EVN: Umstrukturierung der Bulgarien-Töchter großteils abgeschlossen

10. Jänner 2007, 13:20
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Bulgarien-Chef Szyszkowitz bestätigt Interesse an an weiteren Infrastruktur-Projekten im Energie- und Wasserbereich

Sofia - Zwei Jahre nach der Übernahme zweier Stromversorger in Bulgarien zieht der börsenotierte niederösterreichische Energieversorger EVN nun trotz der Turbulenzen der letzten Wochen insgesamt eine positive Bilanz. Der Erwerb von ERP Plovdiv und ERP Stara Zagora im Herbst 2004 um 271 Mio. Euro war für die EVN der größte Zukauf ihrer Unternehmensgeschichte - über ein Leitungsnetz von rund 56.000 Kilometern werden insgesamt 1,5 Millionen Kunden versorgt und mehr als 7.000 GWh Strom abgesetzt. Das Versorgungsgebiet im Südosten des Landes ist mit mehr als 42.000 Quadratkilometern etwa so groß wie die Schweiz. Die Umstrukturierung der beiden Bulgarien-Töchter sei inzwischen im Wesentlichen abgeschlossen, sagte EVN-Bulgarien-Chef Stefan Szyszkowitz im Gespräch mit der APA.

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Die EVN ist nun schon seit zwei Jahren in Bulgarien - was hat sich verändert, was ist erzielt worden?

Stefan Szyszkowitz: In den vergangenen beiden Jahren haben wir Programme zur Verbesserung des Kundenservice und der Versorgungssicherheit erarbeitet. Seit Anfang Dezember 2006 gibt es eine neue, flächendeckende Kundenbetreuungsstruktur - 39 sogenannte "Klienski Energozentars". Als Folge des EU-Beitritts 2007 wird es zu einer völligen Liberalisierung des Strommarktes in Bulgarien kommen. Entsprechend den Vorschriften über das Unbundling hat die EVN je eine Netzgesellschaft und eine Energiegesellschaft für das ganze Versorgungsgebiet gegründet bzw. die bestehenden Gesellschaften umgewandelt. Sitz beider Gesellschaften ist die Stadt Plovdiv mit rund 500.000 Einwohnern im Einzugsgebiet.

Sie führen also die in Bulgarien erhoffte Dezentralisierung durch?

Szyszkowitz: Unsere zentrale Zielsetzung ist, das Kerngeschäft Stromverteilung und -versorgung in der Südostregion Bulgariens nachhaltig und rasch zu verbessern. So ziehen wir die Planungs- und Kontrollfunktion an einem Standort - das ist Plovdiv - zusammen, aber gleichzeitig wird die operative Verantwortung und Umsetzung für Kundenservice und Netzinstandhaltung in die Regionen delegiert. Nur mit einer solchen flexiblen Struktur mit klaren Verantwortlichkeiten ist die Realisierung des für 2007 mit 118 Mio. Lewa (60,3 Mio. Euro) dotierten Investitions- und das Instandhaltungsprogramms in der geplanten Zeit möglich. Rund 68 Prozent der Mittel sollen dabei in die Verbesserung der Netzsicherheit und -qualität investiert werden. Gemeinsam mit dem bulgarischen Staat hat die EVN als Eigentümer in den ersten zwei Jahren für die Jahre 2004 und 2005 auf eine Dividenden-Ausschüttung verzichtet, um die Unternehmen nachhaltig zu stärken. Weiters wurden in den zwei Jahren rund 136 Mio. Lewa (69,5 Mio. Euro) für Investitionen und Instandhaltungen aufgewendet.

Die EVN ist in Bulgarien auch mit Problemen konfrontiert. So hat der Regulator vor kurzem eine Geldstrafe gegen sie verhängt. Bulgarische Politiker haben wiederholt kritisiert, dass die Unternehmen nicht genügend investieren. Was sind die Hauptprobleme für ein österreichisches Unternehmen hier im Südosteuropa?

Szyszkowitz: Wer grundsätzliche Veränderungen herbeiführt, wird mit einem besonderen Maßstab gemessen. Die Diskussion zum Thema Stromabrechnung spiegelte dies sehr genau wider. Wir hatten die Situation, dass wir offensichtlich in 17 Dörfern keine Augustrechnung ausgestellt haben, was dazu geführt hat, dass ein kleiner Bonus von maximal rund 3 Euro bei etwa 7.500 Kunden von der Software nicht gutgeschrieben worden ist. Mit der nächsten Rechnung wurden die überhöhten Forderungen umgehend gutgeschrieben, damit ist die Sache erledigt. Wir haben auch eine neue Verrechnungssoftware erworben, um die Transparenz der Rechnungen zu verbessern. Ein neues Beschwerdemanagement soll es uns ermöglichen, innerhalb von fünf Werktagen auf eine Kundenbeschwerde zu reagieren.

Im Versorgungsgebiet der EVN gibt es auch Siedlungsgebiete mit überwiegendem Sinti/Roma-Anteil an der Bevölkerung. Die Stromrechnungen werden dort nur zu einem geringen Teil bezahlt. Auch das ist Teil des Erbes, das Sie übernommen haben. Was planen Sie, um die Situation zu verbessern?

Szyszkowitz: Bei uns gilt der EVN-Konzerngrundsatz "Gleichbehandlung von Kunden in vergleichbarer Situation". Wir haben in anderen Gebieten in der Südostregion Bulgariens positive Erfahrungen mit moderner ferngesteuerter Zähler- bzw. Sicherheitstechnologie.

Der Staat ist Miteigentümer der beiden EVN-Unternehmen. Unterstützt er Ihre Arbeit aktiv?

Szyszkowitz: Der bulgarische Staat ist mit 33 Prozent an den beiden Unternehmen beteiligt. Dies hat sich als sehr förderlich herausgestellt. Tatsächlich brauchen wir in vielen Bereichen die aktive Unterstützung des Staates. Zu unseren Hauptproblemen gehören Grundbuchfragen und damit die Rechtssicherheit. Oft sind es unklare Eigentumstitel, die Leitungsprojekte über Monate verzögern. Gerade in diesem Bereich ist man sehr auf eine enge Zusammenarbeit angewiesen.

Wie lautet die Bilanz für Sie nach zwei Jahren in Bulgarien?

Szyszkowitz: Die Neupositionierung und Neuausrichtung der Unternehmen war erfolgreich. Wir haben alle wesentlichen Neustrukturierungsvorhaben vor der geplanten Zeit abschließen können.

Sind für Sie weitere Investitionen in Bulgarien in anderen Infrastrukturbereichen vorstellbar? Hat die EVN Interesse an der Müllverbrennung in Sofia?

Szyszkowitz: Die EVN ist im Kern ein Infrastrukturanbieter in den Bereichen Strom, Gas, Wärme, Wasser und thermische Müllbehandlung und in 14 Ländern tätig. Wir haben uns als Gruppe den bulgarischen Institutionen als Know-how-Partner in verschiedenen Bereichen angeboten. Mit unserer Expertise gerade im Bereich der thermischen Müllbehandlung - in Niederösterreich haben wir eine solche Anlage, eine in Moskau wird gerade errichtet - können wir einen Beitrag leisten. Wir stehen für Gespräche jedenfalls zur Verfügung. Dies gilt nicht nur für die thermische Müllbehandlung, sondern auch im Bereich Wärme und anderen Bereichen. Dies könnte in Zukunft auch die Wasserversorgung sein.

(Das Gespräch führte Kliment Hristov)

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    foto: evn
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