"Schwarzsehen ist kein Kavaliersdelikt"

21. Jänner 2008, 10:52
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Carsten Schmidt von Premiere-Österreich im Interview über HDTV und Copyrights, warum IPTV Pay-TV nicht gefährdet, Youtube und die Strafbarkeit der Piraterie

Was wird das Fernsehen künftig bringen neben HDTV? Mit der Chance als schlanker Pay-TV-Sender Pionierarbeit leisten zu können, will Premiere künftig Receiver mit einem Rückkanal ausstatten und auch auf User-Generated-Content nicht verzichten. Das hoch gepriesene HDTV wird in Zukunft auf HDD-Recordern aufgezeichnet werden dürfen - externe Datenträger bleiben ausgeschlossen. "Die Alternative für Premiere wäre auf eine Ausstrahlung von Filmen gänzlich zu verzichten", meint Carsten Schmidt, Geschäftsführer von Premiere Österreich und betont gegenüber dem WebStandard, dass "jegliche Form der Piraterie strafbar" ist.

WebStandard: Nach dem Verlust der Bundesliga-Lizenz, wie läuft das Geschäft?

Carsten Schmidt: Wir sind zufrieden. Die von vielen Beobachtern erwartete Kündigungswelle ist von uns gut gemanagt worden und somit nicht über uns hereingebrochen, ganz im Gegenteil: Das Geschäftsmodell von Premiere mit seinem vielfältigen, umfassenden Programmangebot hat sich als robust erwiesen. Wir sind nach wie vor die mit Abstand führende Marke im deutschsprachigen Pay-TV-Geschäft. Premiere hat im 3. Quartal 2006 wieder schwarze Zahlen geschrieben. Im 4. Quartal rechnen wir wieder mit einem Nettowachstum des Abonnentenbestandes.

WebStandard: Welche Channels laufen am besten?

Carsten Schmidt: Unser Angebot wird insgesamt sehr gut genutzt. Traditionell erfreuen sich unsere Filmkanäle mit zahlreichen Blockbustern sehr großer Beliebtheit. Dazu kommen die Live-Übertragungen von vielen verschiedenen Sportereignissen, die auch ohne die Fußball-Bundesliga immer wieder Spitzenwerte erreichen. Aber auch unser Angebot an Themenkanälen und Serien wird mehr denn je von unseren Zuschauern genutzt.

WebStandard: Wie entwickelt sich der österreichische Markt?

Carsten Schmidt: Mit der Entwicklung in Österreich sind wir sehr zufrieden. Wir konnten unsere Abonnentenzahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich steigern – auch dank der hervorragenden Live-Berichterstattung von der T-Mobile Bundesliga und der Red Zac Ersten Liga. Inzwischen liegen wir bei über 325.000 Abonnenten. Womit wir unsere gesteckten Ziele erreicht haben.

WebStandard: Gibt es eine Tendenz in Richtung Pay-TV?

Carsten Schmidt: Mit der Digitalisierung werden immer mehr Angebote an den Markt getragen. Premiere als bekannte Marke profitiert überproportional von dieser Entwicklung. So gesehen ist eine positive Tendenz erkennbar.

WebStandard: In den letzten Jahren gab es oft Probleme mit Schwarzsehern, wie sieht die Lage jetzt aus?

Carsten Schmidt: Seit der Einführung des neuen Verschlüsselungssystems vor ein paar Jahren gab es kaum Probleme. Aber natürlich sehen wir uns wie alle Anbieter von geschützten und interessanten Inhalten Angriffen ausgesetzt. Unser Verschlüsselungsdienstleister arbeitet aber kontinuierlich an Verbesserungen des Systems.

WebStandard: Wie hoch ist der (geschätzte) Anteil an Schwarzsehern?

Carsten Schmidt: Angesichts der hohen Preise, die für eine illegale Zugangskarte für Pay-TV-Angebote gezahlt werden müssen, ist der Markt äußerst klein. Heute ist es ja günstiger, ein Premiere-Abo abzuschließen, wenn man auch noch die ständigen Updates dazu nimmt, mit denen die Kartendealer zusätzlich Geld verdienen wollen. Und ganz zu Schweigen von der Strafverfolgung durch Polizei und Gerichte, der man sich unweigerlich durch diese illegale Machenschaften aussetzt.

