Lieber Gott, sag dem Christkind, es ist zum Speiben

27. Dezember 2006, 10:26
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Ein polemisches Lamento zur Weihnachtszeit - Kommentar der anderen von Niki Glattauer

Lieber kleiner Gott, eigentlich wollte ich ja dem Christkind schreiben, aber das hat einen Vertrag mit diesem Handy-Betreiber und muss jetzt den ganzen Tag Klingeltöne verkaufen. Also schreib ich an dich. Du bist ja inzwischen so klein geworden, dass ich das wage, obwohl ich nur ein Lehrer bin.

Es geht um "sie". Ich meine die, die alles machen: die zu wenige Arbeit, die zu warmen Winter, die Handys für Vierjährige, die Kriege gegen den Terrorismus, die Herren-Abfahrten, die Schule, 6 aus 45, die Gesetze, die Attentate mit Polonium, die Krankenpflegereform, dass der einen nichts haben und die anderen alles, die Lugners, eben alles.

Ich bin ja, wie du weißt, seit fast 48 Jahren Mensch in Österreich, und ich sag dir: zum Speiben.

Zuschauen beim Monopoly Spielen

Wir haben keine andere Funktion mehr als die, ihnen beim Monopoly Spielen zuzuschauen. Wir selber sind nach ein paar Runden draußen gewesen: fünf Mal schlecht gewürfelt, zehn Mal über den Tisch gezogen, dann haben sie mit unseren Straßen und Häusern weitergespielt. Der eine hat jetzt Brüssel und Moskau, der andere New York und Peking, voll mit Hotels. Der mit Peking hat in der letzten Runde auch noch Afrika gekriegt. Jetzt warten sie ab, wer bei wem öfter hineinfällt, dann ist das Spiel wohl endgültig aus.

Wir haben eine Demokratie, sagen sie, aber von uns hat keiner etwas zu sagen, darum scheißen die Menschen auch langsam auf die Demokratie.

Frag eine Krankenschwester in einem Pensionistenheim! Sie wird dir sagen, dass zehn Patienten auf eine Schwester in Wahrheit einfach nicht geht. Aus.

Frag eine Lehrerin in einer Wiener Haupt! Sie wird dir sagen, dass zwanzig Halbwüchsige auf eine Lehrerin einfach nicht geht. Aus.

Frag eine Mutter! Sie wird dir sagen, dass Teilzeit für eine Alleinerzieherin, egal mit wie viel Kindern, einfach nicht geht. Und Vollzeit natürlich schon gar nicht, denn Kinder sollst du kriegen, und Geld verdienen auch (weil einer muss ja die Steuern zahlen, mit denen sie dir deine Abfangjäger kaufen), aber deine Kinder kannst du derweil auf dem Mond parken.

Und dann frag einer den Alten, warum er sich jede Nacht absichtlich aus dem Bett fallen lässt Und dann frag einer den Schüler, warum er nach dem Unterricht nicht fürs Leben lernen geht, sondern Kanaken hauen. Und dann frag einer die Pennymarkt-Kassierin, die täglich aus dem Waldviertel anpendelt, weil dort im Haus der Schwiegereltern wenigstens das Wohnen gratis ist. Früher haben sie dort die grünen Hosen für die Polizei genäht. Aber dann haben sie den Auftrag EU-weit ausgeschrieben, und jetzt haben sie in der Ukraine den Job und die Hosen sind blau. Ja, zuerst erzählen sie dir das Blaue vom Himmel, dann erleben die Menschen ihre blauen Wunder. Und dann wundern sie sich, dass die Leute das Zeug am Schluss auch noch wählen.

Ist da jemand?

Man kommt ihnen mit Argumenten. Glaubst du, einer hört zu? Man kommt mit Beispielen aus der Praxis. Glaubst du, einer hört zu? Man kommt mit Appellen an die Vernunft. Glaubst du einer hört zu? Dann an das Gewissen. Glaubst du, einer hört zu? Am Schluss kommt man mit Bitten. Aber einen was zu bitten ist heutzutage sowieso mega ungeil, da heißt es dann: Hat der denn keine Argumente?

Also erzähl ich es dir, lieber, kleiner Gott (schauen wir, wie ich mich danach fühle).

Dass ich es heute tue, hat einen Anlass. Ein Herr aus Salzburg hat, obwohl er Politiker ist, vorgeschlagen, dass die ganz Reichen den ganz Armen was geben sollen. Da dachte ich schon an ein kleines vorweihnachtliches Wunder.

Aber dann hab ich in den Zeitungen die so genannten "Reaktionen" gelesen. Sogar der rote Pensionistenboss ist dagegen: "Ein unkluger Vorstoß zum falschen Zeitpunkt!" Wann wäre denn der richtige Zeitpunkt, Herr Blecha, 2084, wenn Sie nicht mehr Pensionistenboss sind?

