Die meisten Bürger sind mit dem hypothetischen Vorteil, ihr eigener Chefredakteur zu sein, mangels Medienkompetenz heillos überfordert - eine Kolumne von Peter Filzmaier
Das US-Magazin Time hat den "Internetnutzer" zur Person des Jahres 2006 ausgerufen. Eine zweifelhafte Ehre. In den OÖ Nachrichten wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass man so in schlechte Gesellschaft gerät. Schließlich tragen auch Hitler (1938), Stalin (1942) und Ayatollah Khomeini (1978) diesen Titel.
Immerhin ist es eine originelle Wahl. Mediale Jahresbilanzen in Österreich sind ungleich banaler. Die Dominanz der Causa Kampusch hat sowieso jeder mitbekommen. Festzustellen, dass Alfred Gusenbauer an Profil gewonnen hat und Fritz Verzetnitsch ein Absteiger ist, grenzt an Vergeudung von Druckerschwärze.
Doch politisch sind Internetnutzer vielleicht sogar die größten Verlierer seit Jahrzehnten. Hoffnungen von Agnostikern auf eine virtuelle Rettung der Demokratie haben sich ad absurdum geführt. Dasselbe gilt für Träume von Onlineforen als Neo-Agora zwecks freien Diskurses unter Gleichen. Der Blogger-Mythos ist nichts als ein Tropfen auf den Felsbrocken traditioneller Medien ohne Interaktivität.
Womöglich werden Gesellschaften entpolitisiert, weil im Internet politische Themen ein Minimum der Inhalte ausmachen. In Suchmaschinen findet sich zum Stichwort "Staat und Politik" weniger als ein Prozent der Angebote. Die Informationsvielfalt ist dennoch unbestreitbar - aber nur von theoretischem Wert: Die meisten Bürger sind mit dem hypothetischen Vorteil, ihr eigener Chefredakteur zu sein, mangels Medienkompetenz heillos überfordert.
Der Dialog von Volk und Volksvertretern mittels E-Mail ist längst zum routinisierten Frage-Antwort-Spiel mit Textbausteinen geworden. Und Netz-Präsenz ist noch kein Garant für öffentliche Aufmerksamkeit. Es gibt kaum Relevanzkriterien, wonach Journalisten politisch "wichtige" Inhalte an die Öffentlichkeit weiterleiten.
Zwar können Schleusenwärter der Politikvermittlung in Zeitungen und TV schlechte Arbeit leisten. Im Internet freilich werden seriöse Qualitätsprüfungen zweitrangig. Das Wettbewerbskriterium Nummer 1 ist Schnelligkeit. Was naturgemäß und unter Umgehung der meisten Kontrollinstanzen auch den Beschleunigungsfaktor für gezielte Desinformationen erhöht.
Durch großflächige Netzkampagnen inklusive Fehlinformationen unter falscher Identität werden soziale Bewegungen ausgerechnet von klassischen Parteien manipuliert. In Diskussionsforen ist die Unterscheidung von zulässigem Aktivismus und mit Unterstellungen arbeitenden "Kampfpostern" allzu oft eine Gratwanderung.
Selbstregulative wider solche Missbräuche scheiterten bisher. Es gibt eine moderne Klassengesellschaft der Mehrheit von weit gehend "unqualifizierten" Konsumenten des Internets und einer Minderheit von hochgradig kompetenten Nutzern. Nur die Letztgenannten können das Internet konsequent für politische Bildung, politisches Engagement und politische Partizipation nutzen. Der Rest bekommt Brot und Spiele.
Das soll kein Plädoyer gegen die Verwendung des Internets für Politik und Demokratie sein. Im Gegenteil. Doch überwiegt der Ärger über die aus politischer Sicht leichtfertige Nominierung der Nutzer als "Person" des Jahres. Muss wohl einem Unterhaltungsfan eingefallen sein, den man von den Spielseiten weglotsen wollte. Stattdessen müsste er als Erster in generell zu intensivierende Programme politischer Bildungsarbeit für das Internet geschickt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2006)