinung zu bilden (im dialog, im wettstreit der ideen).

die gefahr besteht darin, mit informationen "zugemüllt" zu werden. sie gibt es auch beim betreten einer öffentlichen bibliothek.

dritte schwangerschaft von julia roberts - klassischer fall von "das medium ist die botschaft" bzw. des "geheimen lehrplans" mit den diversen seitenblickeecken: auf einer der ersten seiten des teletexts. tagelange berichte über den knochenbruch von arnold schwarzenegger. woanders brechen sich menschen auch ein bein. das ist der so genannte unterhaltungsfaktor.

verdanken wir dem internet bessere politik?
das wage ich zu bezweifeln.
die abwehrmechanismen sind hoch.
e-mails landen im papierk.

nick morgenland 
04.01.2007 14:28
die möglichkeiten sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft.


ein artikel (oder forenbeitrag), der schwächen aufweist, wird binnen stunden und tagen "zerrissen". das könnte ein vorteil sein. auf der anderen seite werden autoren, die in der lage sind augen zu öffnen, lob ernten.

internetforen bieten auch die möglichkeit, streitkultur zu entwickeln, argumentation zu trainieren.

die möglichkeit, rasch diskussionspartner zu finden, zu ganz bestimmten themen, weltweit, ist einzigartig.

worin bestehen die gefahren? autoren könnten von der rückmeldung abhängig werden (wie bei der schnell wirkenden droge nicotin), ihrem publikum nach dem mund schreiben. es stellt sich auch eine gewisse ernüchterung ein, wenn man die relation herstellt, zwischen dem aufwand und der wirkung (forenteilnehmer).

K.P.S.
02.01.2007 23:58
Redefreiheit - Gedankenfreiheit-Informationsfreiheit

Das Internet ist die grösste Sache, die es derzeit auf der Welt gibt. Es bildet einen Gegenpol, der es mir als Leser eines Statements erlaubt, darzulegen, dass und warum ich die Meinung des Herrn Autors zum Thema gar nicht teile. Ich meine, er spricht von sich und stellt damit seine eigene Medienkompetenz in Frage: Was sucht er wie im Internet ? Wer lesen kann, der findet zu allem und jedem zehntausendmal mehr Information, während man als Leser eines traditionellen Mediums leicht angeschwärzt werden kann. Hier liegt die Würze nicht in der Kürze sondern in der Tiefe und in der Breite. Die relativieren das eigene Weltbild und die Vielfalt der anzutreffenden Meinungen beschäftigt - wenn man will - unentwegt die eigenen Ganglien. Sehr positiv !

Konrad Rennert 
02.01.2007 10:06
Bei Medienkompetenz überfordert?

Durch einen Blogger bin ich auf die interessante Kolumne gestoßen. Der Autor hat in wesentlichen Punkten nicht Unrecht und schafft es auch hervorragend mit der nötigen Spitzzüngigkeit seine Leser zu polarisieren. Aber er schreibt nichts über die Unsicherheit, die Arbeiter seiner Zunft empfinden, wenn sie jetzt plötzlich Journalisten-Laien auf Augenhöhe begegnen müssen, die sich nicht erst in langen Jahren bei den alten Medien hochdienen müssen, um so etwas schreiben zu dürfen.
In Deutschland werden Physiker Bundeskanzlerin – warum sollten sie denn nicht auch Graswurzeljournalisten werden? Oder ist die Meinungs- und Informationshoheit auf zugelassene, zertifizierte Journalisten mit mehrjähriger Berufspraxis beim Standard zu beschränken?

sebastian toifl 
27.12.2006 16:02
totgesagte leben länger. totgeschriebene schreiben länger.

mangelnde medienkompetenz sagt, wer im netz nach "staat und politik" googlet und daraus auf wenig politische inhalte schließt ... *lach*

Childerich von Bartenbruch
27.12.2006 16:43
;o)

Hans Hagedorn 
27.12.2006 15:45
Brauchen wir vielleicht nur etwas mehr Geduld?

Herr Filzmaier hat Recht, wenn er eine stärkere und weit verbreitetere Medienkompetenz der mündigen Bürger fordert. Doch ich frage mich, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Ist nicht ein regelmäßiges Training vonnöten, in dem man auch Rückschläge einplanen sollte?

Es ist noch keine Demokratie vom Himmel gefallen und auch die "E-Demokratie" gibt es nicht auf Knopfdruck. Es ist ein langer, interessanter Bildungsweg, der von uns gegangen werden kann. Und ich finde, die ersten Schritte waren bislang nicht die schlechtesten.

Schild Laus 
27.12.2006 12:17
Bin nicht ganz sicher, gibt's dafür Presseförderung?

Dann verstehe ich die Einseitigkeit des Schreibers. Denken werde ich ihm nicht abstreiten, nur das bis zum Ende, das schon.

Ein Diplomat der die Wahrheit sagt, überschreitet schnell seine Kompetenzen. So gesehen hat der Autor recht, Internetschreiberlinge schreiben Egenenes ohne Presse-Förderung, daher ohne Rücksicht auf Machthaber.