WebStandard: Kann das Katz-und-Maus-Spiel überhaupt gewonnen werden?

Carsten Schmidt: Schwarzsehen ist kein Kavaliersdelikt, jegliche Form der Piraterie ist strafbar! Und Premiere geht mit allen zur Verfügung stehenden technischen und juristischen Mitteln gegen Piraterie vor. Wir haben in den vergangenen zwölf Monaten etliche juristische Erfolge erzielt. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen und die abschreckende Wirkung ist groß.

WebStandard: Schlagwort HDTV. Premiere wirbt besonders damit – welchen Anteil machen HD-Inhalte aktuell überhaupt aus?

Carsten Schmidt: Premiere zeigt auf zwei HD-Kanälen rund um die Uhr echtes HDTV-Programm. An Inhalten mangelt es nicht, denn die großen Blockbuster werden schon seit mehreren Jahren in HD produziert. Dokumentationen, die auf Discovery HD laufen, sind ebenfalls in HD aufgenommen. Auch im Sport nimmt der Anteil an HD-Produktionen stetig zu. Noch ist es aber zu teuer, alle Sportereignisse in HD zu produzieren, zumal dafür auch häufig die Abnehmer in Europa fehlen.

WebStandard: Wer ist schuld daran, dass HD in Europa so lange auf sich warten lassen hat?

Carsten Schmidt: Es ist keine Frage der Schuld, warum HDTV in Europa erst einige Jahre nach den USA gestartet ist. HDTV war vorher einfach nicht refinanzierbar. In den USA zum Beispiel wurde HDTV per Gesetz eingeführt. Die Sender wurden gezwungen, einen Teil ihres Programms in HD auszustrahlen. Nach der Wirtschaftlichkeit wurde nicht gefragt. Erst seit gut einem Jahr, mit der Einführung einer neuen Technologie, ist ein wirtschaftlich vernünftiger HDTV-Sendebetrieb möglich. Seitdem ist Premiere mit HDTV auf Sendung.

WebStandard: Sehen Sie ein großes Bedürfnis nach HDTV?

Carsten Schmidt: In diesem Jahr werden in Deutschland erstmals mehr Flachbildschirme als Röhrenfernseher verkauft – wahrscheinlich über drei Millionen Geräte. Und wer einmal gesehen hat, wie sein normales TV-Signal auf einem großen Bildschirm aussieht, der hat definitiv ein gesteigertes Bedürfnis nach einem besseren Fernsehbild. Nur mit HDTV und Premiere kann man das Potenzial seines neuen Fernsehers voll ausschöpfen.

WebStandard: Was muss passieren, um HD weiter zu verbreiten?

Carsten Schmidt: Premiere hat bei der Einführung von HDTV wieder die Vorreiterrolle übernommen und dafür auch entsprechende Investitionen vorgenommen. Wir wünschen uns, dass mehr Sender in Europa diesen Schritt gehen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit weiter gesteigert und die Verbreitung von HDTV nimmt zu. Denn wer einmal HDTV in seiner ganzen Brillanz gesehen hat, ist absolut begeistert.

WebStandard: Weshalb wird HDTV nicht in 1080p ausgestrahlt?

Carsten Schmidt: TV-Ausstrahlungen in 1080p sind nicht umsetzbar. Es fehlt an der technischen Ausrüstung, von der Produktion über die Ausstrahlung bis hin zum Empfang. Premiere strahlt sein Programm in 1080i aus – und damit mit der größtmöglichen Zeilenzahl.

WebStandard: Wenn könnte das erste Mal in 1080p gesendet werden?

Carsten Schmidt: Es ist schwer abzuschätzen, ob 1080p überhaupt von technischer Seite im TV-Bereich umgesetzt werden kann. Und wer weiß, von welchen Formaten wir in zehn Jahren sprechen, vielleicht sind ja bis dahin 1080 Zeilen schon nicht mehr aktuell.

