Zeit der Ungewissheit im Reich des Turkmenbaschi

8. Jänner 2007, 17:25
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Furcht vor Machtkampf nach Tod des Diktators Nijasow - Im wegen Gas strategisch wichtigen Land schob sich Vizepremier vor

Wien/Ashgabat - Eine seiner letzten Amtshandlungen war die Entlassung des Straßenbauministers, öffentlich im Staatsfernsehen, wie immer bei Bestrafungen hochrangiger Untergebener. "Deine Leistung war ein Dreck, Baimukhammet. Ich entbinde dich von deinen Pflichten als Minister und ich werde auch die Staatsanwälte beauftragen, Dich zu untersuchen."

Und eine der letzten Schläge gegen die Andersdenkenden im Reich des turkmenischen Staatschefs Saparmurat Nijasow war die Festnahme des Biologen Andrei Zakota. Der Umweltaktivist war vergangenen Sonntag am Flughafen von Ashgabat aus der Maschine gezerrt worden. Der 50-Jährige setzte noch ein SMS an seine Kollegen ab, bevor er in einem Gefängnis verschwand.

In der künstlichen Welt Turkmenistans, aus der Nijasow in der Nacht zu Donnerstag schied, regierte nur er allein. Seine Statuen ließ er in Gold tauchen, seine Gedanken zu einer ordentlichen Lebensführung und über die nationale Überlegenheit der Turkmenen legte er in einer Reihe von Schriften nieder und machte sie zur Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten. Ausländische Beobachter, die mit Nijasow in den vergangenen Jahren sprachen, bezeichneten ihn als "borderline". Sein Tod, so warnten sie, könnte das erdgasreiche Land in Zentralasien mit seiner isoliert gehaltenen Bevölkerung in Chaos und Machtkampf stürzen.

Ein Mann Russlands

Dieses Szenario, das die großen Spieler in Zentralasien - Russland, USA und China - ebenso wie Turkmenistans autokratische Nachbarregime in unterschiedlichem Maße fürchten, deutete sich am Tag nach dem Tod des 66- Jährigen aber noch nicht an. Ein amtierender Staatspräsident wurde benannt: Kurbanguly Berdymukhamedow, der bisherige Vizepremierminister, war ganz nach dem Protokoll des Kreml zu Sowjetzeiten zunächst zum Vorsitzenden der Begräbniskommission erklärt worden. Berdymukhamedow gilt als Mann Russlands, von Beruf Zahntechniker und begabt für das Spinnen von Intrigen, was ihn ganze acht Jahre auf seinen Posten hielt - aber im Ausland weithin unbekannt.

Rivalisierende Stämme

Der 49-Jährige gehört wie der verstorbene Staatschef Nijasow dem größten Stamm des muslimischen Landes, den Tekke, an. Auch dies dürfte die Lage zunächst stabilisieren. Politische Beobachter erwarten, dass ein Machtkampf - sofern er ausbricht - entlang von Stammes- und Clanlinien verläuft. Historisch gesehen hatten die Tekke nach dem Ersten Weltkrieg die Hilfe der Roten Armee gegen den zweitgrößten Stamm der Yomud gesucht.

Nijasow soll am 24. Dezember im Mausoleum seiner Familie in dem Dorf Kiptshak bestattet werden. Der "Vater aller Turkmenen" - der Turkmenbaschi -, der 1985 Parteisekretär in der damaligen Sowjetrepublik wurde und sich später zum Präsident auf Lebenszeit ausriefen ließ, legte einen Schleier über sein Privatleben: Während er seine Eltern von der Bevölkerung verehren ließ, wurde seine Ehe zum Tabu. Nijasows Frau Muza zog mit Sohn Murat und Tochter Irina nach der Unabhängigkeit Turkmenistans zuerst nach Moskau, später nach London.

Murat, der sich mit dem Vater schlecht verstand, soll sich oft in Wien aufhalten und Geschäfte mit Zigaretten, Alkohol und dem Erdgas aus Turkmenistan machen. Als Anwärter auf das Amt des Staatschefs nach dem Vorbild Aserbaidschans scheidet er nach überwiegender Ansicht westlicher Beobachter aus.

Indoktrination

Die Hundertschaften von Politikern und Menschenrechtlern, die Nijasov ins Exil trieb, gelten ebenfalls als einflusslos im Land. Farid Tuhbatullin, ein in Wien lebender Bürgerrechtler, der die "Turkmen Initiative" begründete, beklagt vor allem die Folgen der Indoktrination: "Die Generation meiner Kinder verehrt Nijasow und ist stolz auf ihn. Sie werden nun um ihn trauern wie die Menschen zu Zeiten von Stalins Tod." (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2006)

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Kitsch und Gold: Die Zeit ist abgelaufen für Turkmenistans Staatschef Nijasow, der um seine Herrschaft einen Personenkult errichtet hatte. Die etwa fünf Millionen Turkmenen lebten 20 Jahre zunehmend isoliert unter seinem Regiment.
    foto: standard/cremer

    Kitsch und Gold: Die Zeit ist abgelaufen für Turkmenistans Staatschef Nijasow, der um seine Herrschaft einen Personenkult errichtet hatte. Die etwa fünf Millionen Turkmenen lebten 20 Jahre zunehmend isoliert unter seinem Regiment.

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