Mück: "Tut mir leid, wenn ich gekränkt haben sollte"

5. März 2007, 12:14
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"Ich war in der Debatte um ORF-Führung nur ein Vorwand" - Diskussionsverweigerung der Politik hat ORF-Information geschadet

Zwei bis drei Programmstunden Information und Kultur plant ORF-Fernseh-Chefredakteur Werner Mück ab Sommer auf dem Spartensender TW1. Der künftige TW1-Chef weist im APA-Interview noch einmal Kritik am "System Mück" zurück. "Autoritär war ich nie, ich habe nur Entscheidungen getroffen." Auch die neue Geschäftsführung unter Alexander Wrabetz werde sich nicht von "selbst ernannten 'Wächterräten' am Nasenring durchs Haus führen" lassen. Dass nun Geld für ein neues Programmschema vorhanden sei, freut Mück. "Mich hat besonders geschmerzt, dass wir in den letzten viereinhalb Jahren keine Schemareform zu Stande gebracht haben und dass wir außer Sparpaketen in der Information wenig Spielraum hatten."

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APA:Der ORF-Spartensender TW1 soll unter ihrer Leitung zum Informations- und Kulturkanal umgebaut werden. Gibt es schon konkrete Pläne?

Mück: Das Konzept muss erst erarbeitet werden, aber es geht primär darum, den Content des ORF zu nutzen und nicht primär selbst zu produzieren. Eine schrittweise Neupositionierung wird voraussichtlich mit täglichen zwei bis drei Programmstunden Information und Kultur beginnen. Ein Fokus wird im Bereich Dokumentation - also der Auswertung der Schätze des ORF-Archivs - liegen. Dazu kommen zeitversetzte Wiederholungen von ORF-Programmen und Live-Übertragungen, die im Hauptprogramm des ORF nicht geboten werden können.

APA: Wird man wie bei den Spartenangeboten der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland auch Parlamentssitzungen und Pressekonferenzen übertragen?

Mück: Das ist durchaus denkbar, hängt aber von der Beweglichkeit des Schemas ab. Wir haben ja Verträge mit Sport plus, mit dem Wetterpanorama sowie mit Produzenten aus dem Bereich Tourismus. Aber es wird sicher möglich sein, fernab von Quotendruck ein spannendes Qualitätsprogramm zu entwickeln.

APA: Wann soll das neue Spartenangebot starten?

Mück: Wenn der Gesetzgeber grünes Licht gibt, dann kann man das unverzüglich in Angriff nehmen. Sommer 2007 wäre ein realistischer Termin.

APA: Von der Zukunft in die Vergangenheit. Die scheidende ORF-Chefin Monika Lindner gab sich zuletzt auf "Sündenbock"-Suche. Werner Mück soll einer davon sein ...

Mück: Mir hat sie das nicht gesagt, und ich bin überzeugt, dass ich in der Debatte um die Führung des ORF nur ein Vorwand war. Über mich war ja nicht abzustimmen. Wenn man einen Infodirektor Werner Mück nicht haben wollte, hätte man ihn bei der Direktorenwahl ja nicht wählen müssen. Ziel war die gänzliche Neugestaltung der Geschäftsführung.

APA: Dass sie von Lindner in den Tagen vor der Generaldirektorenwahl fallen gelassen wurden hat sie geschmerzt?

Mück: Es hat mich weder geschmerzt noch überrascht, ich hatte ja auch nichts dagegen. Es hat aber auch nichts bewirkt. Ich will das gar nicht so hoch hängen. Letztlich habe ich Verständnis dafür, wenn eine amtierende Generaldirektorin alles unternimmt, um ihr Ziel, wiedergewählt zu werden, auch zu erreichen.

APA: Regierungsnah und autoritärer Führungsstil lautete die Hauptkritik an ihrer Person ...

Mück: Ich hatte das Glück oder Unglück als Chefredakteur für das Spiegelbild einer Regierung verantwortlich gemacht zu werden, die in Österreich heftig umstritten ist. Die schwarz-blaue Regierung, dann schwarz-orange Regierung stand enorm unter öffentlicher Kritik, und wir, die wir das Spiegelbild der politischen Realität jeden Tag geliefert haben, wurden schon deshalb beschimpft. Letztlich ging es nur um die "Zeit im Bild" und nicht um die vielen Sendungen, die ich darüber hinaus zu verantworten hatte. Autoritär war ich nie, ich habe nur Entscheidungen getroffen, wo sie zu treffen waren. Viele Sendungsverantwortliche hat das nie oder kaum tangiert.

APA: Gab es Druck der Regierung?

Mück: Es wird kaum jemand glauben, aber es gab ihn nicht. Diese Regierung war ja nicht sehr diskussionsfreudig und hat ihre Öffentlichkeitsarbeit auf dem unteren Level gefahren. Es ist kein Geheimnis, dass es schwierig war, Bundeskanzler Schüssel überhaupt in eine Sendung zu bringen. Das Problem, ihn jeden Tag ablichten zu sollen, hatten wir ja nicht.

APA: Diese Gesprächsverweigerung der Regierung hat dazu geführt, dass in den ORF-Nachrichten alles in Wolle gepackt war, monierten Kritiker ...

Mück: Unter der Diskussionsverweigerung hat die ORF-Information sicher gelitten, wobei man korrekterweise sagen muss, dass Diskussionsverweigerung derzeit in Österreich eine weit verbreitete Haltung ist. Das geht bis in die Interessenverbände hinein. Wir hätten nicht nur einen leeren Sessel, sondern manchmal drei oder vier Sessel hinstellen müssen. Ob eine Große Koalition ein besseres Umfeld bieten wird, bezweifle ich.

