Nicht ganz koscher

2. Jänner 2007, 14:10
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Während bei den meisten Weihnachten gefeiert wird, feiern die Juden ihr Lichterfest Chanukka - Eine Begegnung

Wien - Die Küche ist nicht ganz koscher. Eigentlich sollte Jasmin Freyer zwei Kühlschränke haben. Einen für Fleisch und den anderen für Milchprodukte. "Bei mir ist eben das oberste Regal für Milch und das untere für Fleisch", sagt die 29-Jährige Mitarbeiterin der jüdisch amerikanischen Flüchtlingsorganisation HIAS. Es ist sieben Uhr abends und sie steht vor Hühnerschnitzeln, Kartoffelpuffern, Fleischbällchen und Apfelkuchen und schüttelt lachend den Kopf: "Der Rabbi wird das nicht essen." Er ist orthodox, sie traditionell. Das heißt: sie achtet die Thora - die heilige Schrift - , feiert die Festtage und sie wird ab und zu in der Synagoge gesehen. Bei den jüdischen Festen pflegt sie besonders ihre Traditionen, so auch beim Chanukkafest. "Ouriel, gib ihm eine Kippa" ruft sie ihrem Ehemann, der gleich in einem Sack voller Käppchen stöbert, mit denen religiöse Männer immer ihren Kopf bedecken. Für jeden nicht-jüdischen Gast haben sie eine Reserve-Kippa parat, wie andere Familien Hausschuhe. Beim Auftakt des achttägigen Lichterfests soll kein männliches Haupt unbedeckt bleiben.

Krapfen als Gedenkmittel

Ganz so wie es Rabbi Aaron Ctorza gefällt. Mit seinem tragbaren CD-Player wirkt der junge Mann mit dem schwarzen Bart und dem schwarzen Hut weniger wie ein strenger Zeremonienmeister als ein gutgelaunter Animateur, der zu mitgebrachten hebräischen Liedern klatscht und die 30 anwesenden Gäste zum Mitmachen bewegt. Doch bevor es ans nicht ganz koschere Essen geht, lässt Ctorza noch einmal die Geschichte des Festes Revue passieren. Chanukka soll an das Jahr 167 v. Chr erinnern, als die Juden ihren griechisch-syrischen Feinden, bei einer David-Golliath-ähnlichen Pattstellung dennoch besiegen konnten und ihren in Jerusalem besetzten Tempel zurückeroberten. Um ihn einzuweihen, hatten sie Öl, das nur für einen Tag reichte. Gebrannt hat es acht. Zu diesem Anlass werden auf der Chanukkia, dem achtarmigen Kerzenständer, an acht Tagen Kerzen angezündet um an dieses Wunder zu gedenken.

Ouriel Morgensztern, Freyers Ehemann zündet die Kerzen an, während der Rabbi das Gebet spricht, anschließend werden Krapfen verteilt. In Öl gebackene Speisen sollen an das Ölwunder erinnern.

Keine Berührungsängste

Laut Volkszählung 2001 bezeichnen sich in Österreich 8140 Menschen als Juden. Die Strömungen innerhalb der Gemeinschaft reichen von ultraorthodox über konservativ bis hin zu liberal. Jasmin Freyer stellt eine Lebensrealität dar, Rabbi Aaron Ctorza eine andere. Dass sie als verheiratete Frau keine Kopfbedeckung trägt, kritisiert der Rabbi, trotzdem ist er zu ihrer Chanukka-Party gekommen. "Es gibt 613 Regeln in der Thora, an die wir uns halten müssen. Für manche ist es zu anstrengend sich an alle zu halten und die Traditionellen reduzieren sie dann auf einige Gebote, manche auf mehr, manche weniger. Das Spektrum ist gross", erklärt Ctorza , "Wir sagen, dass es möglich ist, dass du noch nicht so weit bist alle Regeln zu erfüllen, aber es sollte schon dein Ziel sein."

Ob Kopfbedeckung, koschere Küche oder nicht regelmäßige Synagogenbesuche, auf Eines kommt es an. "Uns alle verbindet, dass wir Juden sind", sagt Freyer; die gegenseitige Akzeptanz ist Ehrensache, zu mindestens in ihrem Fall. Und um dem Rabbi zu beweisen, dass auch sie es zu Chanukka mit den Traditionen ernst meint, läuft sie schnell in die Küche und bringt ihm seinen koscheren Wein. (Solmaz Khorsand/derStandard.at, 22.12.2006)

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    foto: ouriel morgensztern
  • Der Hausherr zündet die Kerzen der Chanukkia an.
    foto: niki kürzer

    Der Hausherr zündet die Kerzen der Chanukkia an.

  • Die Tomaten-Basilikum Suppe wird kritisch beäugt.
    foto: niki kürzer

    Die Tomaten-Basilikum Suppe wird kritisch beäugt.

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