Befragung in Grün-Weiß

11. Juli 2000, 19:25

Mehr oder weniger sportliche Akzente in der Debatte um die Volksbefragung


Wilhelm Pellert

Befragungen sind zurzeit in Mode. Die Kinder in den Familien befragen einander, ob die neueste Pokémon-Version angeschafft werden soll, und teilen das Ergebnis freudestrahlend ihren Eltern mit. Studenten stimmen über ihre Prüfungsfragen ab, Hundebesitzer über die Gefährlichkeit ihrer Hunde und Autoraser über den Sinn von Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Die wichtigste Befragung findet derzeit aber in der Sportwelt statt. Neun von zehn Vereinsführungen österreichischer Fußballklubs, die ÖFB-9, erklärten ihre Absicht, mit allen sportlichen Maßnahmen einen Meisterschaftsgewinn von Rapid verhindern zu wollen. Daraufhin sah sich der Fußballklub Rapid gezwungen, eine Anhängerbefragung einzuleiten. Im Anschluss an das nächste Meisterschaftsspiel sollen die Rapid-Anhänger mit folgenden zwei Fragen konfrontiert werden:

Sind Sie/Bist Du dafür, dass Rapid mit allen geeigneten Mitteln österreichischer Fußballmeister wird?

Sind Sie/Bist Du dafür, dass Rapid mit allen geeigneten Mitteln verhindert, dass ein anderer Klub Meister wird?

Diese beiden Fragen können auf dem Stimmzettel durch Ankreuzen eines großen grün-weißen Fußballs, in welchem sich das fett gedruckte Wort JA befindet, mit JA beantwortet werden. In der linken unteren Ecke des Stimmzettels steht in einem kleinen Fußball ein farbloses NEIN. Ziel der Befragung ist es, die Meinung der Rapid-Anhänger zu obigen Fragen in Erfahrung zu bringen, um geschlossen gegen die Maßnahmen der ÖFB-9 vorgehen zu können.

Der Rapid-Sportdirektor erklärte, die offene und freie Abstimmung werde von den Rapid-Ultras organisiert und kontrolliert, er persönlich werde mit einem klaren JA abstimmen. Nur wenn die neun anderen Klubs ihre Titelverhinderungsmaßnahmen sofort aufgeben, werde man die Befragung noch absagen. Sollten die Anhänger überwiegend JA sagen, werde dies den anderen Klubpräsidenten unverzüglich zur Kenntnis gebracht und den nötigen Eindruck sicher nicht verfehlen.

"Die werden sich anschauen!" geben sich Rapid-Insider bereits siegessicher. Noch ist nicht abzuschätzen, wie die Präsidenten der ÖFB-9 auf diese Kampfansage reagieren werden.

Wilhelm Pellert lebt als Schriftsteller in Wien.

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