Ausgrenzung von jüngeren Generationen schlimmer erlebt

28. April 2008, 10:56
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EU-Studie zu Islamophobie: Enger Zu­sammen­hang zwischen Staats­bürgerschaft und Integration - Mit Bericht zum Download

Einen engen Zusammenhang zwischen Staatsbürgerschaft und Integration von Zuwanderern sieht die Europäische Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC). "Ohne Staatsbürgerschaft gibt es das Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht als Teil des Staates gesehen zu werden", erklärte Tufyal Choudhury, einer der Autoren der Untersuchung mit dem Titel "Wahrnehmung von Diskriminierung und Islamophobie", die am Montag in Wien präsentiert wurde.

 

Das Gefühl des Ausgeschlossenseins bestehe allerdings auch dann weiter, wenn die Zuwanderer die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Landes haben, berichtet der Wissenschafter der britischen Universität Durham. Die Enttäuschung bei den jüngeren Generationen sei dabei oft größer als jene von Zuwanderern der ersten Generation: "Sie sind ehrgeiziger und haben eine größere Erwartungshaltung", so Choudhury. Ein Teufelskreis, denn genau dies führe zugleich dazu, dass Ausgrenzung auch als schlimmer erlebt werde.

Wunsch Teil der Gesellschaft zu sein

Viele Muslime nämlich wollten sehr wohl Teil der Gesellschaft des Landes sein, in dem sie Leben. Der Wissenschafter zitierte dazu einen jungen Mann aus Deutschland: "Schon als ich noch sehr jung war, wollte ich Teil der Gesellschaft sein, allerdings kam ich letztlich zu dem Schluss, dass darüber nicht ich allein entscheide. Selbst wenn ich also Teil der Gesellschaft werden will, ist mir das nicht möglich, so lange mich die anderen nicht akzeptieren."

Nicht nur tatsächliche Diskriminierungen, wie sie im ebenfalls am Montag präsentierten Bericht über die Lage von Muslimen festgestellt werden, nähren das Gefühl der Ausgrenzung. Ebenso fühlten sich viele Muslime unter ständiger Beobachtung, berichten Befragte in der Studie. Sie hätten das Gefühl, ihre Loyalität zum Staat werde ständig in Frage gestellt, oder es werde suggeriert, der muslimische Glauben sei im Widerspruch mit den säkulären Werten der Europäischen Union. Als Beispiel dafür wird etwa die Debatte über das Kopftuch genannt. Laut Choudhury würden denn auch Debatten über die Verschärfung des Staatsbürgerschaftsrechts als weiteres Signal wahrgenommen, dass man nicht gewollt werde.

Kommentare im Vorbeigehen und "Witze"

Die Befragungen habe ergeben, dass Muslime mehrheitlich unter verbalen Angriffe und in geringerem Ausmaß an tätlichen Übergriffen leiden. Neben diesen zwei Phänomenen würden sich Diskriminierungen oder Islamophobie vor allem in kleinen Zwischenfällen im Alltag äußern, etwa Kommentare im Vorbeigehen oder "Witze".

Choudury zitierte eine Frau aus Österreich: "Wenn jemand mit einem anderen spricht oder einen Witz macht, allerdings in lauter Stimme, so dass man es nicht überhören kann. "Jemand, der ein Kopftuch trägt, hat in diesem Land nichts verloren". Oder jemand geht mit seinem Hund vorbei und ruft seinem Haustier "Fass!" zu und deutet auf einen Moslem. Man versucht diese Dinge nicht an sich heranlassen zu kommen, aber an manchen Tagen ziehen sie einen wirklich runter."

"Bis zu einem gewissen Grad Ausländer"

Der Studienautor zitierte ebenso eine Niederländerin, die berichtete, sie werde oft gefragt, ob sie denn wieder in ihr "Heimatland" zurückkehren wolle. "Ich bin in Rotterdam geboren, wo sollte ich also hingehen? Es ist eine wirklich schmerzliche Frage, denke ich, die dazu führen, dass man sich als Ausländer fühlt, und ich denke, dass man akzeptiert, bis zu einem gewissen Grad ein Ausländer zu sein."

Trotz der vielen Probleme aber gebe es auch positive Aspekte, meint Studienautor Choudury. Zwar gebe es ein Gefühl der Angst und der Ungewissheit, dennoch aber würden die Befragten sich auch hoffnungsvoll äußern. "Ich bin sehr optimistisch, wir haben zwei oder drei Generaktionen und wir können auch sehen, dass viele auf Unis oder höhere Schulen gehen, mehr Menschen haben auch Schlüsselpositionen in den Niederlanden, ich bin sehr optimistisch, aber ich es gibt noch viel zu tun." Ähnlich die Sicht einer Frau aus Großbritannien, die einen Hoffnungsschimmer darin sah, dass sich auch Muslime engagieren und versuchen, zur Problemlösung beizutragen und ihre Lage so zu verbessern.

Diese Aussage entspricht auch eine immer größerer Wunsch, den das EUMC in seiner Untersuchung bei immer mehr Muslimen feststellt, dass sich Muslime mehr danach bestrebt sein sollten, an der Gesellschaft teilzuhaben und mehr zu ihrer eigenen Integration beizutragen.

Keine Einbahnstraße

EUMC-Chefin Beate Winkler betonte in diesem Zusammenhang allerdings, dass Integration keine Einbahnstraße sei. Natürlich müssten auch Muslime die Bereitschaft zeigen, sich integrieren zu wollen. "Dies kann aber nur dann funktionieren, wenn Integration auch vom Mainstream der Gesellschaft gefördert wird", so Winkler. Sie richtete einen Appell an die Regierungen, die Bekämpfung von Diskriminierungen von Muslimen und Islamophobie zu einer Priorität ihrer Politik zu machen.

Die Untersuchung des EUMC über Islamophobie beruht auf 58 eingehenden Interviews mit Mitgliedern muslimischer Organisationen und muslimischer Jugendgruppen in zehn EU-Mitgliedstaaten mit einem signifikanten Anteil von Angehörigen des muslimischen Glaubens, darunter Österreich. In dem Bericht wird hervorgehoben, dass es sich um Momentaufnahmen der Meinungen, Gefühle, Ängste Frustrationen und auch der Hoffnungen für die Zukunft handle, die von vielen Muslimen in der EU geteilt werden. (Sonja Fercher/derStandard.at/ 18.12.2006)

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    Studierende der Kunstfakultät der Uni Beirut arbeiten an einem Bild, mit dem die verschiedenen Religionen dargestellt werden sollen.

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