Konsum mit Entzugserscheinungen

26. Juli 2007, 13:33
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Wenn Kaufen zum Drang und Lebensmittelpunkt wird, spricht man von Kaufsucht - Oft wird sie erst in Verbindung mit anderen psychischen Problemen sichtbar

Kaufsuchtgefährdung ist vor allem jung und weiblich – das sagt die jüngste Studie der Arbeiterkammer (AK) und des Karmasin-Gallup Instituts zur Kaufsucht in Österreich. Vor allem der Anteil der Suchtgefährdeten zwischen 14 und 24 Jahren ist in den letzten Jahren gestiegen. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Insgesamt ist fast jeder dritte Mensch in Österreich kaufsuchtgefährdet. Die möglichen Folgen sind absehbar: Kaufsucht kann in Überschuldung oder Privatkonkurs enden und soziale Isolation bedeuten.

Die Betroffenen

Die Ergebnisse der AK-Studie kann die Diplomsozialarbeiterin Claudia Kahr von Vivid, der Fachstelle für Suchtprävention in Graz, bestätigen: "Frauen sind stärker betroffen und je jünger desto eher, weil sich auch die Werbung ganz stark an Kinder und Jugendliche richtet und dort der Druck des Dazugehörens einfach noch größer ist." Auch laut den Schuldnerberatungen sind es vor allem vermehrt junge Menschen, die Rat und Hilfe suchen.

Kaufsucht als Begleiterscheinung

"Es kommt aber niemand und sagt ich bin kaufsüchtig, ich brauche eine Behandlung", erklärt Diplomsozialarbeiterin Kahr, die seit zehn Jahren in der Suchtprävention tätig ist. Laut ihrer Erfahrung trete Kaufsucht in Kombination mit anderen Krankheiten und Süchten auf. Häufig sind Menschen mit Alkoholproblemen oder Essstörungen davon betroffen. "Oft zeigt sich dann erst im Laufe der Behandlung, wenn versucht wird auf die Hauptsuchtmittel zu verzichten und abstinent zu werden, dass es auch eine Kaufsucht gibt." Kaufen wird dann plötzlich vermehrt und massiv als Ersatzhandlung eingesetzt.

Hinter der Kaufsucht können laut Betroffenen einer von der AK eingerichteten Therapiegruppe aber auch Einsamkeit und Depressionen stecken. Bei Problemen in der Arbeit wird Kaufen oft als Belohnung für Stress, Anstrengung oder Frustration gesehen. Fast die Hälfte der betroffenen Personen war auch vom so genannten 'Messie-Syndrom' betroffen.

Unterschied zu anderen Suchformen

"Was die Kaufsucht von anderen Suchtformen unterscheidet, ist die Tatsache, dass es vordergründig keine körperlichen Auswirkungen gibt und im Vergleich zu anderen Süchten auch wenige psychosoziale Auswirkungen", erklärt Kahr. Erst wenn die Sucht fortgeschritten ist, wird sie durch massive finanzielle Auswirkungen sichtbar.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten. Die Kaufsucht zählt zu letzteren. Vorsicht ist bei der Definition der Kaufsucht geboten, da die Sucht leicht bagatellisiert werden kann. Folgende Kriterien weisen auf eine tatsächliche Sucht hin: Der Drang immer wieder zu kaufen, der Verlust der Selbstkontrolle – man kann nicht mehr aufhören, Dosissteigerung – man kauft häufiger, immer mehr und immer teurere Dinge, Kaufen wird zum Lebensmittelpunkt.

Bedeutsam auch die Entzugserscheinungen: Unruhe, Nervosität, Unwohlsein, psychosomatische Erkrankungen, Selbstmordgedanken. Erst wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann man laut Kahr auch tatsächlich von einer Sucht sprechen: "Jeder kennt Frust- oder Belohnungseinkäufe – dieses kompensatorische Kaufverhalten ist von der tatsächlichen Kaufsucht noch weit entfernt."

Verstärkung durch Werbung, Angebote und Internet

"Kaufsucht wird in der Vorweihnachtszeit oder zum Schlussverkauf sicher gefördert, denn wie bei allen Süchten kommen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dazu. Man wird permanent mit Angeboten, Schnäppchen und Werbung bombardiert. Das ist als ob man als Alkoholiker permanent Alkohol angeboten bekommt", verbildlicht Kahr.

Laut der AK-Studie sind Internetnutzer stärker kaufsuchtgefährdet: "Eine Ursache, dass die Jungen relativ ungehemmt einkaufen, liegt auch darin, dass sie mit Internet und bargeldlosem Zahlungsverkehr aufwachsen", ortet AK-Konsumentenschützer Karl Kollmann die Gründe. Auf diese Weise werde es leicht gemacht viel Geld auszugeben, das oft gar nicht da ist.

Warnsignale

"Ein gesunder Mensch unterscheidet sich von einem kaufsüchtigen dadurch, dass er die gekauften Güter irgendwann auch verbraucht. Bei der Kaufsucht produziert das Kaufen an sich den Kick und nicht der Konsum der gekauften Güter", erklärt die Diplomsozialarbeiterin. Wenn sich Konsumgüter häufen, die man nicht braucht und Einkaufen zum Aufputsch-, Beruhigungsmittel und Mittel der Selbstbestätigung wird, sei Vorsicht geboten. Merkt man, dass man gefährdet ist, sollte man sofort auf Bargeldbezahlung umsteigen. Auch eine konkrete Haushaltsbuchführung kann hilfreich sein.

Prävention so früh wie möglich

Gerade beim Suchtverhalten muss man so früh wie möglich ansetzen: "Wie bei anderen Suchtformen fängt Prävention bei der Elternarbeit an, weil letztendlich die dahinter liegenden Ursachen oft in der Kindheit zu finden sind", betont Kahr die Rolle der Erziehung. Wichtig sei eine bewusst kritische Erziehung zum Konsum. Eltern sollten sich fragen, welchen Wert materielle Dinge in der Familie haben und ob zum Beispiel persönliche Zuwendung durch materielle Zuwendung ersetzt wird.

Bei der Vorbeugung von Suchtfaktoren gehe es darum das Selbstwertgefühl zu steigern, Gefühle ausdrücken, Konflikte austragen zu können und eine Frustrationstoleranz zu entwickeln. Wichtig ist für Kahr "das Hinausgehen in die Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen". In den höheren Schulen müsse man zusätzlich substanzspezifisch mit den Faktoren Geld und Konsum arbeiten. Die einzelnen Stellen der Schuldnerberatung in den Bundesländern bieten zum Beispiel Workshops für Jugendliche im Umgang mit Geld an. "Soziales Lernen sollte gefördert werden, je stärker die Persönlichkeit, desto weniger braucht sie diese Ersatzhandlungen", ist Kahr überzeugt.

Konsequenzen

Abgesehen von den finanziellen Folgen wie Überschuldung oder Privatkonkurs kann Kaufsucht auch zu sozialer Isolation führen. "Aber es stellt sich die Frage was zuerst da war - die Henne oder das Ei", konstatiert Kahr. Bei jeder Sucht komme irgendwann die Isolation dazu, weil das Suchtverhalten zum Lebensmittelpunkt wird und alle anderen Kontakte wegfallen. Andererseits können Süchte aber auch aus der Isolation heraus entstehen. (Marietta Türk)

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    Die Angebote in der Vorweihnachtszeit oder zum Schlussverkauf können die Kaufsucht verstärken

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