Freikaufen geht nicht

11. Juli 2000, 22:38

Peter Mayr

Kann man sich von seiner Geschichte freikaufen? Herr und Frau Österreicher glauben offensichtlich "Ja". Diesen Eindruck vermitteln zumindest die Ergebnisse einer gerade veröffentlichten Umfrage. So hält man zwar die Entschädigungszahlungen für NS-Zwangsarbeiter mehrheitlich für gerechtfertigt, will aber gleichzeitig, dass "jetzt endlich einmal Schluss sein muss".

Sechs Milliarden Schilling wird Österreich für die NS-Zwangsarbeiter aufbringen. Wie viel für die Arisierungsopfer vorgesehen ist, steht noch in den Sternen. Egal: Hier kann und wird es nicht nach dem Motto "Wer zahlt, schafft an" gehen. Ein Unsinn zu glauben, man könne Teile der Geschichte einfach so ausblenden. Vor allem dann, wenn der Umgang mit der Vergangenheit nicht dazu angetan ist, "Vergessen" einziehen zu lassen. Beispiele dafür gibt es genug: Etwa wenn ein FP-Landesparteichef öffentlich einen SS-Spruch äußert und sich danach verteidigt, "keine Assoziation" gehabt zu haben. Oder wenn ein ehemaliger VP-Bürgermeister die Entschädigungen als "absolute Ungerechtigkeit" bezeichnet und meint, dass es "die Juden noch so weit treiben, bis sie wieder eine auf den Deckel kriegen".

Zumindest einen Österreicher wird diese Umfrage schockieren: Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Während er seit Wochen nach einer "umfassenden Aufklärungskampagne" ruft, weht ihm fast zeitgleich die Ignoranz der Bevölkerung eisig ins Gesicht.

Der Weg scheint klar: Sollten wieder einmal - wie eben - einige Tausend Dokumente, die NS-Opfern helfen hätten können, auftauchen, dann schnell weg damit. Entschlüpft jemandem ein Nazi-Sager, gleich die Sechs-Milliarden-Schilling-Urkunde herzeigen. Denn es soll Schluss sein, endlich und für immer.

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