Echte Kunst aus virtuellen Galerien

4. Jänner 2007, 10:33
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Onlinegalerien ersparen das Durchstöbern von Kunsthandlungen - Fein, denn kunstsinnige Geschenke kommen meist gut an

Wie so oft war auch bei Thomas Seywald eine "gewisse Not" Geburtshelfer einer Geschäftsidee. Bei dem Salzburger Galeristen war es ein Lager voll mit Bildern, die nie alle hergezeigt werden konnten und über die selbst der geübte Kunstverkäufer die Übersicht verlor. "Und dann passiert es, dass einer ins Geschäft kommt, der für einen befreundeten Rechtsanwalt, der dem Tennissport frönt, ein thematisch passendes Bild zum 50. Geburtstag sucht", rollt Seywald den roten Faden der Entstehungsgeschichte seiner diversen Online-Galerien aus. "Das entscheidende Bild fällt einem natürlich erst ein, wenn der Kunde wieder weg ist."

Digitale Bilder

Gespräche mit Programmierern brachten ihn vor gut zehn Jahren auf die Idee, die Bilder zu digitalisieren und auf CDs zu brennen. Damit hatte der Kunsthistoriker zumindest an seinem PC seine Bilder griffbereit. Der "Kunst auf Scheiben" folgte das "Virtuelle Galerie System", über das sich via Internet auch die Käufer in die von Seywald feilgebotenen Kunstwerke einen Einblick verschaffen konnten. "Bei den damaligen langen Ladezeiten der Bilder war das Ganze aber nicht wirklich lauffähig", gibt der Galerist heute zu.

Zeitaufwändig

Doch so wie ein Meisterwerk, braucht eben auch der Aufbau eines Kunsthandels im Internet seine Zeit. Heute bedient Seywald außer in seiner "echten" Galerie in der Salzburger Sigmund-Haffner-Gasse die Kunden auch in seinem Online-Shop und über die von ihm initiierte Web-Plattform Art4public. Daneben betreut er noch die offizielle Website des Südtiroler Künstlers Paul Flora. Für dessen Werke hat er vor Kurzem gemeinsam mit der Webdesign Salzburg das virtuelle Paul Flora Museum eröffnet (wir berichteten).

Skepsis der Anderen

Auch wenn ein Großteil seiner Branchenkollegen dem Thema Kunsthandel im Internet skeptisch gegenüber stehen, ist Seywald davon überzeugt, dass auch Galeristen an diesem Vertriebsweg längerfristig nicht vorbei können. "Bis Ende des Jahres werde ich so an die 500 Bilder übers Internet verkauft haben", lässt er den Standard einen kurzen Blick in seine Bücher werfen. Zusätzlich zum "normalen" Geschäft, fügt er hinzu. Der Anteil der Verkäufe übers Internet mache mittlerweile 15 bis 20 Prozent vom Jahresumsatz aus.

Das Internet locke vor allem jene Käuferschichten an, die sich in der Regel nicht in eine Galerie trauten. "Die Preise sind transparent, man weiß sofort, was was kostet", sagt Seywald.

Geschäftsmodell

Mit der Onlineplattform Art4Public, auf der jeder Galerist - gegen eine Gebühr von 48 Euro pro Jahr und einer Kommissionsgebühr von fünf Prozent des Verkaufspreises - einstellen kann, plant der Kunsthistoriker jetzt auch den (virtuellen) Sprung über den großen Teich. Derzeit läuft eine Marketingaktion, Kunsthändler aus Kanada und den USA für die Online-Galerie zu interessieren. Neben den mehr als 2200 Kunstwerken europäischer Künstler, soll den Käufern so auch die Kunst Nordamerikas näher gebracht werden. (Karin Tzschentke, derStandard/Printausgabe vom 23.12.06)

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