"Die Einsamkeit macht mich verrückt"

12. Juni 2007, 17:10
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Ungewisse Zukunft, unerreichbare Bildungsleiter: Der Alltag junger Flüchtlinge

Wien - 14 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge leben bis zu ihrer Volljährigkeit in der Wohngemeinschaft "Karibu" - einem vom Flüchtlingsdienst der Diakonie gestarteten Projekt im 17. Wiener Gemeindebezirk. Aus- und Weiterbildung wird angeboten, die Freizeit verbringen sie im Gemeinschaftsraum oder mit Aktivitäten außer Haus - arbeiten ist den Jugendlichen vom Gesetz her untersagt.

"Ich langweile mich hier einfach", erzählt der 17-jährige aus Afghanistan stammende Hadi und beschreibt damit auch die Situation vieler anderer Flüchtlinge. Hadi immigrierte vor zwei Jahren nach Österreich und machte seinen Hauptschulabschluss - selbst eine Lehre anzufangen ist ihm nicht genehmigt. Derzeit hofft er auf die Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen und die Matura zu machen. "Mein Ziel ist es, Industriekaufmann zu werden", berichtet er voller Hoffnung.

Harter Weg in die AHS

Doch die Zahlen zeigen in dieser Hinsicht erschreckende Fakten, wie die Leiterin des Projekts, Zohreh Mohammad, anführt: "In den letzten vier Jahren haben es nur drei von hunderten unserer Jugendlichen geschafft, eine höher bildende Schule zu besuchen." Eine auf dem Tisch liegende Zeitschrift faltend, berichtet Hadi, er habe jene 200 für Flüchtlinge zur Verfügung gestellten Deutschstunden bereits absolviert - die, wie die Leiterin meint, nicht reichen, um das für Gymnasien nötige Sprachniveau zu erreichen.

"Die Unwissenheit über unsere Zukunft ist für uns ein großes Problem", kritisiert Hadi die "Ewigkeit" bis zum Erhalt eines Aufenthaltbescheides - ob nun positiv oder negativ. Seine Gesten und seine Mimik symbolisieren Unbehaglichkeit, welche durch das Thema Zukunft - das bei Hadi ständig für Enttäuschungen sorgt - ausgelöst wird. Das lange Schweigen im Raum bricht er mit schönen Erinnerungen an sein Herkunftsland und seine dort zurückgelassene Familie. "Ich kann meine Heimat nicht vergessen."

Mohammad zufolge sind die Jugendlichen durch die gefährliche Reise und besonders durch die Trennung von der Familie traumatisiert, was auch an den glasigen Augen des jungen Afghanen erkennbar ist. "Die Einsamkeit macht mich verrückt", sagt Hadi.

Voller Stolz erwähnt er sein am folgenden Tag stattfindendes Vorstellungsgespräch bei einem Gymnasium. Er werde es schon schaffen, meint Mohammad zuversichtlich. Doch einen Tag danach ist bekannt: Hadi wurde abgelehnt. (Sara Mansour Fallah; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.11.2006)

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