Apostolovas „Poligraficheski Kompleks“

2. Jänner 2007, 16:59
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Wie eine Bulgarin mit Ikonenkalendern Geld machte und zur Verlegerin wurde

„Ich bin schon längst in Europa angelangt“, sagt Bozhana Apostolova, während sie durch ihren Maschinenpark führt. Eine „Roland“ neben der anderen, keine andere Druckmaschine kommt ihr ins Haus. Junge Angestellte arbeiten an den laut ratternden Geräten. Sie schmettert ihnen ein lässiges „Wie geht’s?“ entgegen, freut sich über die „hübschen jungen Burschen“, und rauscht weiter durch die blitzblanke Halle. 130 Angestellte arbeiten für sie, ihre Druckerei habe so viele Kunden, dass sie alle gar nicht im Kopf behalten könne, sagt die Businesslady.

Bozhana Apostolova ist Inhaberin der Druckerei „Janet 45“ in Bulgariens zweitgröß-ter Stadt Plovdiv. Am Rand _der 400.000-Einwohner-Stadt liegt ihr „Poligraficheski Kompleks“ – Bulgarisch für „Druckerei“. Etiketten für russische Weinfirmen, Bücher für Großbritannien, Stadtpläne, Werbebroschüren, Sofias Stadtzeitung und etwa 25 bulgarische Monatszeitschriften: All das und noch viel mehr wird hier gedruckt.

Apostolova weiß den Moment richtig zu nutzen. Bis 1989 war sie Direktorin eines Kulturzentrums der Gewerkschaft. Doch dann „musste ich mich selbst retten“, wie sie in ihrer Biografie schreibt. Für sie, die in armen Verhältnissen aufgewachsen ist, waren Risiken nichts Neues. In Russland erstand die damals 45-Jährige 10.000 billige Taschenkalender mit Ikonen-Abbildungen. Wieder zu Hause, verkaufte sie diese gewinnbringend weiter. „Ich wusste, dass die Kapitalbildung ein entscheidender Moment im Systemwechsel ist“, sagt sie, leger im Ledersofa sitzend und Zigaretten rauchend. Danach begann sie, Kirchenkalender zu drucken. Die Menschen stürzten sich auf diese einst verbotenen Dinge.

1994 kaufte sie vom Ersparten ihre erste Druckmaschine. Zwei Jahre später, als Bulgarien im Chaos zu versinken drohte, begann Apostolova wirklich großes Geld zu machen. Aus Russland erhielt „Janet 45“ Aufträge über Stückzahlen in Millionenhöhe. Während die Inflation den bulgarischen Lev entwertete, bezahlten die russischen Geschäftspartner in harten Dollar. Bozhana Apostolova ist nicht nur eine gewiefte Geschäftsfrau, sondern auch Verlegerin und Poetin. Anfang der Neunziger gründete sie den Verlag „Janet 45“, der anspruchsvolle Belletristik und Poesie in hübscher Verpackung herausgibt. Mittlerweile ist „Janet 45“ der bekannteste Verlag für zeitgenössische Literatur in Bulgarien. Geld verdiene sie damit kaum, sie wolle vor allem ihre Kollegen unterstützen.

Bei Apostolova verschwimmen die Grenzen zwischen Poesie und Business, Geist und Geld. Sie redet von Umsätzen und im nächsten Moment rezitiert sie eines ihrer eigenen Gedichte. Was sie von Europa erwartet? „Mehr geistigen Austausch“, antwortet Apostolova. Und sie hoffe, dass die Bulgaren freier leben werden. „Bislang konnten wir uns nicht auf einem Niveau messen. Aber jetzt wird es möglich.“

Traurig stimmt sie, dass die europäische Öffentlichkeit so wenig Literatur aus Bulgarien rezipiert. Sie will das ändern. „Du sollst nicht nur auf dem eigenen Spielfeld bleiben, wo der Trainer dich hingestellt hat, sondern auch fremde ausprobieren.“ (Jutta Sommerbauer aus Sofia/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2006)

  • „Ich musste mich selbst retten“: Druckereichefin Bozhana Apostolova.
    foto: standard/sommerbauer

    „Ich musste mich selbst retten“: Druckereichefin Bozhana Apostolova.

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