Teure Unbildungspolitik

4. April 2007, 13:55
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Die bildungspolitische Diskussion sollte weit vor den Studiengebühren ansetzen - ein Kommentar von Lisa Nimmervoll

Fällt die Studiengebühr, wie die SPÖ fordert, oder bleibt sie, weil die ÖVP ihr "Erbe" verteidigt? In erstaunlicher Prioritätengewichtung haben Rot und Schwarz die heutige große Runde auf diese Frage reduziert und zum verqueren Herzstück des finalen Bildungsgesprächs stilisiert.

Studiengebühr weg, und alles wird gut? Sicher nicht. Studiengebühr erhalten, und alles bleibt gut? Auch ganz falsch. Die Abschaffung der Gebühr mag symbolisch ein wichtiger Akt sein, würde aber die bildungspolitischen Versäumnisse und Defizite der vergangenen Jahre und Jahrzehnte nicht im Ansatz ausgleichen.

Über Freiheit oder Unfreiheit eines Studiums entscheiden andere Aspekte stärker als Studiengebühren. Faktum ist, dass sich die soziale Zusammensetzung an den Unis seit Kreiskys gebührenfreiem Zugang 1972 und nach Einführung der Studiengebühr 2001 kaum verändert hat. Akademikerkinder sind über-, Arbeiterkinder unterrepräsentiert.

Fast 30 Jahre keine Studiengebühr - und neben der Vervierfachung der Studierendenzahl und dem nicht genug hervorzuhebenden Aufholprozess der Frauen gab es keine relevante Änderung der akademischen Sozialstruktur. Da drängt sich der Verdacht auf, dass es andere Gründe gibt, warum sozial schwächere, "bildungsferne" Gruppen signifikant seltener studieren.

Für wen ist der Uni-Zugang wirklich frei, und für wen nur auf dem Papier? Wem würde die Abschaffung der Gebühr substanziell nützen? Zumal der Freiheitsgewinn von vergebührtem zu gebührenfreiem Eintritt in überfüllte Hörsäle mit unzumutbaren Betreuungsverhältnissen von einem Professor für 200 Studierende begrenzt wäre. Abgesehen davon, dass das Medizin-Syndrom mit Ansturm aus Deutschland auch in anderen Fächern drohen würde.

Diese Form der unbezahlten Freiheit wäre nichts anderes als teure Unfreiheit. Eine von der Politik verschuldete und zu verantwortende. Daher sollte man es der neuen Regierung nicht so leicht machen, eine plakative Gebührenaktion als Uni-Politik zu verkaufen. Ganz andere, kostspieligere, aber auch effizientere Maßnahmen sind gefordert. Bloß, über die traut man sich offenkundig nicht drüber.

Das Problem beginnt weiter unten in der Bildungspyramide. Der wahre bildungspolitische Freiheitsentzug findet viel früher statt - am Ende der Volksschule, der kürzesten Gesamtschule der Welt. An dieser Schnittstelle werden nicht nur Bildungszertifikate, sondern auch Lebenschancen verteilt. Zynisch gesprochen ist der freie Uni-Zugang nur für jene Kinder frei, die mit zehn Jahren auf das richtige Gleis verschoben werden, das den Zielbahnhof Uni anfährt. Und nicht erst seit Pisa ist hinlänglich bestätigt, dass dieser Verschubbahnhof sozial hoch selektiv die Plätze in den Bildungszügen verteilt.

Das führt zu einer Studienanfängerquote von 37 Prozent je Jahrgang (OECD-Schnitt der Industrieländer: 53 Prozent) und gipfelt in der Akademikerquote von 19,6 Prozent (OECD: 34,8 Prozent) nur vor der Türkei. Damit ist das Studentenpotenzial weit gehend ausgeschöpft, da in Österreich vergleichsweise wenig Schüler die Uni-Zulassung erwerben.

Dieses fahrlässig verspielte Human-Potenzial muss eine Regierung ausschöpfen. Bloß die Abschaffung der Studiengebühr hilft diesen verlorenen Kindern nicht. Auch den anderen nicht, die es bis in die ausgehungerten Unis schaffen. Für sie müssen die Stipendien erhöht und zielgruppen-schärfer gestaltet werden. Die soziale Feinabstimmung der im internationalen Vergleich sehr niedrigen Studiengebühr könnte sich an Australien orientieren, das (sehr hohe) gestaffelte Gebühren abhängig macht vom späteren Einkommen, also der individuellen Bildungsrendite, und Studienkredite dann über die Einkommenssteuer abrechnet.

Was wirklich Not tut, ist die Aufstockung der Studienplätze und eine ordentliche Dotierung der Unis. Darum sollten SPÖ und ÖVP ringen. Sollte es dann doch "nur" für die Abschaffung der Studiengebühr reichen, wäre das zwar ein Triumph der Symbolpolitik, aber keine Zukunftspolitik. (DER STANDARD-Printausgabe, 20.12.2006)

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