Fingerkleidung

Redaktion, 2. Jänner 2007, 17:00
  • Artikelbild
    foto: archiv

    Strickhandschuhe

  • Artikelbild
    foto: archiv

    Halbhandschuhe

  • Artikelbild
    foto: archiv

    Netzhandschuhe

  • Artikelbild
    foto: archiv

    Lederfäustlinge mit Schaffell gefüttert

Handschuhe als Ersatz für Messer und Gabel und zum Schutz vor Kälte und Verletzungen - Die ersten Fingerlinge und Fäustlinge finden sich in der Antike

Modisches Accessoire, Fingerwärmer oder Schutz vor Verletzungen: Handschuhe sind bei vielen Gelegenheiten nicht mehr wegzudenken. Die Urform der Fingerkleidung wurde in der Antike geortet. In Ägypten, Griechenland und Rom dienten kleine Säckchen aus Stoff oder Leder als Schutz bei der Feld- und Gartenarbeit. Von den GriechenInnen und vor allem von den RömerInnen ist außerdem überliefert, dass sie zum Essen, das bekannterweise ohne Besteck geschah, dünne Fingerlinge getragen haben. Und Gladiatoren benötigten den Fingerschutz, um ihre ölgesalbten Gegner besser fassen zu können, genauso wie Ritter, die Handschuhe zum Schutz vor Verletzungen nützten. Anders die PerserInnen und GermanInnen, denen nachgesagt wird, sie hätten anstelle der Handschuhe Fäustlinge, so genannte "Fausthandschuhe" aus Schafwolle gegen die Kälte angezogen.

Finger-Handschuh als Machtsignum

Im frühen Mittelalter erhielt ein spezieller Finger-Handschuh, der eine Aussparung für den Ring aufwies, vor allem im Bischofsornat liturgische Funktionen. Vom 8. Jahrhundert bis zum Jahr 1000 war dieser Handschuh quasi ein Herrschafts- und Rechtssymbol und allgemein den Adeligen vorbehalten, während die unteren Stände nur Fäustlinge tragen durften.

Etwa um diese Zeit, also um 1000 herum, kam der Damen-Handschuh auf. Aus Ziegen-, Kalbs- oder Hundeleder, seltener aus Seide gefertigt, und mit einer zumeist mit Edelsteinen, Perlen oder Goldknöpfen besetzten Stulpe, an deren Ende sich Fransen befanden, fiel er durch schlechte Passform auf. Dies änderte sich mit der ersten Hanschuhmacher-Innung 1190 in Frankreich. Doch wirklich durchgesetzt hat sich das Tragen von Handschuhen als modisches Accessoire erst im Spätmittelalter mit der Erfindung der "Mitaines". Diese fingerlosen Handschuhe, die sowohl über der Handfläche als auch über dem Handrücken spitz in einer Schneppe ausliefen, galten als Modehit. Kurz darauf kamen auch wärmende, nämlich mit Pelz gefütterte, Modelle auf.

Während die ersten gestrickten Handschuhe bereits im 13. Jahrhundert existierten, gab es gewirkte Stücke aus Seide, teilweise mit eingearbeiteten Silber- oder Goldfäden, erst im 17. Jahrhundert. Lederhandschuhe wiederum wiesen, vermutlich um den Gerbgeruch zu übertünchen, starke Parfümierungen auf und waren lange Zeit mit breiten Stulpen aus Atlasgewebe oder Seide ausgestattet. Bestickt und mit Goldspitzen umrandet, waren sie naturgemäß nur höchsten Standespersonen zugänglich und erlaubt.

Von der breiten Bevölkerung wurden Handschuhe erst ab dem 16. Jahrhundert getragen. Aber auch dann gab es beträchtliche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Die kostbarsten Stücke im 17. Und 18. Jahrhundert waren aus Muschelseide oder aus dünnster Schafshaut gefertigt.

Herrenmode

"A la Crissim" hießen die weit ausgestellten Stulpen der Herren-Handschuhe im 17. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert kamen sie allgemein aus der Mode und wurden nur bei der Jagd getragen. Hundert Jahre später erlebten sie mit Modellen aus merzerisierter Baumwolle ein Revival. Dies änderte sich wieder in den 50er-Jahren, als Handschuhe als modisches Accessoire für Männer verpönt waren und nur zum Schutz gegen Kälte getragen wurden.

Damenmode

"Damen bevorzugten im 17. und 18. Jahrhundert die vorn spitz auslaufenden oder auch gerade endenden Halb-Handschuhe", schreibt Ingrid Loschek in ihrem Mode- und Kostümlexikon. Bei den modischen Details variierten sie vor allem in der Länge, die sich nach jener der gerade moernen Ärmelform richtete. Beispielsweise wurden zu kurzärmeligen Chemisen und ebensolchen oder ärmellosen Ballkleidern Handschuhe bis zum Oberarm verwendet, die auch heute wieder aktuell sind.

Eine kleine Revolution erlebte der Damen-Handschuh zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Verarbeitung der formgerechten Kulierware sowie den Einnaht-Finger-Handschuhen. Zur Ergänzung der Abendrobe kamen Netzhandschuhe, vor allem in Schwarz, Weiß und Beige mit eingewebten Mustern auf. Der sogenannte "Karlsbader Hanschuh", Modelle aus hauchdünner Spitze und Glacé-Handschuhe aus dünnstem Leder gelten als modische Besonderheiten der 30er-Jahre.