Dass der Gewerkschaftsboss mit den ewig heruntergezogenen Mundwinkeln, der leider auch mein Gewerkschaftsboss ist, dagegen sein würde, war klar: Wo kämen wir denn da hin, wenn ...?

Tja, wo kämen wir denn hin, wenn einer, der 2500 Euro-Pension hat, einem, der gar nichts hat, 50 Euro spendet? In den Himmel vermutlich noch nicht.

Seit einigen Wochen lese ich im STANDARD und den beiden anderen anständigen Zeitungen (Falter und Furche, nur damit du dem Christkind sagen kannst, wer heuer noch ein paar extra Zuckerl verdient), wie "reich" wir Österreicher wirklich sind: 100.000, die vor der "Wohnungslosigkeit stehen"; 500.000, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können; 100.000, die auf ihre Bank betteln gehen müssen, wenn ihre Kinder Sportwoche haben; 2.000, die unter der Brücke schlafen - alte Menschen vor allem und Frauen.

Was die Zahlen lehren

Ein naher Verwandter von mir, der sein ganzes Leben lang hart und noch härter gearbeitet hat, soll jetzt mit einer Netto-Pension von 370 Euro das Auslangen finden. Okay, er hat den Fehler gemacht, ein paar Jahre im Ausland zu leben und zweimal falsch zu heiraten. Sache ist: Der Mann hat 40 Jahre lang Steuern bezahlt und kriegt jetzt einen Bettel. Sozialhilfe gibt es für ihn übrigens auch keine, weil Unterhaltszahlungen nicht anerkannt werden, auch wenn sie die eigene Existenz bedrohen. Ein Loch im Sozialsystem. Aber darüber denken die anderen Löcher im System nur noch dann nach, wenn sie das eigene Personal betreffen. Ob der Herr Minister Wende & Winde vom Klunker seiner gläsernen Älplerin wohl luxuriös genug leben wird können? Oder lassen wir ihn lieber noch für ein paar Jahre Vizekanzler sein? Ob die pauschale Büromittelzulage von monatlich rund 3876 Euro für einen österreichischen EU-Mandatar nicht zu gering bemessen ist? Immerhin beträgt sein Monatsgehalt mickrige 7905 Euro plus natürlich das Taggeld für jede einzelne parlamentarische Sitzung in der Höhe von 274 Euro plus Flugpauschale plus Sekretariatszulage. (Zahlen aus Österreich; der Zeitung, lieber Gott, kannst du noch eine Chance geben, die haben immerhin die Stöckl)

Wo die Witze sitzen

Wir haben bei mir in der Schule "Engerl, Bengerl" gespielt, maximal 10 Euro waren ausgemacht. Am nächsten Tag ist die Mutter des Mädchens, das mich gezogen hat, vor dem Lehrerzimmer gestanden. Ob sie mir das Geschenk vielleicht erst später geben kann, weil sie hat ja noch drei Kinder und keinen Mann, wie ich wisse, und sie weiß nicht, ob die Tierhandlung, in der sie arbeitet, nach Weihnachten wieder aufsperren wird.

Das ist kein Witz, lieber kleiner Gott, die Witze sitzen in Österreich am Ballhausplatz.

Apropos: Eines kannst du dem Christkind noch ausrichten, sobald es mit dem Verkaufen von Klingeltönen fertig ist: Ich habe noch nie in meinem Leben demonstriert (nicht einmal damals am Heldenplatz, du weißt, als Karl Schranz& Scherz!). Aber im Ernst: Wenn die nächste Regierung wieder nur aus denen besteht, die sagen: Uns geht es so gut wie noch nie!, dann schreibe ich keine Briefe mehr, dann gehe ich auf die Straße.

Weil ich nämlich mein Gewissen beruhigen will. Das finden sie übrigens verächtlich: "nur" sein Gewissen zu beruhigen. Verstehst du das? Ich stelle mir vor, wie die Welt wäre, wenn jeder ernsthaft versuchen würde, sein Gewissen zu beruhigen. Wetten, dann würdest du wieder groß werden, und das Christkind bräuchte nicht mehr Klingeltöne zu verkaufen, nur weil sie für das "Ausländerbaby ohne Niederlassungsnachweis" die Kinderbeihilfe nicht zahlen... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.12. 2006)

*Niki Glattauer, Autor und Lehrer in Wien, arbeitet derzeit für die Europäischen Liberalen an einem Buch "zur Lage der Welt".
  • Die Erscheinung des Engels - aus Hugo Balls "Krippenspiel" in der Inszenierung des Wiener Kabinetttheaters.
    foto: standard/corn

    Die Erscheinung des Engels - aus Hugo Balls "Krippenspiel" in der Inszenierung des Wiener Kabinetttheaters.

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