Bulgarische Kirchenspaltung auf Wienerisch

2. Jänner 2007, 16:59
posten

In Wien wetteifern zwei Kirchen um die spirituelle Versorgung der in Österreich lebenden Bulgaren

Wien – „Die Kirche ist schon seit Langem zu klein.“ Ivan Petkins strahlendes Lächeln weicht nur kurz ein paar Sorgenfalten, während er sich in seiner Pfarre namens „Heiliger Iwan Rilski“ umsieht – der einzigen offiziell anerkannten bulgarisch-orthodoxen Kirche Österreichs.

Im Eingangsbereich des niedrigen Gebäudes, das inmitten eines lauschigen Innenhofs eines Gemeindebaus in Naschmarkt-Nähe versteckt liegt, lädt eine durchsichtige Spendenbox dazu ein, etwas gegen den Platzmangel zu tun. 35.000 Euro hat Pfarrer Petkin schon gesammelt – von 850.000, die allein für das Grundstück nötig sind, welches die Gemeinde Wien für eine neue Kirche zur Verfügung stellen würde.

Jeden Sonntag drängen sich rund 100 Gläubige vor der Altarwand (Ikonostase), die derzeit durch einen Christbaum und weiße Weihnachtssterne flankiert wird. Am 25. Dezember, wenn die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde (die sich im Gegensatz zur russisch- und serbisch-orthodoxen Kirche dem gregorianischen Kalender angeschlossen hat) Weihnachten feiert, sind es genau 13 Jahre, dass der ehemalige Jugendklub zum Gotteshaus umgewandelt wurde und für den Chor, der die Liturgie in Deutsch, Bulgarisch und Altkirchenslawisch singt, zusätzlich eine Decke eingezogen wurde. Davor musste man in eine russisch-orthodoxe Kirche ausweichen.

„Ich habe Kontakt zu 1800 Familien“, erzählt Petkin, der sich für die religiösen Bedürfnisse aller 35.000 gebürtigen Bulgaren in Österreich zuständig fühlt. Petkin selbst wurde 1981 von der bulgarischen Kirche nach Österreich berufen. Doch der Vater von drei Kindern, der im Hauptberuf beim Samariterbund arbeitet, ist nicht der Einzige, der sich um das spirituelle Wohl der bulgarischen Community sorgt. Nur ein paar Straßen weiter, im Gebäude des Bezirksmuseums Wieden, befindet sich die _bulgarisch-orthodoxe Kapelle „Heilige Kyrill und Method“.

Rund 80 Familien betreut Pater Ioan in der aus einem Zimmer bestehenden Kapelle, „vor allem Neuankömmlinge, die nach der Wende nach Österreich gekommen sind“. In dem mit einem roten Teppich ausgelegten Raum gibt es keinen Christbaum, dafür umso mehr der typischen Ikonen-Bilder, die in kräftigen Farben und mit Gold verziert von den Wänden leuchten, auf Podesten stehen in rotes Leder gebundene Liederbücher.

1994 wurde die Kapelle gegründet, zwei Jahre nachdem es in Bulgarien zur Kirchenspaltung gekommen war, weil sich ein Teil gegen die neuerliche Ernennung des bereits von den Kommunisten eingesetzten Patriarchen Maxim wendete und einen Gegenpatriarchen einsetzte, bis die Spaltung 1998 offiziell für beendet erklärt wurde.

Über das Verhältnis zur offiziellen bulgarisch-orthodoxen Kirche von Petkin will sich Pater Ioan nicht äußern, nur so weit: „Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick.“ Mit Politik habe das nichts zu tun, beteuert der 35-Jährige mit den zu einem langen Zopf gebundenen Haar. „Unser Gottesdienst ist länger, strenger und eher nach monastischer Art ausgerichtet,“ erläutert der Mönch, der ursprünglich nach Österreich gekommen war, um an der Wirtschaftsuniversität zu studieren. Neben dem Ein-Mann-Kloster betreibt er eine Autovermietungsfirma und lässt sich zum Fremdenführer ausbilden.

Geistliche EU-Skepsis

Auch wenn der Abstand zwischen den räumlich so nahe gelegenen bulgarisch- orthodoxen Geistlichen nicht größer sein könnte – Einigkeit herrscht darüber, dass vom EU-Beitritt Bulgariens nicht zu viel erwartet werden könne. „Es heißt mehr Arbeit und Fleiß“, meint Petkin. „Ich habe im Bauch das Gefühl, dass sich etwas wiederholt. Das Land hat sich noch nicht vom alten System erholt“, zeigt sich auch Pater Ioan skeptisch. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2006)

  • Pater Ioan wollte Wirtschaft studieren, jetzt betreibt er eine von der offiziellen Kirche abtrünnige bulgarisch-orthodoxe Kapelle. Weihnachten wird hier und da am 25. Dezember gefeiert.
    foto: standard/cremer

    Pater Ioan wollte Wirtschaft studieren, jetzt betreibt er eine von der offiziellen Kirche abtrünnige bulgarisch-orthodoxe Kapelle. Weihnachten wird hier und da am 25. Dezember gefeiert.

Share if you care.