WebStandard: Denken Sie, war die Aufklärung der Kunden über die neuen HD-Formate ausreichend? -> Zahlreiche Fernseher sind im Umlauf, die nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen…

Carsten Schmidt: Kunden sollten nicht mit Formatdiskussionen oder technischen Standards überfordert werden. Gerade deshalb wurde ja das "HD ready" Logo entwickelt. Nur „HD ready“ gibt dem Käufer die Garantie, dass das Fernsehgerät für die Zukunft gerüstet ist und HDTV abbilden kann. Entscheiden muss der Kunde dann nur noch nach seinen eigenen Qualitätskriterien.

WebStandard: Besteht die Möglichkeit HD-Filme (in voller Qualität) über Premiere aufzunehmen?

Carsten Schmidt: Derzeit besteht keine Möglichkeit Filme von Premiere HD aufzunehmen, da es noch keine entsprechenden Aufzeichnungsgeräte gibt. Premiere Digital-Rekorder werden aber voraussichtlich Ende 2007 auf den Markt kommen, dann sind auch Aufnahmen von HD-Filmen möglich. Unabhängig davon wird aber eine Aufzeichnung auf externe Datenträger wie zum Beispiel DVDs aus Kopierschutzgründen nicht möglich sein. Vor allem die Hollywood-Studios bestehen verständlicherweise zum Schutz ihrer Inhalte auf einen digitalen Kopierschutz. Die Alternative für Premiere wäre auf eine Ausstrahlung von Filmen gänzlich zu verzichten.

WebStandard: Sehen Sie klassische PayTV-Anbieter durch IPTV gefährdet?

Carsten Schmidt: Im Gegenteil. Wir nutzen Breitbandnetze neben Kabel und Satellit als neuen Verbreitungsweg für unsere Programme und haben die Chance, damit neue Kundengruppen anzusprechen. Das superschnelle VDSL-Netz, das die Telekom in Deutschland aufbaut, wird zum dritten Übertragungsweg für Fernsehen. Premiere und viele andere Sender sind hier schon aktiv beteiligt. Aber auch einzelne Sendungen können über das Internet übertragen werden. Premiere mit seinen exklusiven und attraktiven Programminhalten ist auch hier in einer Vorreiterrolle. Wir zeigen zum Beispiel schon seit Beginn der Saison die Spiele der Champions League in Österreich auch live im Internet zum Einzelabruf – mit stetig steigendem Erfolg.

WebStandard: Bei IPTV ist Interaktivität ein Schlüsselwort – Was macht Premiere in dieser Hinsicht? Was bringt die Zukunft?

Carsten Schmidt: Premiere steht schon seit langer Zeit im direkten Kontakt mit seinen Kunden. Interaktivität über das Internet ist dabei nur die konsequente Fortsetzung des Dialogs. Wir führen gerade eine neue Receivergeneration ein, die durch einen integrierten Netzwerkanschluss rückkanalfähig und damit für interaktive Anwendungen vorbereitet ist.Wir haben hier die Chance, neue Services und Geschäftsmodelle einzuführen.

WebStandard: Die Telekom-Austria hat bei ihrem IPTV-Angebot Interesse an User-Generierten-Inhalten. Wie sieht das bei Premiere aus? Kann es so etwas wie Youtube auf Premiere geben?

Carsten Schmidt: Premiere hat bereits bei der WM 2006 mit so genanntem "user generated content" Pionierarbeit im Fernsehen und Online geleistet. Unsere Zuschauer haben unzählige eigenproduzierte Filme und Bilder eingeschickt, die dann an jedem Tag in der Rubrik "Meine WM" gezeigt wurden. Täglich haben durchschnittlich 200.000 Zuschauer diese Sendung verfolgt. Parallel dazu haben wir unter www.meinewm.tv auch im Internet eine Plattform für unsere Zuschauer geschaffen.

(Die Fragen stellte Zsolt Wilhelm)

  • Carsten Schmidt, Geschäftsführer von Premiere Österreich
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    Carsten Schmidt, Geschäftsführer von Premiere Österreich

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