APA: Ein anderer Kritikpunkt betraf ihre persönlichen Umgangsformen. Sind sie wirklich so grob, wie ihnen von der "Mück-Jagdgesellschaft" nachgesagt wird?

Mück: Ich glaube und hoffe nein, zumindest wird mir das in vielen Gesprächen und Mails bescheinigt. Es tut mir Leid, wenn ich jemanden gekränkt haben sollte. Ich habe auch nie ein Problem gehabt, mich zu entschuldigen. Ein unbestreitbares Faktum bleibt aber auch, dass sich 98 Prozent der Kollegen in der Fernseh-Information nicht mit Kritik über Umgangsformen bei der Untersuchungsgruppe gemeldet haben. Wenn man von etwa 400 Leuten insgesamt ausgeht, weiß ich von keinem vergleichbaren Betrieb, in dem es nicht auch einige Leute gibt, die ihren Chefs übel nachreden. Losgegangen ist das ja erst, als der als "Frauenfeind" diffamierte Chefredakteur zwei Frauen - Gabi Waldner und Ingrid Thurnher - mit den wichtigsten Diskussionssendungen des Wahljahres betraut hat.

APA: Sind sie in ein Macht-Vakuum vorgestoßen, wie es Monika Lindner jüngst formulierte?

Mück: Vakuum ist vielleicht zu viel gesagt, ich hatte großen Spielraum. Das ist ja etwas, was sich alle Journalisten wünschen. Ich kenne einige Fundamentalisten, die wollen sich weder von ihrem Chefredakteur noch von einem Informationsdirektor dreinreden lassen. Ich bin sicher, dass auch mein Nachfolger nicht alles abnicken wird, dass er kein Schrankenwärter sein wird und sich nicht darauf reduzieren lassen wird, über Urlaube oder Nebenbeschäftigungen zu entscheiden. Wie ich überhaupt der Meinung bin, dass die neue Geschäftsführung unter Alexander Wrabetz nicht so aussieht, als ob sie sich von selbst ernannten "Wächterräten" am Nasenring durchs Haus führen ließe. Ich meine, dass auch in Zukunft Führungspersönlichkeiten den ORF führen werden.

APA: Die Einsetzung einer Untersuchungskommission gegen sie stellte einen einzigartigen Fall in der ORF-Geschichte dar ...

Mück: Ich erinnere mich an den letzten Satz, den mir Otto Oberhammer, der Vorsitzende dieser Gruppe, mit auf den Weg gegeben hat: Herr Mück, sagte er, man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass es so etwas wie diese Gruppe nie wieder geben wird. Und damit war für mich alles gesagt.

APA: ZiB-Anchorman Armin Wolf hat mit seiner Hochner-Preis-Rede die öffentliche Debatte um den ORF mit in Gang gesetzt und sich damit zum "Widerstandskämpfer" gegen das "System Mück" stilisiert ...

Mück: Ich will dem Kollegen Wolf kein öffentliches Zeugnis ausstellen. Was ich davon gehalten habe, weiß nicht nur er. Nur so viel: Es war eine polemische Verzerrung der Realität und die willkommene Geräuschkulisse für die Architekten des Regenbogens. Er hat seine Egozentrik über Jahre hinweg mit einem Fanatismus ausgelebt, der für mich etwas sektiererisches hatte.

APA: Der künftige Informationsdirektor Elmar Oberhauser genießt ebenfalls den Ruf, einen nicht unumstrittenen Führungsstil zu pflegen. Von ORF-Pointenschleuderern hört man den Satz: Die Rache des Werner Mück an der Fernseh-Information ist Elmar Oberhauser?

Mück: Man kann Pointen und Karikaturen nicht dementieren.

APA: Was sagen sie zu den angekündigten Vorhaben in der TV-Information, das Ende der ZiB-Durchschaltung scheint beschlossene Sache?

Mück: Ich kommentiere Entscheidungen der neuen Geschäftsführung sicher nicht. Wenn man die ZiB nicht mehr durchschalten will, dann ist das die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass man die ZiB nicht auf jung schminken kann, um junges Publikum zu halten, wie man das von mir immer gefordert hat. Wenn man jetzt die finanziellen Mittel hat, andere Prämissen zu setzen, dann wünsche ich dem Unternehmen den denkbar größten Erfolg damit. Mich hat besonders geschmerzt, dass wir in den letzten viereinhalb Jahren keine Schemareform zu Stande gebracht haben und dass wir außer Sparpaketen in der Information wenig Spielraum hatten. Ich bin für alle Mitarbeiter froh, dass das jetzt anders werden soll.

APA: Ihre Amtsperiode wurde zuletzt vor allem durch die Kritik an ihrer Person überschattet. Gab's denn auch Erfolge?

Mück: Als Erfolg werte ich zum Beispiel, dass es gelungen ist, einen Korrespondenten für den arabischen Raum zu installieren. Vor dem Hintergrund des Spargebots ist das gar nicht so leicht gewesen. Ein weiterer Erfolg war für mich, dass wir alle gemeinsam Großereignisse wie das Jahrhunderthochwasser, Terroranschläge, Tod und Neuwahl eines Bundespräsidenten, Tod und Neuwahl eines Papstes, die Kriege in Afghanistan und im Irak, den Tsunami und letztlich die EU-Präsidentschaft sowie zwei Nationalratswahlen auf respektablem Niveau über den Sender gebracht haben. Das alles in einer sehr komplizierten Struktur, denn die Auseinandersetzungen um Sendeplätze und um die Möglichkeiten von Live-Einstiegen haben mich schon sehr genervt. (Das Interview führte Johannes Bruckenberger/APA)

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