Heute gelten sowohl Finger- als auch Fausthandschuhe für beide Geschlechter als modern, vor allem die Halbhandschuhe und verlängerte Pulloverärmel mit Daumenloch sind in der Damenmode wieder up-to-date. (dabu)

  • Christlicher Revolutionär schuf Mao-Anzug [7]

    TitelbildIn den 1960er- und 70er-Jahren prägte der schlichte Anzug den Begriff von den "blauen Ameisen"

  • Plitsch-platsch [10]

    TitelbildKnallbunte Gummistiefel sind der Renner der Saison - Als praktische und wasserdichte Fußbekleidung werden sie bereits seit 1840 hergestellt

  • Historie der Unterwäsche

    Munkeln übers Liebesleben [3]

    TitelbildBis zum 19. Jahrhundert war Damenunterwäsche eine gegenstandslose Sache

  • Stück für Stück zum Glück

    TitelbildDas Bettelarmband hat wieder Saison - Sein Ursprung findet sich im magischen Amulett der Jungsteinzeit, das Schaden abhalten sollte

  • Vom "Lobaufetzerl" bis zum Oben-ohne-Trend [36]

    TitelbildBademode spiegelte in Wien auch immer die Gesellschaft wider

  • Schalen für die Brüste [4]

    TitelbildNeueste Forschungen über WikingerInnen belegen überraschend bunten, glitzernden und "gewagten" Kleidungsstil beider Geschlechter vor der Christianisierung

  • T-Shirt-Held Guevara [64]

    TitelbildAlberto Kordas Fotografie von Che Guevara mit Barett, Bart und sehnsüchtigem Blick eroberte die Welt – und vor allem auch die Märkte

  • Das Appetitröckl [7]

    TitelbildSittsam, schelmisch und verschwiegen: Die Röcke und Kleider als Dessous haben ihren Ursprung im Mittelalter

  • Betucht, aber unpolitisch [76]

    TitelbildLinke, Nazis, Krocha: Alle tragen ein Palästinensertuch - Mit politischem Statement hat das heute kaum mehr etwas zu tun

  • Gipsy-Stil

    TitelbildDer Folklore- beziehungsweise Carmenlook tauchte bereits im 19. Jahrhundert auf - In den späten 1970er-Jahren hatte er Hochsaison

  • Ski heil! Oder so ähnlich [6]

    TitelbildVon der Knickerbocker über die Kristianiahose zur Baggy-Pant - Die Entwicklung der Skimode beginnt Ende des 19. Jahrhunderts

  • Männer in Röcken [6]

    TitelbildHeute gilt der Kilt, auch Schottenrock genannt, postmodern abgewandelt, wieder als en vogue - Seinen Ursprung hat er im 18. Jahrhundert

  • Hauptwärmer [4]

    TitelbildSeit der Bronzezeit ist die Kapuze als Wetterschutz bekannt - Als Gugel war sie modische Kopfbedeckung des Mannes im Mittelalter

  • Hosen, die krachen [31]

    TitelbildDie Trachtenhose aus Leder unterscheidet zwischen der Krachledernen und der Bundledernen - Erstere ist bereits für den Anfang des 18. Jahrhunderts belegt

  • Auf Stelzen gehen

    TitelbildOder unterm Pantoffel stehen - Patschen bieten nicht zwingend Komfort - Die Chopine beispielsweise, Stelzpantoffel des 14. Jahrhunderts, erreichten eine Stöckelhöhe von 50 Zentimetern

  • Die Brustverbesserer [57]

    TitelbildDie Geschichte des BHs führt in die Antike - Von der "Fascia pectoralis" zu Brustleibchen, "No-bra"-Bra, Wonderbra und Push-up

  • Mini- und Maximalismen [4]

    TitelbildDer "Total Look" von Mary Quant konnte sich genauso wenig durchsetzen wie die Maximode - Midi errang über Jahrzehnte einen dauerhaften Sieg

  • Ein Kleid für die Dirn' [58]

    TitelbildDas Dirndl als Teil der österreichisch-bayrischen Tracht ist um 1870 entstanden und ging in den 1930er-Jahren als modische Novität um die Welt

  • Einengungen und Befreiungen [8]

    TitelbildGehobene Brüste und Wespentaille - Schnürbrust, Schoßmieder, Justaucorps - Die Figurbetonung durch das Mieder beginnt bereits in der minoischen Kultur

  • Die Gemse am Kopf [20]

    TitelbildUnd Goiserer oder Haferl an den Füßen - Die zünftigen Trachten-Accessoires gehen auf die Zeit des Biedermeier zurück

  • Weg mit dem "Weiberspeck" [3]

    TitelbildModegeschichtliche Strategien des Verbergens mittels Hüftpolster und Hüftmieder - Die ersten Modelle kamen um 1600 auf

  • Accessoires zum Schwimmen [2]

    TitelbildBademantel und Schwimmschuhe kamen erst im 19. Jahrhundert auf, als das öffentliche Baden für die Oberschicht populär wurde

  • Muff und Schlurpfer [3]

    TitelbildDer "Handwärmer" wurde von beiden Geschlechtern getragen und erreichte seinen modischen Höhepunkt im 18. Jahrhundert

  • Knopf-Knebel-Brandenbourgs [1]

    TitelbildKnöpfe fanden bereits im Altertum als Verschlussart Verwendung und als "Bouton à queue" ab dem 17. Jahrhundert Verbreitung

  • Beinlinge [19]

    TitelbildMit dem Revival der 80er-Jahre sind auch die Wadenwärmer wieder zurück - Was Jane Fonda zum Aerobic trug, gilt nun als ausgehfein

a b1
00
30.5.2007, 15:58
Früher dem Adel vorbehalten ...

... heute dem Standardmenschen (Standard 50er Jahre).

Oder hat jemand kürzlich Handschuhe in m-long gesehen?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.