Grüße aus der Chat-Metropole Teheran

30. Juli 2007, 16:48
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Im Iran ist nur Finsternis und Fanatismus zu Hause, glauben viele im Westen. Viele IranerInnen stehen diesen Urteilen hilflos entsetzt gegenüber

"Der Iran ist ein zivilisiertes Land", wird einem von iranischen Offiziellen fast trotzig entgegengeschleudert in Debatten um das iranische Atomprogramm: ein Land, dem man den Besitz einer modernen Technologie nicht verweigern kann. "Wer uns nicht als gleichwertigen Partner akzeptiert, unsere offene Weltanschauung, Kultur und Reife infrage stellt und das Land nicht kennt, ist nicht berechtigt, uns zu kritisieren", stellte auch die iranische Studentenunion vor Kurzem fest.

In der Tat gibt es einen anderen Iran als den finsteren, auf der "Achse des Bösen" platzierten. Es ist die moderne iranische Leistungsgesellschaft, in der, wer sich behaupten will, warm anziehen muss. Iran ist ein Land der Maturanten und der Akademiker. Fast 80 Prozent der Schüler und Schülerinnen beenden ihre Schulzeit mit der Matura: Ohne Abschluss braucht man sich in iranischen Großstädten nicht einmal mehr als Straßenkehrer bewerben. Mehr als die Hälfte der Taxifahrer haben einen akademischen Grad. Und nach einer Polizeirazzia unter Bettlern in Teheran wurde festgestellt, dass 20 Prozent ein abgeschlossenes Studium, sieben Prozent sogar einen höheren Abschluss als das Magisterium und 30 Prozent Matura besaßen.

Laut UNO ist der Akademikeranteil einer der höchsten der Welt. Um einen der begehrten Studienplätze an Universitäten zu bekommen, werden Schüler und Schülerinnen bereits ab dem 13. Lebensjahr für die Matura gedrillt. Bei der internationalen Schülerolympiade belegen die Iraner und vor allem die Iranerinnen in den letzten zehn Jahren immer wieder die ersten Plätze.

Frauen haben nicht nur die akademische Welt erobert: Eine Frau auf einer Ölplattform im Persischen Golf ist mittlerweile genauso normal wie eine Chefärztin eines großen Krankenhauses oder eine Chefin einer großen Firma. Keiner dreht sich im Iran um, wenn ein 30-Tonner mit einer Frau am Steuer daherkommt. Es ist auch keine Überraschung mehr, wenn auf iranischen Flügen eine Pilotin die Fluggäste begrüßt. Die Geburtenrate in Iran ist übrigens auf 1,6 gesunken.

Der Fahne der Wissenschaften wird in allen Bereichen hoch gehalten, es ist eine Frage des Nationalstolzes, dass geklont wird – und eben auch, und so sehen das die meisten Iraner, dass man im atomaren Feld forscht und arbeitet.

Die Iraner sind, natürlich, möchte man auch sagen, auch Internetfreaks. Iran hat mehr Internetanschlüsse hat als alle anderen Länder der Region, Teheran ist Chat-Welthauptstadt. Auch noch in Isfahan, der zweitgrößten Stadt, sind es mehr als drei Millionen Chatverbindungen pro Tag. Das kann kein Regime der Welt mehr effektiv kontrollieren.

Was Iran nicht ist, oder zumindest nicht besonders: islamisch. Das traditionelle iranische Neujahrsfest Norooz am Frühlingsanfang ist noch immer – oder schon wieder – jenes Fest, das am meisten gefeiert wird. Bei den islamischen Festtagen will trotz aller Mobilisierungsversuche der Regierung keine rechte Stimmung aufkommen. Und obwohl man, an der Rhetorik der Regierung gemessen, erwarten würde, dass es in Iran vor Märtyrern nur so wimmelt:_Bei Selbstmordattentaten überall auf der Welt sind jedenfalls keine Iraner dabei.

Verletzung und Ärger

Mit entsprechender Verletzung und Ärger nehmen Iraner und Iranerinnen ihr Image im Ausland wahr: dass man sie an dem von der Regierung verhängten Kopftuchgebot misst. Für das Bild der iranischen Frau im Ausland hat man nur Spott und Kopfschütteln übrig. Und ein Taxifahrer, der mit seinem Fahrgast über Schiller und Kant redet, kann nicht verstehen, dass der US-Präsident, den er für etwas schlicht hält, den Iran als Teil der Achse des Bösen bezeichnen kann.

Der Straßenkehrer, der neben der Mülltonne mit dem Radio am Ohr die Nachrichten von der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien oder der UNO_in New York verfolgt, wundert sich nicht, wenn die Regierung am Atomprogramm festhält. „Wir schaffen es alleine, wir können mit der westlichen Welt konkurrieren.“ Das war auch schon vor Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad so. Nur der Ton ist anders geworden. (Amir Loghmany, Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print, 21.12.2006)

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    Selbstbewusste iranische Frauen: hier bei den Wahlen vergangene Woche.

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