Bürgerrechtler: „Nur sehr kleine Chance für Revolution“

8. Jänner 2007, 17:25
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Ungereimtheiten zum Machtwechsel

Wien/Ashgabat – „Über einen Todesfall freut man sich nicht“, sagt Farid Tuhbatullin, der Dissident, höflich. „Ich bin auch deshalb nicht glücklich, weil ich derzeit keine Möglichkeit für einen politischen Wandel in Turkmenistan sehe.“ Doch der Tod des turkmenischen Diktators Saparmurat Nijasow hat den trüben Wiener Dissidenten-Alltag von Protesterklärungen schreiben und schalen Tee trinken, natürlich beendet. Tuhbatullin, der Bürgerrechtler, der 2002 inhaftiert worden war und 2003 freikam, weil der internationale Druck auf Ashgabat so groß wurde, sitzt vom frühen Morgen an am Computer, die Telefone läuten, man will Interviews, Gesinnungsfreunde im Exil möchten sich mitteilen.

Diese leben in Moskau, in Stockholm, Berlin oder eben in Wien und denken nun laut über eine Rückkehr nach Turkmenistan nach wie etwa Awdy Kulijew, ein früherer Außenminister, in Schweden oder Nurmukhammed Khanamow, Vorsitzender der Republikanischen Partei in Wien. Tuhbatullin allerdings hat kein Interesse mehr an der Politik. Der Wasserbau-Ingenieur leitet seine eigene NGO, die „Turkmen Initiative for Human Rights“. Es gebe nur eine kleine Chance, „eine sehr kleine“, so sagt der 45-Jährige, dass in Turkmenistan nach dem Vorbild Georgiens nun ein politischer Führer aus dem Volk aufstehe, der nicht mit dem Regime verbunden ist und eine Revolution versuche.

Zu weit sei die Indoktrination durch Nijasow fortgeschritten, zu groß die Interessen der Vormacht Russland_und der Nachbarländer in Zentralasien an „Stabilität“, zu weit reichend schließlich die Repression des „Turkmenbaschi“, des allgewaltigen Staatschefs gewesen.

Tuhbatullins Familienangehörige in Turkmenistan haben die Strafe für das Exil des Bürgerrechtlers natürlich zu spüren bekommen: Ruslan, der Bruder des Dissidenten, ein hoher Militär, ist vergangenes Jahr von seinem Posten entbunden worden. Er hat seither keine Arbeit mehr finden können.

Die Sorgen über einen möglichen Machtkampf in Turkmenistan halten sich indes: Erste Ungereimtheiten sind zum Tod Nijasows und zu seiner Nachfolge aufgetaucht. Nach offizieller Darstellung in Ashgabat war der 66-jährige Staatschef am Donnerstag um 1.10 Uhr an Herzversagen gestorben. Zuträger in der Dissidentenszene berichten nun, der russische Geheimdienst FSB sei schon am Mittwoch von Nijasows Tod unterrichtet worden.

Die vorübergehende Übernahme des Präsidentenamtes durch Vizepremier Kurbanguly Berdymukhamedow soll vom Chef des privaten Sicherheitsdienstes Nijasows, Akmurad Redjepow, eingefädelt worden sein. Parlamentspräsident Owesgeldy Atajew, dem eigentlich dieses Amt zukam, ist möglicherweise in Haft. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2006)

  • Skeptisch: Tuhbatullin.
    foto: standard/bernath

    Skeptisch: Tuhbatullin.

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