Auch hier wird sich die Internetgemeinde durchsetzen. Schon gibt es Bürgermeister, die schauen nach, was die Bürger wollen.

Evoting wird die Representationsspesen der Volksvertreter (Volksverkauf) beschränken.

Es ist wie beim Telefonterror durch Behörden. Jeder Bürger wird verschlüsseln, unabhörbar und Handel im Internet wird völlig sicher sein.

Wir wissen das schon Heute!

Ab Zokker
28.12.2006 15:49
Es ist wie beim Telefonterror durch Behörden. Jeder Bürger wird verschlüsseln, unabhörbar und Handel im Internet wird völlig sicher sein.

Träumen sie schon wieder, lieber volke?

F*** the ÖVP 
26.12.2006 19:59
"Vergeudung von Druckerschwärze"

ist diese "Analyse", die eine Vielzahl an Aspekten einfach ausblendet.

CNN hat in einer eigenen Doku mitdokumentiert, wie und weshalb die Entscheidung bei TIME schließlich auf "You" als "Person of the Year" fiel. Dabei ging es darum, dem Erfolg von "Social Networking"-Sites (wie MySpace) und "User-Generated Content"-Sites wie YouTube, Flickr usw. Rechnung zu tragen. Falls Filzmaier davon schon einmal gehört hat (I doubt it).

Und: In Österreich gibt es kaum Blogs, aber in den USA sind sie weitverbreitet und auch wirkungsmächtig. Technorati listet unter den zehn meistgelesenen Blogs die "Huffington Post" und "Dailykos" - zwei linke/liberale Community-Blogs, die eine EFFEKTIVE GEGENÖFFENTLICHKEIT zu den saturierten Mainstream-Medien bilden!

Kjuchan
29.12.2006 19:13
masse, mainstream und brot & spiele sind links...

zumal linksliberal sich gerne in der hoffnung mehrheiten zu finden, überall einschleimen will. die freiheit die sich linksliberal für sich gerne rausnimmt, aber auf die linksliberal gerne in humanistischer weise vergisst, wenn andere, die linksliberal bekritteln, sich gerne auch diese freiheit nehmen.
...die zivilgesellschaft (=gegen dogmen der parteien und verhetzter) steht woanders. nämlich darüber (freiheit und pflicht- verantwortung des menschen).

Herbert37
26.12.2006 19:35
Falsch

Das Internet ist das demokratischste, fairste und informativste Medium. (Staats)Fernsehen und Radio manipulieren alleine durch ihre Themenauswahl. WIE dann berichtet wird ist noch einmal ein anderes Thema.

Üblicherweise werden beim "Kampfposten" Zeitungsberichte verlinkt oder gleich kopiert. Man gibt also original-Inhalte aus professionellen Redaktionen wieder. Was jemand persönlich schreibt ist immer Kommentar.

Noch ein Bsp: vorige Woche wurde in Tirol ein 13-jähriges Mädchen von 30 Türken und Jugoslawen bedroht und zusammengeschlagen, und ihre Familie bedroht. In der Zib2 gab es einen Bericht darüber, ohne daß das Wort "Ausländer" oder "Türke" überhaupt vorgekommen wäre. Im Standard gab es überhaupt keinen Bericht über den Vorfall.

Kjuchan
29.12.2006 19:17
gleich wird ein kampfposter sie als rassist bezeichnen....

...obgleich sie nur den sachverhalt schildern.

schon der sachverhalt ist unaussprechlich.

diese art der berichterstattung ist linksliberal. wenn es nicht der eigenen weltsicht entspricht, dann gibt es nur einen bedrohlichen grund. die braune gefahr.

der standart verwechselt auch immer berichterstattung von kommentar. und fertig ist radio moskau.

F*** the ÖVP 
31.12.2006 21:57
"der standart"

Daran erkennt man sie immer, die Dumpfdolme.

Schild Laus 
27.12.2006 12:19
Ihr Posting sollte jeder lesen!

Tetsuwan Atomu
27.12.2006 12:19

Sie klingen wie ein Kampfposter der Weissen Rassisten in Suedafrika.

Wenn es nach denen ginge, wuerden Medien primaer ueber (versuchte und tatsaechliche) Greuel-Taten boeser Schwarzer Maenner gegen arme Weisse Maedchen berichten, am besten mit grossen, fetten Schlagzeilen.

Aber das Internet ermoeglicht auch Leuten wie Ihnen, zu posten, was sie wollen. Zuem Glueck aber haben aber andere auch Zugang zum Medium.

Ansonsten: Das Internet ist super und global gesehen extrem wichtig.

Die schrulligen lokalen (oesterreichischen) Erfahrungen mit Politik und Medien, auf die sich Filzmaier hier primaer zu beziehen scheint, moegen etwas muehsam sein, aber sie sind nicht wirklich relevant.

Aya
27.12.2006 12:01
demokratischste, fairste und informativste Medium

Die Verwirklichung der Idee vom herrschaftsfreien Diskours!

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